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Angetestet: Autodesk Revit Building

 

   

               

Revit ist das zweite Architektur-CAD-System im Portfolio von Autodesk und seit rund einem Jahr auch in einer deutschsprachigen Version erhältlich. Im Gegensatz zum Architectural Desktop – zu dem es laut Autodesk nicht in direkter Konkurrenz steht – entspringt es nicht der AutoCAD-Produktlinie. Vielmehr ist Revit ein völlig eigenständiges Programm, das von der im Jahr 2002 von Autodesk übernommenen Revit Technology Corporation in den USA entwickelt wurde.Im Rahmen dieses Berichts kann nur auf einen Teil der Fähigkeiten des Programms eingegangen werden. Der an Revit näher Interessierte sollte sich deshalb unbedingt die 30 Tage lang uneingeschränkt nutzbare, kostenlose Testversion bestellen.    

 

Oberfläche

Das erstmals im April 2000 erschienene Revit profitiert offensichtlich von der “Gnade der späten Geburt”. Denn die Entwickler konnten dadurch ihre Vorstellung von einem modernen CAD-System konsequent umsetzen – ohne “Altlasten” aus DOS- oder UNIX-Tagen und ohne Rücksicht auf die Gewohnheiten einer bestehenden Anwendergemeinde. So orientiert sich die Benutzeroberfläche von Revit an den Standards von Microsoft und ist für ein “ausgewachsenes” CAD-System erfreulich übersichtlich und logisch gegliedert. Zentraler Bestandteil der Oberfläche ist der so genannte Projektbrowser. Über dessen Strukturbaum greift der Anwender auf alle im Projekt vorhandenen Sichten auf das Gebäudemodell, Pläne, Listen und die so genannten “Familien” zu.

 

Familien

Bei den Familien von Revit handelt es sich nur auf den ersten Blick einfach um parametrische Bibliothekselemente, wie man sie auch aus vielen anderen CAD-Programmen kennt. Das Familien-Konzept ist jedoch wesentlich mächtiger. Denn zunächst ist es nicht auf “klassische” CAD-Bibliothekselemente wie Möblierung oder Plansymbole beschränkt, sondern umfasst ebenso die konstruktiven Bauteile wie Wände, Decken, Dächer und Treppen. Auch Beschriftungen, Bemaßungen und Planköpfe sind in Familien organisiert. Eine Familie besteht meist aus verschiedenen Typen mit voreingestellten Parameterwerten. Beispielsweise kann eine Türen-Familie aus einer Reihe von Typen mit unterschiedlicher Breiten und Höhe bei ansonsten identischer Ausführung bestehen. Wird einer dieser Typen im Projekt platziert, so spricht man in Revit von einem “Exemplar”. Dieses bleibt stets mit seinem Typ verbunden, welcher wiederum auf seiner Familie basiert. Diese Zusammenhänge sind vor allem bei globalen Änderungen und zur Einhaltung von Projekt- oder Bürostandards hilfreich: Der “gemeine Anwender” arbeitet nur mit den Familientypen, die zuvor vom Projektleiter ins Projekt geladen wurden. Er hat dann beispielsweise nur die vier verschiedenen Fenstertypen zur Auswahl, die im Projekt verwendet werden sollen, und muss nicht lange im umfangreichen Gesamtkatalog nach dem richtigen Bauteil suchen. Auch braucht er sich meist nicht um Parameter-Einstellungen kümmern, da diese größtenteils oder zur Gänze über den ausgewählten Typ bereits festgelegt sind. Auf der anderen Seite kann der Projektverantwortliche Ausführungen oder Darstellungsoptionen jederzeit mit minimalem Aufwand projektweit ändern, indem er Modifikationen an den Familien vornimmt, Typenparameter entsprechend anpasst oder bei Bedarf auch bestimmte Familientypen global austauscht.

Um Familien zu modifizieren oder ganz neu zu erstellen, gibt es in Revit den Familien-Editor. Was andere Programme als parametrischen Bauteile vorgefertigt anbieten, kann in Revit vom Anwender also selbst erzeugt werden. Programmierkenntnisse sind dazu nicht erforderlich, da im Familien-Editor nicht nur die Geometrie, sondern auch Abhängigkeiten weitgehend grafisch festgelegt werden. Die wichtigsten Möglichkeiten des Familien-Editors hier nur in Kürze: Neben Abmessungen und Abständen lassen sich auch Stückzahlen parametrisieren, und die Sichtbarkeit und Darstellung von Elementen kann in Abhängigkeit von Bedingungen oder von Ansichtseigenschaften im Projekt (Detaillierungsgrad, 3D-Ansicht/2D-Plan) gesteuert werden. Zudem können innerhalb einer Familie Typen aus anderen Familien als Komponenten eingesetzt werden und bei Bedarf parametergesteuert gegen andere ausgetauscht werden.

Einige Familien von Revit lassen sich allerdings nicht im Familien-Editor bearbeiten. Dazu gehören Wände, Decken, Dächer, Treppen und Geländer. Zwar kann der Anwender auch von diesen eigene  Typen erstellen, die Vorgehensweise entspricht hier aber grundsätzlich der der Bauteil-Editoren, wie man es aus anderen CAD-Systemen kennt. Die verfügbaren Parameter sind also von der Software vorgegeben. Jedoch gestaltet sich die Bedienung beispielsweise beim Festlegen der Eigenschaften einer Treppe weniger komfortabel. Denn während es bei CAD-Programmen mittlerweile zum guten Ton gehört, die abgefragten Parameter im jeweiligen Bauteil-Editor (auch oft “Assistent” oder “Wizard” genannt) durch Skizzen zu veranschaulichen, beschränkt sich Revit auf eine schlichte Tabelle.

 

Abhängigkeiten

Nicht nur innerhalb der Elemente von Familien, sondern auch zwischen den Objekten in einem Revit-Projekt können Abhängigkeiten festgelegt werden. Dies ist im Grund genommen ganz einfach und auf drei Arten möglich: Soll beispielsweise der Abstand einer Trennwand zur Außenwand arretiert werden, so wird dieser vermaßt und das Maß durch Anklicken eines bei der Maßzahl eingeblendeten Vorhängeschloss-Symbols fixiert. Wird nun im Rahmen einer Planungsänderung die Außenwand verschoben, so verschiebt sich die Trennwand automatisch mit. Auch wenn ein Objekt am anderen ausgerichtet wird, kann diese Abhängigkeit fixiert werden, um zum Beispiel einen Schrank fest an eine Wand anzukoppeln. Als dritte Möglichkeit lassen sich durch Anklicken eines Symbols (“EQ” für equal) an Kettenmaßen gleiche Abstände herstellen und fixieren. Einige Abhängigkeiten brauchen nicht explizit definiert zu werden, da sie schon in der jeweiligen Familie festgelegt wurden. Zum Beispiel wird ein Waschbecken automatisch in der Wand verankert, an die es beim Platzieren im Projekt gesetzt wurde.

Die Möglichkeit, in Revit Abhängigkeiten zu bestimmen, ist zweifellos nützlich. Allerdings sollte man dabei auch berücksichtigen, dass es bei exzessivem und unüberlegtem Gebrauch auch zu Konflikten kommen kann. Revit meckert dann unter Umständen bei Änderungen zu Recht und führt diese nur aus, wenn der Anwender das OK gibt, die problematischen Abhängigkeiten aufzulösen. Ob Revit bei zu vielen (nicht widersprüchlichen) Abhängigkeiten ins Straucheln gerät, konnte im Rahmen des Tests nicht festgestellt werden. Allerdings wird zumindest im Text einer der Übungslektionen vor zu vielen Abhängigkeiten ausdrücklich gewarnt.

 

Teamfähigkeit

Revit erlaubt es, dass verschiedene Anwender gemeinsam und gleichzeitig an einem Projekt arbeiten. Das Programm verwendet dazu so genannte “Bearbeitungsbereiche”. Üblicherweise wird dazu ein (von einem Bearbeiter erstelltes) Projekt in verschiedene Bearbeitungsbereiche “zerlegt”. Dazu werden zunächst beliebige, benannte Bereiche angelegt, anschließend können die vorhandenen Elementen jeweils einem dieser Bereiche zugeordnet werden (einzeln oder durch entsprechende Mehrfachauswahl). Welche Bearbeitungsbereiche angelegt werden und wie die Zuordnung erfolgt, ist allein Sache des Anwenders (in diesem Fall wohl des Projektleiters). Er muss sich bei der Zuordnung der vorhandenen Elemente also darum kümmern, dass beispielsweise der Bearbeitungsbereich des für die Badmöblierung zuständigen Teammitglieds nur die Sanitärobjekte enthält. Es gibt allerdings keine feste Zuordnung zwischen Teammitglied und Bearbeitungsbereich, im Prinzip kann jeder einen oder mehrere Bearbeitungsbereiche für sich reservieren und damit die zugeordneten Elemente dadurch für alle anderen sperren. Auf der anderen Seite kann jeder Benutzer, der einen Bearbeitungsbereich für sich aktiviert hat, dort beliebige neue Elemente anlegen. Es ist also durchaus möglich, zum Beispiel im Bearbeitungsbereich “Sanitäraussattung” (die Bezeichnungen können beliebig gewählt werden) eine neue Aussenwand zu zeichnen. Die Teamarbeit in Revit setzt also Kooperation und Kommunikation voraus, das Unterbinden böswilliger Manipulationen ist nicht vorgesehen, ein Mitdenken der Teammitglieder wird vorausgesetzt. Das Programm sorgt lediglich dafür, dass es durch die Bearbeitung durch verschiedene Nutzer nicht zu problematischen Überschneidungen kommt. Im Gegenzug ist die Teamfähigkeit von Revit sehr flexibel. So arbeitet jedes Teammitglied mit einer lokalen Kopie des Projekts und kann dadurch die Planung unabhängig vom Büronetzwerk auch beispielsweise unterwegs oder zuhause weiterführen und die Änderungen seines Bearbeitungsbereichs anschließend in die zentrale Projektdatei übermitteln. Und bei Bedarf lassen sich auch Elemente aus anderen Bearbeitungsbereichen zur Bearbeitung “entleihen”. Sollte der Besitzer dieser Elemente diese momentan für sich reserviert haben, so kann dies über das Netzwerk nachgefragt werden.

 

Sonstiges

Eine innovative Lösung bietet Revit für den Übergang zwischen einem aus soliden 3D-Körpern modellierten Massenmodell und detaillierterer Planung mit Bauteilen. Denn das Programm generiert auf Knopfdruck die zu den Oberflächen der “Klötzchen” passenden Wände, Dächer und Decken. Das Massenmodell bleibt dabei erhalten und kann später jederzeit noch nachbearbeitet werden, auch wenn zwischenzeitlich beispielsweise bereits Fenster in die Fassade gesetzt wurden. Bereits bei der Arbeit im Massenmodell können Geschoßhöhen festgelegt und die verschiedenen Volumina einer bestimmten Nutzungsart zugeordnet werden. Verschiedenen Entwurfsvarianten lassen sich dann schnell hinsichtlich ihrer Kennwerte wie umbautem Raum oder Bruttogeschoßfläche vergleichen.

Ein weiteres nützliches und nicht alltägliches Feature von Revit sind die so genannten “Entwurfsoptionen”. Hiermit lassen sich recht komfortabel Varianten eines Entwurfs verwalten. Es können jederzeit im Projekt neue Entwurfsoptionen angelegt und dann unabhängig voneinander bearbeitet werden.

Praktisch bei Umbaumaßnahmen ist die Möglichkeit, Bauteile einer “Phase” zuzuordnen. Bei Bedarf sind dann mit wenigen Mausklicks Pläne erstellt, in denen die geplanten, bestehenden und abzureißenden Bauteilen entsprechend differenziert dargestellt werden.

Schnitte und Details sind in Revit ausgesprochen bequem herzustellen. Sie sind wie alle anderen Sichten auf das digitale Gebäudemodell stets assoziativ. 2D-Zeichen- und Bearbeitungsfunktionen bietet Revit in ausreichender Anzahl an, mit einem spezialisierten Konstruktionsprogrammen kann es freilich nicht mithalten. Grafische Spezialeffekte für die Plangestaltung wie Farbfüllungen mit einstellbarer Transparenz oder fließende Farbverläufe werden nicht angeboten.

Bei der Formgebung von Wänden erlaubt Revit viele Freiheiten, was die Definition des Verlaufs, der Ansichtsfläche und des Querschnitts anbelangt. Eine Wand kann zudem nicht nur horizontal, sondern auch vertikal aus verschiedenen Schichten zusammengesetzt sein. Wände können mit Profilen bestückt und mit Fugen versehen werden. Damit lassen sich beispielsweise Gesimse oder Mauerpfeiler einfach realisieren.

Auch Dächer können aus mehreren Schichten bestehen und miteinander verschnitten werden. Freiere Dachflächen lassen sich als Extrusion über eine Konturlinie definieren. Eine (halb-)automatische Dachstuhlkonstruktion gibt es in Revit nicht.

Die Schnittstellenausstattung von Revit eignet sich zum Austausch von CAD-Daten im AutoCAD- und MicroStation-Format. In der neuesten Version 8 kann das Programm IFC-Daten exportieren. Eine direkte AVA-Schnittstelle bietet Revit nicht an. Dieses Manko ließe sich zwar über den Umweg des Datenexports in eine ODBC-Datenbank und Aufbereitung der gelieferten Informationen mit einer Datenbank-Software kompensieren, für den “Otto-Normalanwender” ist dies jedoch kaum praktikabel.

 

Fazit

Revit gefällt durch seine klare Programmstruktur, die gelungene Benutzerführung sowie eine große Zahl moderner, teilweise innovativer Features. Die Bearbeitung des 3D-Gebäudemodells hat hier eine gewisse Selbstverständlichkeit, die man in vielen anderen CAD-Systemen vermisst. Hohe Effizienz und Sicherheit kann Revit insbesondere beim Erzeugen von Entwurfsvarianten und bei Änderungen der Planung bieten. Vorausgesetzt, der Anwender macht von den Möglichkeiten des Programms auch Gebrauch: Wer mit CAD-Software einfach nur “dumme” Striche zeichnen will, ist bei Revit an der falschen Adresse. Zum Schluss soll aber nicht verschwiegen werden, dass Revit, was die AVA-Anbindung sowie Mengen- und Kostenauswertungen gemäß nationaler oder regionaler Vorschriften anbelangt, sich den hierzulande etablierten Konkurrenzprodukten (noch?) deutlich geschlagen geben muss.

 

Text: Jürgen Roth

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