Beinahe schon seit einem Jahr setzt sich die Ausstellungsserie aut.raumproduktion im Innsbrucker aut (architektur und tirol) nun mit den gesellschaftlichen Bedingungen der Raumproduktion auseinander. Architektur bedeutet Raumproduktion. Das Ziehen von Mauern definiert Volumen. Raum wird durch Grenzen, also durch seine Hülle, bestimmt. Aber auch Handlungen und soziale Interaktion erzeugen einen sich ständig neu produzierenden sozialen Raum, der für ArchitektInnen ebenso wichtig sein kann. Beeinflusst von politischen, ökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen wird dieser laufend von Individuen, Gruppen, Kulturen und Gesellschaften neu ausgehandelt.

Die von raumtaktik (Matthias Böttger und Friedrich von Borries) kuratierte Ausstellungsserie aut.raumproduktion zeigt seit Jänner 2010 die Position verschiedener ArchitektInnen, KünstlerInnen und AktivistInnen, die sich mit diesen Handlungsweisen auseinandersetzten und so wieder ein Handeln ermöglichen. Rückgrat der Ausstellung bildete eine Kette von Verben, zu denen jedes Monat einzelne Räume des aut neu bespielt und so zueinander wieder neu in Beziehung gestellt wurden. Nachdem nun bereits zu den Begriffen „heimkehren, überleben, puffern, konstruieren, identifizieren, verstetigen, besetzen, verteidigen, ausstrahlen, mitnehmen, aneignen, machen und überbauen“ Räume gestaltet wurden, findet die Ausstellung mit der Serie „sichern, erfinden, zusammensetzen“ nun zu ihrem Ende.
Matthias Megyeri beschäftigte sich mit dem Stichwort „sichern“ und zeigt mit „Sweet Home Security“, wie Sicherheitsparanoia und Konsumrausch zusammenhängen und wie aus „My Home Sweet Home“ ein gesichertes „My Castle“ wird. Die Fassaden des aut werden – mit Gardinen – scheinbar vergittert, und Schnappschüsse aus Innsbruck weisen auf die lokale Vorbereitung ähnlicher Phänomene hin.
Das multidisziplinär arbeitende Schweizer Künstlerduo Com&Com setzte sich hingegen zum Thema „erfinden“ mit dem Prozess des Machens, Wachens und Werdens von Identität auseinander. Anhand zweier Werkkomplexe, dem vielschichtigen Public-Art-Projekt „Mocmoc“ und dem Skulptur- und Organic-Art-Zyklus „Baum“, zeigt „Making Identities“ diese Thematik exemplarisch auf.
Mit seiner Serie „Superficies“ präsentiert schließlich Christoph Engel aus Google-Earth entnommene, „zusammengesetzte“, ungefähre Landschaften, welche gleich einem Gottesblick die menschgemachte, gelebte Umwelt zusammenfassen und mit großer Klarheit unsere Verantwortung zeigen. Aus Golfplätzen und Vorstädten entstehen Weltornamente.
Zum Abschluss der insgesamt einjährigen Ausstellungsserie werden schließlich alle Arbeiten, die aktuell zum Preis „Neues Bauen in Tirol“ eingereicht wurden, in der Ausstellung aut.raumproduktion präsentiert, um so die abstrakten Positionen mit konkreten Architekturentwürfen zu konfrontieren.
Schlussendlich werden Architekten aus Innsbruck und aus aller Welt dazu aufgefordert, ihre Haltung zur Raumproduktion und den wichtigsten Rahmenbedingungen zu diskutieren. In einer im kommenden Jahr geplanten Publikation, sollen diese Standpunkte der Ausstellungsserie gegenübergestellt und dokumentiert werden und damit einen spannenden neuen Diskurs eröffnen.
Mit den Handlungsweisen rund um bereits gebaute Architektur setzt sich in Linz hingegen ebenfalls bereits das ganze Jahr über die „umbauwerkstatt“ auseinander. Getragen vom afo, dem Architekturforum Oberösterreich, steht im Zentrum ihres Interesses ein 1929–35 von Peter Behrens und Alexander Popp errichtetes Ensemble aus Industriebauten, welches dank zahlreicher technischer Errungenschaften und der genialen Verbindung von Funktion und Ästhetik als ein konsequenter Industriebau der internationalen Moderne gilt. Das denkmalgeschützte riesige Bauwerk der Austria Tabakwerke, das bisher nur in seiner ehemaligen Funktion als industrielle Produktionsstätte erklärbar war, bedarf nun einer Umdeutung oder Transformation. Angesichts der Größe des Projektes kann dies wahrscheinlich aber nur in einem umfassenden, Jahre – wenn nicht Jahrzehnte – dauernden Prozess auf einer gesamt-städtebaulichen Ebene stattfinden. Es werden Planungskultur und neuartige Formen der Steuerung und Partnerschaft erforderlich sein sowie eine breite und lang andauernde Öffentlichkeit. Hierzu will das 5-köpfige Team des Forschungslabors umbauwerkstatt, bestehend aus Gunar Wilhelm, Clemens Bauder, Christoph Weidinger, Thomas Philipp und Lorenz Potocnik einen Beitrag leisten. Seine Arbeit im letzten Jahr bestand darin, zu praktisch allen EntscheidungsträgerInnen zu gehen und Meinung zu bilden, Lobbying zu betreiben, das Projekt zu erklären und sich selbst als Methode zur Entwicklung der Linzer Tabakfabrik zu kommunizieren. Außerdem wurde die Ausstellung „reclaiming space“ im afo und in der Fabrik sowie das Festival „Little Voids“ in der Humboldtstraße zum Thema Leerstände in der Stadt organisiert.
Die Studienrichtungen Urbanistik und Experimentelle Gestaltung der Kunstuniversität Linz wurden angeregt, sich mit der Tabakfabrik städtebaulich und künstlerisch auseinanderzusetzen und diese zu nutzen. Eine erste Exkursion eines geplanten Zyklus zum Thema „Erfolgreiche Umnutzungen und neue Formen der Arbeit und der Gemeinschaft“ konnte mit dem Aufsichtsrat der Entwicklungsgesellschaft durchgeführt werden. Als Kooperationspartner sowohl der Ausstellung „TABAKFABRIK LINZ kunst architektur arbeitswelt“ des Stadtmuseums Nordico als auch des Ars Electronica Festivals „Repair“ veranstaltete die umbauwerkstatt unter dem Motto „Rendez Vous mit Peter Behrens“ Rundgänge mit Schwerpunkt auf Architektur des Gebäudes und Zukunft des Areals. Obwohl sie eher noch den Charakter einer zivilgesellschaftlichen Interessengemeinschaft hat, als den einer angestrebten Zusammenarbeit mit der Stadt, hat sich die Initiative inzwischen gut positionieren können.
Seit 14. Oktober ist in der sogenannten „Leerraumzentrale“, in welcher zuvor die Ausstellung „reclaiming space – temporäre Zwischennutzung“ stattgefunden hatte, ein wachsendes Archiv angelegt worden. Dieses stellt anhand von Texten, Erfahrungsberichten, Bildern, Pressemitteilungen und Interviews rund um Strukturwandel und Leerstände, internationalen Beispielen der Planung und Entwicklung vergleichbarer Objekte, Literaturhinweisen und vielem mehr ein umfassendes Nachschlagewerk für alle am Prozess Beteiligten und Interessierten dar. Es ist ein erster Versuch, die Menge an Wissen und Zukunftsgedanken zu strukturieren und zu ordnen und in Anlehnung an eine Zigarettenpackung in 20 leicht zu konsumierenden Dosen, die Komplexität des Unternehmens umbauwerkstatt bzw. der kommenden Transformation der Tabakfabrik zu vermitteln. Ergänzend dazu fand am 12. und 13. November unter der Projektleitung von Lorenz Potocnik das Symposium PREPARE!statt, welches internationale Erfahrungen, mit durch Strukturwandel bedingte Leerstände und deren erfolgreiche Umbauprozesse und Nachnutzungen, nach Linz brachte. Neben der Weiterführung der bereits laufenden Expertendiskussionen, den sogenannten Salons, sind als Methode des Forschungslabors noch weitere Formate, wie z. B. das Schaulabor und ein Strategiehandbuch geplant.