Auf wie vielen Ebenen Stadt stattfindet, zeigen gleich mehrere Veranstaltungen, die in Wien im Laufe des letzten Monats stattgefunden haben bzw. eröffnet wurden. So setzte sich anlässlich des 10. Geburtstages des Wiener Urbanismus-Magazins „dérive – Zeitschrift für Stadtforschung“ vom 1. bis zum 10. Oktober 2010 das internationale Festival für urbane Erkundungen URBANIZE! sowohl theoretisch als auch praktisch mit dem Phänomen „Stadt“ auseinander.

Während am Eröffnungsabend VertreterInnen maßgeblicher urbanistischer Disziplinen, Forschungs- und Zukunftsfragen für die Stadt des 21. Jahrhunderts erörterten, widmete sich ein zweiter Stadttheorieabend dem französischen Stadtsoziologen Henri Lefebvre. An vier Tagen wurde die Stadt aktiv zum Forschungsobjekt gemacht. Beispielsweise konnte man sich mit Kulturtheoretikerin Elke Krasny entlang des Weges vom Jüdischen Friedhof Währing zum Flakturm Augarten auf Entdeckungsreise nach heutigen und historischen Spuren feministischer Lebensentwürfe machen. Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar lud hingegen dazu ein, die STADT LAUT zu LESEN, indem er in Wien-Simmering vermuteten optischen und auditiven Chiffren der Stadt nachspürte und der Frage nachging, was zu finden ist, wenn man nicht nur den Augen, sondern auch seinen Ohren folgt. Unter dem Motto „FORSCHUNGSREISEN INTERNATIONAL“ wurden TeilnehmerInnen aus Wien, Berlin, Hamburg, Bremen, Zürich und Kopenhagen nach definierten Spielregeln auf zufällig erwürfelte Routen durch die Stadt geschickt und zu deren Dokumentation wahlweise in Wort, Bild und/oder Ton eingeladen. Neben zwei Filmvorführungen, zum einen des US/MEXSciFi-Film „Sleepdealer“ und zum anderen der Dokumentation „Auf der sicheren Seite“, welche das Phänomen der „Gated Communities“ behandelt, wurde das Programm des Festivals natürlich auch noch mit einer ausgiebigen Geburtstagsparty in der Wiener Secession ergänzt. Am letzten Festivaltag durfte sich wer wollte schließlich noch daran beteiligen, die industriebrache Zwischenbrücken anhand von überdimensionalen Origami-Phantasie- Tieren in „Ein Paradies“ zu verwandeln. Diese sollten symbolisch für das Potenzial für unkonventionelle Nutzungen städtischer Brachen stehen.
Noch bis 31. Jänner 2011 läuft die Ausstellung „Platz da! European urban public space“, welche am 13. Oktober eröffnet wurde und mit spannendem Rahmenprogramm aufwartet, im Architekturzentrum Wien. Die Ausstellung widmet sich anlässlich des 10. Jubiläums des „European Prize for Urban Public Space“ ganz dem Thema öffentlicher Raum. Vom Centre de Cultura Contemporània Barcelona (CCCB) gegründet, wurde der Preis im Jahr 2000 das erste Mal ausgeschrieben. Mit dem Ziel, ein nachhaltiges Zeugnis über die Entwicklungen im öffentlichen Raum in Europa abzulegen, wird der Preis sowohl dem/der Planer/in als auch dem/der BauherrInnen verliehen, wobei beispielhafte Eingriffe im Stadtraum gewürdigt werden und sozial gestaltete Architektur den Vorrang vor Projekten mit markanter Ästhetik oder spektakulärer Erscheinung genießt. Zum Jurykomitee gehören seit der ersten Auslobung des Preises weitere international renommierte Institutionen, wie die Architecture Foundation (London), die cité de l’Architecture et du Patrimoine (Paris), das Nederlands Architectuurinstituut (Rotterdam), das Museum of Finnish Architecture
(Helsinki), das Deutsche Architekturmuseum (Frankfurt) und das Architekturzentrum Wien.
Neben der Präsentation der PreisträgerInnen der letzten 10 Jahre werden in der nicht linear verlaufenden Ausstellung fünf weitere Stationen zu unterschiedlichen Themenbereichen gezeigt, die zwar für sich stehen aber miteinander kommunizieren. So eröffnet die Station „Ambivalenzen“ anhand von Videointerviews die unterschiedlichen Auffassungen von öffentlichem Raum. Geschildert von einem Polizisten, einem Straßenarbeiter der MA 48, einem Juristen sowie einer Augustin- Verkäuferin scheinen diese divergierender nicht sein zu können. In der Station „Dschungel“ hingegen werden zwei prominente Wiener Beispiele der jüngsten Vergangenheit einander gegenübergestellt und die aus ihnen entstandene heftige (öffentliche) Debatte anhand eines Pressespiegels dargestellt.
Einen unpolemischen Blick auf die beiden öffentlichen Plätze, Praterstern und Schwarzenbergplatz, sollten die Bilder von vier FotografInnen gewähren. Diese wurden von der Kuratorin Andrea Seidling eingeladen, ihre subjektiven Sichtweisen zu deren Gestaltung festzuhalten. Während die Station „Bühnen“ anhand von Modellen unterschiedlicher Städte gesellschaftspolitische Verhältnisse und die Repräsentanz von Macht im öffentlichen Raum präsentiert, geht die Station „Okkupation“ auf prozessbegleitende Planungsstrategien und -konzepte sowie Eigeninitiativen als Bauaufgaben geht ein. Veranschaulicht werden diese meist von in Kooperation mit den NutzerInnen bzw. BewohnerInnen erarbeitete Strategien, ein Bauvorhaben umzusetzen, durch die Präsentation der Initiativen von fünf Architekturbüros bzw. -kollektive: „fattinger, orso, rieper“, „feld 72“
und „transparadiso“ aus Österreich, „Raumlabor“ aus Deutschland und „Recetas Urbanas“ aus Spanien. Eine letzte Station widmet sich schließlich dem Thema „commons“. Darunter versteht man Gemeingüter, zu denen auch der urbane öffentliche Raum gezählt werden sollte. Hauptsächlich sind damit natürliche, soziale und kulturelle Ressourcen gemeint, die durch gemeinsames Handeln und Verwalten der Betroffenen geregelt werden. Commons führen meist zu einer kontroversiellen Debatte. Allerdings wurde erst 2009 Elinor Ostrom als erste Frau mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet, da sie – wie die Würdigung der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften verlauten ließ – gezeigt hat, wie gemeinschaftliches Eigentum von Nutzerorganisationen erfolgreich verwaltet werden kann.
Als Rahmenprogramm zur Ausstellung werden drei Public Lectures zu unterschiedlichen Themenbereichen in der Ausstellungshalle abgehalten und vier Public Walkes durch den Stadtraum von Wien angeboten. Eine von Jutta Kleedorfer (Projektkoordinatorin für Mehrfachnutzung der MA 18 – Stadtentwicklung und Stadtplanung) begleitete Sonntagsexkursion führte bereits am 17. Oktober zu Schauplätzen des öffentlichen Raumes in Wien. Besichtigt wurde die Ankerbrot-Fabrik, welche sich kulturelle Zwischennutzung zur Marketingstrategie gemacht hat, sowie der von Studenten der TU Wien, gemeinsam mit Architekt Fattinger und Jugendlichen der Umgebung Rennbahnweg, entworfene und erbaute Pavillon „parklife“, eine Indoor- Ergänzung zum Aktivspielplatz am Rennbahnweg.
Ebenso besucht wurde der erste offiziell genehmigte Wagenplatz in Wien, der von Menschen bewohnt wird, die eine alternative Lebensform mit Konsumverzicht und sanftem Umgang mit der Natur anstreben.
Der „18. Wiener Architektur Kongress“ der vom 19. bis 21. November stattfindet, wird sich diesmal ebenfalls mit internationalen und heimischen Gästen ganz dem Thema „Urban Public Space“ widmen, ebenso wie die Ausstellung des Az W Photo Award „Public Space“, welche im Rahmen von „Eyes On – Monat der Fotografie“ am 5. November eröffnet wird.