Reinhard Seiß - Kritik an der Stadtplanung

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Reinhard Seiß  

Gibt es eine Alternative zu der Situation, die wir heute in Wien haben?

Wirkliche Alternative sehe ich mittelfristig keine, weil sich ein System höchst selten von innen heraus reformiert oder sich abschafft und in Wien wohl zu wenige außerhalb des herrschenden Systems aus Politik, Wirtschaft, Medien und Planung stehen. Aber es gibt zarte Hoffnungspflänzchen. Ein Lichtblick für mich sind die vielen Bürgerinitiativen zu stadtplanerischen Themen, die in den letzten Jahren entstanden sind und sich mittlerweile auch professionell organisiert und in der „Aktion 21“ zusammengeschlossen haben. Meine Hoffnung liegt also in der sogenannten Zivilgesellschaft. Das Zweite ist die Demokratisierung und Liberalisierung der Medien durch das Internet. Wir haben in Österreich ja nicht nur seit Jahrzehnten ein Politikversagen, sondern auch ein Medienversagen. Und das hängt ja durchaus zusammen. Was ich weniger glaube, ist, dass der viel besagte „Leidensdruck“ in absehbarer Zeit groß genug wird oder vielmehr als groß genug wahrgenommen wird, dass sich dadurch wirklich etwas ändert.

Wie sähe die Alternative aus?

Ganz einfach formuliert: Die Stadt soll so gut gebaut und gestaltet sein, dass die Bewohner gern da bleiben und nicht in den Speckgürtel abwandern. Der Autoverkehr soll auf eine Dimension zurückgehen, dass er den öffentlichen Raum nicht so wie jetzt völlig okkupiert und die Feinstaubwerte nicht schon Ende Jänner die zulässige Jahreshöchstmenge überschreiten. Damit im Zusammenhang steht eine Stadtstruktur, in der man nicht am Monte Laa wohnt, in TownTown arbeitet, im Gewerbepark Stadlau einkauft und am Wochenende ins Grüne fahren muss.

Welchen Stellenwert hat Architektur in Wien? Gibt man durch die Stadtplanung nicht sehr viel vor und betrachtet die Architektur als zweitrangig?

Auch darauf gibt es zwei Antworten: Für Normalverbraucher gibt der Flächenwidmungs- und Bebauungsplan relativ uninspirierend irgendwelche Bebauungsstrukturen nach einem bestimmten Schema vor. Daran können natürlich architektonische Raffinessen, Details und Innovationen auch scheitern. Für andere Bauherren sieht es aber genau umgekehrt aus:
Ein Investor nimmt sich einen der hiesigen Stararchitekten als Masterplaner oder Objektplaner für sein Vorhaben. Im Idealfall ist der Beauftragte sogar Mitglied oder gar Vorsitzender eines Fachbeirats der Stadtplanung. Oft reicht es aber auch, den richtigen Juryvorsitzenden für den privaten Wettbewerb des Investors zu wählen. Deren Entwürfe oder Entscheidungen setzt die Stadt in der Regel ohne großen Widerspruch in einen wunschgemäßen Flächenwidmungs- und Bebauungsplan um. In solchen Fällen bestimmt also der Architekt die Stadtplanung.
Beide Fälle sind möglich, beide Möglichkeiten sind schlecht, aber doch Realität. Dazu kommt bei manchen Architekten von Rang und Namen ein Selbstbild, demzufolge städtebauliche Regeln und Vorgaben für ihr Wirken per se überflüssig, wenn nicht sogar hinderlich sind. Auch hier hilft der internationale Vergleich: Paris ist nicht gerade als architekturfeindliche Stadt bekannt, die Stadtplanung aber macht in einer Rigidität Vorgaben, die für Wien kaum vorstellbar sind. Hierzulande erschöpfen sich die urbanistischen Beiträge mancher wortführender Baukünstler oft in Ästhetizismus und philosophischen Floskeln zur Stadt, die mit der Realität und vor allem mit dem, was sie dann bauen, nur sehr wenig zu tun haben. Gleichwohl wirken sie damit auf Politiker und Medienvertreter aber in hohem Maße meinungsbildend.
Globalisierungskritiker propagieren eine Welt, die nicht mehr von den Kriterien des ständigen Wachstums, dem Streben nach mehr, effizienter und größer geprägt ist.



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