Alles, was Flügel hat, fliegt (nicht)!

5. März 2018 Mehr

Häuser hängen schwerelos im Himmel, Fähnchen und allerlei Accessoires tummeln sich auf und an ihnen, menschliche Gestalten sind zu sehen. Was zuerst nach einer Hommage an Max Ernst oder René Magritte aussieht, ist die Arbeit des französischen Künstlers Laurent Chéhère. Eine surreale und poetische Vision im alten Paris, inspiriert von vielen Kunstgestalten wie Jules Verne, Serge Gainsbourgh, Jean Cocteau oder Moebius. Nur Telefonleitungen und dünne Drähte verbinden die fliegenden Häuser mit einem ungewissen Hintergrund oder Boden. Sie sind optisch auf den ersten Blick jeglichem Zusammenhang entrissen, außer dem der Stadt Paris. Inspiriert sind die Fotomontagen von den armen, aber kosmopolitischen Bezirken der Stadt Paris wie Belleville und Ménilmontant, in denen der Künstler zu Hause ist.

 

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Und damit ist man sofort bei einer zweiten, gesellschaftskritischen Ebene dieser Bilder: Die Häuser sind voller Migranten, das Elend blickt aus ihren vernagelten Fenstern. Sie sind eine Metapher für die Odyssee und die Tragödien der Geflüchteten im Mittelmeer. Im fliegenden Wohnwagen offenbart sich die Armut mancher Vororte, ein sichtlich fremdländischer kleiner Junge steht in seiner Türe. Wäsche hängt zum Trocknen an der Außenseite und eine verrostete Satellitenschüssel am Dach soll die Verbindung mit der Heimat aufrecht erhalten.

In den schwerelosen Häusern werden mit vielen, feinen Details die Geschichten unsichtbarer, fiktiver Bewohner erzählt. Diese Details offenbaren jedoch eine ganz andere Story, als die der Schwerelosigkeit: Die fliegenden Häuser sind Zeugen einer alarmierenden Realität. Sie sind aus dem urbanen Kontext isoliert, herausgerissen aus der Anonymität der Straßen. Sie erzählen oder imaginieren Geschichten über das Leben, über Träume und Hoffnungen ihrer Bewohner. Chéhère leugnet auch nicht, eine gewisse Kritik an Migrationspolitik und den Zuständen der Banlieues in Frankreich darin zu verpacken. Er versucht, Schwierigkeiten und Kontraste einer ständig weiter verarmenden Gesellschaftsschicht, speziell der Roma und Migranten aufzuzeigen.

Falls die fliegenden Häuser die Nostalgie einer verloren gegangenen Welt ausdrücken, sind sie gleichzeitig auch eine Erinnerungsarbeit, ein Festhalten verschwindender Zeugnisse. So gesehen bekommen die dem Verfall preisgegebenen Häuser eine zweite Chance in diesen Arbeiten. Sie sind Fotomontagen Hunderter kleinster Details, welche der Künstler über Jahre hinweg gesammelt hat. So erlaubt jede Arbeit ein doppeltes Lesen des Bildes: von der Ferne und von der Nähe, vom Träumerischen und Leichten zu einer ernsten, tiefen Aussage einer recht komplexen Story. In dieser Möglichkeit der Distanzierung liegt auch eine Warnung vor allzu leichtfertigen Vorurteilen enthalten.

Der Betrachter wird unweigerlich auf eine Reise in das jeweilige Bild mitgenommen. Bei „The Circus“ mit dem verschneiten Dach und den Fußspuren darauf, vermeint man Gelsomina die Titelmelodie von La Strada auf der kleinen Trompete blasen zu hören. „Mac Do“ zeigt eine Kehrseite der Fast-Food-Industrie und ihrer Kunden, andere Architekturen sind Mischungen aus Popkultur, Kino, Geschichte und Graffitis. Jane Birkin sitzt neben einer pinken Wolke auf einem Balkongeländer, es sind Bilder aus Paris die zum Träumen anregen oder auch nicht. Poesie, Dunkelheit, Drama, Ironie und Liebe sind die Ingredienzien der menschlichen Komödie und in ihren Interpretationen bleiben sie für jeden offen.

 

 

Text:©Peter Reischer

Fotomontagen:©Laurent Chéhère

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