Cinema Le Cristal

13. Juli 2016 Mehr

Nomen est omen.
Cinéma Le Cristal / Frankreich / LINÉAIRE A

Im Prager Kubismus, in der frühen expressionistischen Bauhausarchitektur und in den Kristallbauten von Bruno Taut ist schon die gewaltige Faszination des Kristalls zu spüren. Anorganisches und Organisches, konstruktives Denken und mystische Aura, Empirik und Ideal finden sich hier vereint. Das Cinéma Le Cristal am Michel Crespin-Platz in Aurillac in Frankreich scheint wie eine zeitgenössische Variation einer dieser Kristallarchitekturen zu sein. Entworfen ist der Bau von LINÉAIRE A Architekten aus Montreuil.

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Der Bau ist auch städtebaulich eine interessante Lösung, denn er schafft einen Identifikationspunkt in der Stadt und ist maßstäblich in den gleichen Proportionen, wie die drei den Platz umgrenzenden ehemaligen Militärkasernen aus dem späten 19. Jahrhundert gehalten. Ähnlich den Kulissen eines Theaters ist der Kinokomplex das vierte, den Platz definierende Element, eine Landmark und gleichzeitig auch Kulisse und Background für das internationale Straßentheaterfestival, welches jährlich in Aurillac stattfindet. Die Architektur ist kompakt, effizient und expressiv in ihrem Ausdruck. Man könnte sie als Animations- oder Agitationsmaschine bezeichnen.

Denn der rechteckige Michel Crespin-Platz war eben an drei Seiten von den Militärkasernen begrenzt, ein Glockenturm im Westen definierte die Hauptachse des Platzes. Die geöffneten Ecken erlaubten es den Fußgängern, durch die Sichtachsen bis in das, die Stadt umgebende Grün zu blicken. Der strenge Charakter der Kasernen hätte eigentlich den Raum ganz gut definieren können, wäre nicht die vierte Seite ausgefranst, verschwommen und zerstört gewesen. So beschlossen die Architekten, vor diese Längsseite ein ebenso (wie die Kasernen) monolithisches und ebenbürtiges Volumen zu setzen: das Cinéma Le Cristal.

Der Baukörper hat zwei Ebenen, ist entlang der Straße ausgerichtet, in der Höhe entspricht er den anderen drei, den Platz begrenzenden Gebäuden. In seiner Flächenausdehnung ist er eher klein und bietet so Flexibilität und genügend Platz für das davor stattfindende, jährliche Theaterfestival. Um den Zugang zum Platz und eine größere Durchlässigkeit zu schaffen, ist die Caylusstraße, die fast senkrecht auf den Platz stößt, in das Kino hineinverlängert und so zu einer inneren Straße in der Tradition der französischen Passagen, geworden. In den sieben Kinosälen sind die Sitze in verschiedenen Farben gehalten. Aber nicht einheitlich, sondern leichte Nuancierungen derselben Farbe ziehen sich durch die Reihen.

Die Architektur besitzt eine Doppelfassade aus glasfaserverstärktem Beton, montiert auf einem Metallrahmen. Die ungleichseitigen Dreiecksflächen beinhalten auch die Isolierung und die Dampfsperre, erlauben große künstlerische Freiheiten in der Außengestaltung und schützen das Innere vor Überhitzung. Diese Haut ist im Großen und Ganzen, speziell aber vor den Kinosälen, blickdicht. Nur im Bereich der Eingangshalle und des Umganges befinden sich transparente, mit Glasflächen versehene Teile. So erhalten diese Bereiche natürliches Licht und gleichzeitig bieten sich den Besuchern gerahmte Ausblicke auf die Landschaft, den Platz und den Glockenturm. Die Außenhaut ist mit einem, aus dem kartesischen System entspringenden Linienraster, der die einzelnen Facetten zusammenbindet, versehen. Dadurch werden die relativ großen Flächen für das menschliche Auge wieder fassbar und gleichzeitig entsteht eine Beziehung zu den Fassadenteilungen der umliegenden Architekturen. Der skulpturale Ausdruck der Architektur versinnbildlicht auch die Bewegung, die ja einem Film und dem Kino inhärent ist. Materialisiert ist sie als aus dem Boden des Platzes gewachsener Kristall – seine Facetten spielen ständig mit dem Licht, zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Die Oberflächengestaltung des Platzes selbst ist – der Geschichte der Stadt entsprechend – aus Granit und Lavastein und bietet so eine klare Trennung zwischen dem Verkehr und dem ausgedehnten Bereich für die internationalen Veranstaltungen und Events.

 

Ciném Le Cristal
Aurillac, Frankreich
Bauherr:
Aurillac City
Planung: LINÉAIRE A, Castelbajac, Deby, Makarem
Statik: SIBEO
Grundstücksfläche: 4.000 m2
Nutzfläche: 2.850 m2
Planungsbeginn: 01/2012
Bauzeit: 02/2013 – 03/2015
Fertigstellung: 03/2015
Baukosten: 7,2 Mio. Euro
Platzgestaltung: 1,1 Mio. Euro

Text: PeterReischer
Fotos: ©Hervé Abbadie

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Kategorie: Allgemein

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