Die Stadt auf einen Blick – Wien

27. Juni 2017 Mehr

Wenn es um die Wahrnehmung von öffentlichem Raum geht, haben Pläne und Karten sowohl in der Raumplanung als auch in der Architektur einen hohen Stellenwert. Kartografische Darstellungen werden zumeist dazu gebraucht, um eine Stadt gezielt zu erkunden. Allerdings können solche Pläne auch Wissen repräsentieren, welches erst im Zuge der Kartierung entsteht. Stadtpläne sind somit Instrument und Dokument zugleich und dienen etlichen Wissenschaften als Forschungsmedium. Dieser Thematik widmet sich die Ausstellung „Wien von oben.

Die Stadt auf einen Blick“, die interessierten Besuchern von 23. März bis 17. September 2017 im Wien Museum eine Vielzahl an Exponaten präsentiert.

Einen außergewöhnlichen Blick auf Wien bietet dabei eine große Vielfalt an Stadtplänen aus der Hand unterschiedlicher Gestalter – gezeigt werden sowohl zeitgemäße Exponate als auch Modelle aus den vergangenen Jahrhunderten. Das Wien Museum achtet auf eine exemplarische Objektauswahl, wobei der Fokus auf einer Gegenüberstellung künstlerischer Positionen mit Beispielen aus Wissenschaft und Forschung liegt. Präsentiert werden im Rahmen dessen somit sowohl Stadtdarstellungen, die als Ausdruck von Widerstand zu verstehen sind, als auch Karten, deren Inhalt einen spielerischen Zugang zum Raum sowie eine alternative Nutzung desselben fördert.

Neue Aussichtspunkte auf die Stadt Wien – die Entdeckung der Vogelschau
„Die Stadt mit anderen Augen zu sehen“ lautet das Motto der Ausstellung. Zu sehen bekommen Besucher somit nicht nur die ältesten, berühmtesten Panoramen und Pläne, sondern ebenfalls thematische Karten und künstlerische Darstellungen Wiens. „Wien von oben“ bietet den Gästen dadurch neue Aussichtspunkte auf die Hauptstadt Österreichs. Künstlerische und wissenschaftliche Entwürfe zeigen, wie sich die Stadt sowie die Darstellung derselben im Laufe der letzten 500 Jahre verändert haben, wobei Gesamtansichten hierbei als visuelles Medium eine zentrale Rolle einnehmen.

Seit mehreren Jahrhunderten gibt es nämlich das Bestreben, die Stadt von oben zu betrachten. Im Laufe der Entwicklung der Kartografie gab es bereits zahlreiche Versuche, die urbane Raumstruktur aus der Vogelperspektive möglichst vollständig zu erfassen – verändert haben sich mit der Zeit alleine die Möglichkeiten zur Darstellung eines Siedlungsgefüges. Beleuchtet werden im Rahmen der Exhibition daher neben der Entwicklung der Stadtpläne über die letzten Jahrhunderte die sich veränderten Aussichtspunkte und Ansichten der Stadt Wien. Dabei findet der Totalitätsanspruch kartografischer Gesamtdarstellungen – gemeint ist hiermit das Bestreben, die Stadt als Ganzes abbilden zu wollen – eine besondere Beachtung. Zu den beliebtesten Methoden gehören diesbezüglich neben der Vogelschau das Panorama, Grundrisspläne sowie physische, dreidimensionale Modelle.
Im internationalen Vergleich etablierte sich in Wien die Vogelschau mit dem 17. Jahrhundert jedoch sehr spät. Zur damaligen Zeit betrachteten Kartografen die Stadt von einer fiktiven Höhe aus und fertigten ihre Darstellungen häufig aus dem Gedächtnis an. Im 19. Jahrhundert konstruierten die Zeichner ihre Stadtpläne von realen Aussichtspunkten wie beispielsweise Hügel- und Turmspitzen aus. Der sogenannte „Blick von oben“ galt aufgrund des relativ hohen Aufwands für lange Zeit als Privileg. Heute hat jedoch das Internet gemeinsam mit der öffentlichen Verfügbarkeit kartografischer Daten die Erstellung individueller, interaktiver Pläne aus der Vogelschau vereinfacht.

 

 

Werbemittel Stadtplan
Landkarten und Stadtpläne gelten gemeinhin als objektiv und wertneutral. Jede plan­liche Darstellung des Raumes ist aber auch subjektiv, da diese den Interessen ihrer Auftraggeber folgt und gleichzeitig die Handschrift ihres Gestalters trägt. Kennzeichnend für viele Darstellungen der vergangenen Jahrhunderte ist häufig deren Detailreichtum. Sehr oft diente eine sehr umfangreich ausgeführte Kartierung allerdings nicht nur der vollständigen Erfassung der Stadt, sondern in erster Linie zum Unterstreichen des Machtanspruches – Wien sollte in Plandarstellungen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts vordergründig als die schöne Residenzstadt des Kaisers wahrgenommen werden. Ebensolche Anforderungen einer beschönigten Abbildung drängen die Kartografie stets in einen Zwiespalt zwischen Wirklichkeitstreue und Idealisierung. Diese Uneinigkeit stellt eine Herausforderung dar, der sich Planer auch heute noch stellen müssen. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf moderne Technologien, die beim Entwurf von Plänen vielfältige Wege bieten, eine Darstellung gemäß den Vorlieben unterschiedlicher Zielgruppen anzupassen. Während hier früher vor allem zweidimensionale Abbildungen zum Einsatz kamen, gewinnen heutzutage immer öfter dreidimensionale Darstellungen an Bedeutung. Mit dieser Art von Plan ist es möglich, grafische Informationen mit nicht-grafischem Informationsgehalt in Beziehung zu setzen. Computermodelle sind zudem leichter zu manipulieren, was in der beliebig wandelbaren Detailgenauigkeit begründet ist – vor allem letztgenannter Punkt musste in physischen Modellen bislang sehr teuer bezahlt werden.

Kartografie trifft auf Technologie
Stadtpläne enthalten generell nur solche Informationen, die ihrem Zweck gemäß kommuniziert werden sollen. Vor allem historische Karten waren selten vollständig und stellten dadurch nur Fragmente der jeweiligen Stadt dar. In den letzten Jahrzehnten hat sich dies geändert – dank moderner visueller Erfassungs- und Kartierungssysteme können Stadtpläne bei Bedarf eine sehr detailgenaue Abbildung des jeweiligen Ortes bereitstellen. Während klassische Stadtpläne in erster Linie der Orientierung im Raum dienen, werden moderne kartografische Darstellungen auch bei Visualisierungen von Projekten und damit der Umsetzung von baulichen Maßnahmen im Raum eingesetzt. Oft helfen die Visualisierungen dabei, Überzeugungsarbeit für das jeweilige Projekt zu leisten – sowohl vor, als auch während der Umsetzung eines Entwurfs stellen Pläne dadurch das Herzstück eines jeden städtebaulichen Konzepts dar.

 

 

In Architekturbüros ersetzen virtuell erstellte Pläne heutzutage nahezu vollständig physische Karten. Computermodelle haben nämlich den Vorteil, dass sie einerseits für die Navigation herangezogen werden können und gleichzeitig den mehrdimensionalen Charakter der Architektur demonstrieren. Zu verdanken ist diese Entwicklung dem sogenannten „Rechnergestützten architektonischen Entwerfen“ oder „Computer Aided Architectural Design (CAAD)“. Als Beginn dieser Disziplin wird die Einführung des Sketchpad-Programms von Ivan Sutherland im Jahr 1963 angesehen. In der heutigen Zeit können diese Programme dank moderner Technologien ein realistisches Abbild geplanter baulicher Maßnahmen im Raum liefern. Auf dem Computer gezeichnete Karten besitzen eine Informationstiefe, die weit über die Aussagekraft eines konventionell hergestellten Entwurfs hinausgeht. Sinnvoll ist dieser Aspekt vor allem dann, wenn bei späterer Verwendung der Pläne mehr als die grafische Darstellung gefragt ist. „Wien von oben“ verdeutlicht dies mit einem Exponat, das es Besuchern erlaubt, sich in einem virtuellen Modell der Stadt Wien fortzubewegen. Der Benutzer kann dabei selbst bestimmen, zu welchen Bereichen er genauere Informationen erhalten will.
Wie die Ausstellung im Wien Museum und Beispiele aus der Praxis zeigen, sind Stadtpläne stets eine Mischung aus Sinnbild und Abbild. Selbst sehr exakte Pläne, die mit den computergestützten Instrumenten der heutigen Zeit erstellt wurden, bilden das reale Territorium nie vollständig ab – die Darstellungen sind häufig selektiv und interessensgeleitet. Jeder Stadtplan ist daher auch eine zeittypische Repräsentation des Ortsbilds, der Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Strömungen gewährt.

Text: ©Dolores Stuttner

Bilder: ©Wien Museum

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Kategorie: Allgemein, Architekturszene

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