Die Städte von Morgen?

1. Dezember 2015 Mehr

Eine der führenden Autoritäten für humanitäre Hilfe auf der Welt, Kilian Kleinschmidt, machte kürzlich eine bemerkenswerte Aussage: „Regierungen sollen aufhören, bei Flüchtlingslagern an temporäre Unterkünfte zu denken – DAS sind die Städte von Morgen!“ Er bezeichnet es als Realitätsverweigerung nicht zu erkennen, dass die Camps längst zu permanenten Punkten auf der ganzen Welt geworden sind, dass ‚urbane‘ Infrastrukturen entstehen, ohne dass dafür offiziell gesorgt wird. Auch der Nutzen für die Bauindustrie, der daraus entstehen kann – wird nicht wahrgenommen.

Kleinschmidt leitete mit großem Erfolg das mit bis zu 100.000 Bewohnern zweitgrößte Flüchtlingslager der Welt, Zataari im Norden Jordaniens – er weiß also, wovon er spricht. Die Flüchtlinge halten sich dort durchschnittlich (für uns u nglaubliche) 17 Jahre auf, das ist eine ganze Generation. Man stellte Zelte oder Container zur Verfügung – die Menschen bauen sich eine Stadt. Und da es nicht den Anschein hat, dass der Flüchtlingsstrom so schnell abreißt – wahrscheinlich wird er nie wieder aufhören – müssen sich die Politiker, Architekten und Planer in den westlichen Ländern wohl in ihrer Sichtweise umstellen. In Deutschland ist das Thema – ‚Bauen für Flüchtlinge‘ – schon längst in der Tagesordnung angekommen, bei uns müssen sich die Architekten und Raumplaner die Frage gefallen lassen: „Schlafen die da alle?“ (Anita Aigner im Standard).

Egal ob in Afrika, Jordanien, Libanon oder in Europa, wir haben das Know-how und wir sind gefordert, es zu nutzen und auch zu teilen. Robotergestützte Bauweisen und 3D Druck (wie sie einem der Artikel dieser Ausgabe von architektur angerissen sind) könnten auch eine Lösung der derzeitigen Unterbringungsprobleme für Flüchtlinge ermöglichen. Was wäre, wenn wir die ‚Flüchtlingslager‘, mit ihren teilweise inhumanen Zuständen, mit dem gleichen Aufwand, mit dem wir die Grenzen dichtmachen, in menschenwürdige Unterkünfte verwandeln? Und den Menschen die Möglichkeit geben, aus ihrem Leben etwas zu machen und auch einen Beitrag zur Volkswirtschaft zu leisten? Wenn 60 – 100 Millionen (je nach Statistik) Afrikaner auswanderungswillig sind, aus wirtschaftlichen oder humanitären Gründen, bedeutet das für den Städtebau und die Bauindustrie in Europa eine riesige Herausforderung – vielleicht sogar die Zukunft?

Die Projekte dieses Heftes befassen sich allerdings nicht mit der Zukunft, sondern mit der Gegenwart.
In China errichtete das Büro Aedas ein ‚stadtähnliches‘ Projekt für Wohnen, Einkaufen Arbeiten und Erholungsflächen. Natürlich mit chinesischen Dimensionen.
Das slowenische Architekturbüro ENOTA revitalisierte das Zentrum der Stadt Velenje, sie erhielten dabei das Image der ‚Gartenstadt‘. Statt zu erweitern, zu begradigen und zu vergrößern, wählten sie den Weg des Verkleinerns, des Unter- und Aufbrechens von Achsen und Plätzen und der Schaffung einer lebenswerten Umgebung für Menschen.
In Lormont, Frankreich wagten sich die LAN Architekten an die städtebauliche Revitalisierung einer 80er Jahre Siedlung. Durch Überlagerung mit einer zweiten Struktur und vielen Grünflächen entstand eine neue Identität für die Bewohner. Gleichzeitig wurde die Wohnsituation und -qualität in den Wohntürmen deutlich verbessert.
Gerade rechtzeitig vor dem Klimagipfel in Paris präsentierten Transsolar und Carlo Ratti Associati einen Vorschlag zur Kühlung unserer, immer heißer werdenden, Städte. Experimente der Nanotechnologie-Forschung mit photonischen Kristallen führten sie zu der Idee, Stadtteile mit photonischen Membranen abzudecken und so die Temperatur – nachhaltig, da dazu keinerlei Fremdenergie nötig ist – um einige Grade zu senken.
Im kleinen raumplanerischen Maßstab bewegt sich das Projekt der PietriArchitectes, in La Londe-les-Maures, Frankreich. Wie ein Schiff im Trockendock steht die neue Hafenmeisterei als Zentrum einer Ortsentwicklung an der Mittelmeerküste da.

Gemäß dem Hauptthema dieser Ausgabe – Urban Development – finden Sie im Heft Fachartikel über vertikale Mobilität, öffentlichen Raum und Verkehrsbauten, Magazinbeiträge und die gewohnten Kolumnen.
Eine aufregende und spannende Lektüre und erholsame Feiertage – beim Studium dieser Ausgabe – wünscht Ihnen das auflagenstärkste (ÖAK geprüft) Architekturfachmagazin Österreichs und

Peter Reischer

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Kategorie: Allgemein

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