Grüne Infrastruktur – Skygarden

31. Juli 2017 Mehr

Seoullo 7017 Skygarden Project / Seoul / MVRDV

Es gibt Orte auf unserer Welt, an denen sich die Grundzüge unserer Zivilisation – wie durch ein Brennglas fokussiert – zu bündeln scheinen. Infrastrukturelle Verkehrswege wie Stadtautobahnen gehören dazu. Sie sind in mancher Art essenzielle Orte, wie Metaphern einer ganzen Gesellschaft, an oder auf ihnen repräsentiert sich unsere Geschwindigkeits-, Mobilitäts-, Effektivitäts- und Erdölkultur schlechthin.
Im Herzen von Seoul, Südkorea hat das holländische Architekturbüro MVRDV ein aus den 70er Jahren stammendes Stück einer Stadtautobahn komplett verändert und in einen sogenannten „Skygarden“ verwandelt. Unter der Bezeichnung „Seoullo 7017“ führt der grüne Weg jetzt entlang des Hauptbahnhofes und des Namdaemum-Marktes und verbindet für Fußgänger die Nachbarschaften Malli-dong, Jungnim-dong und Cheongpa-dong. Diese auf Stelzen schwebende Struktur besteht aus einer Reihe von Brücken und Stiegenaufgängen und ist mit diversen Hotels und Geschäftszentren verbunden. Nebenbei gibt es auch eine ganze Reihe von „Satellitengärten“ entlang dieser fußgängerfreundlichen Infrastruktur.

 

Die Wiedergewinnung von betonierten infrastrukturellen Verkehrsadern für den Fußgänger und damit für eine lebensfreundliche Stadt demonstriert das Projekt des „Skygarden“ in Seoul von den holländischen MVRDV Architekten. Ein Kilometer Grünfläche mit einem Pflanzenalphabet durchzieht das Stadtzentrum.

 

Das urbane Stadtgebiet im Zentrum von Seoul hat somit einen fast einen Kilometer langen (neuen) öffentlichen Grünraum erhalten. Der Name »Seoullo« ist die koreanische Entsprechung für „nach Seoul“. Die auf den ersten Blick geheimnisvolle Zahlenreihe „7017“ ist aus dem Baujahr der Autobahn 1970 und dem Jahr 2017, in dem die ehemalige Autobahn in ihrer neuen Funktion als öffentlicher Raum wiedereröffnet wurde, zusammengesetzt.

Die nun autofreie Überführung in der Nähe des Hauptbahnhofs ist ein Teil des städtischen Programms für eine freundlichere und attraktivere Stadt, die eine Vielzahl von grünen Wegen und Räumen bekommen soll. Geht es nach den Plänen der Architekten, könnte „Seoullo 7017“ die Basis für eine weitere Begrünung der umliegenden Region darstellen. Wie Äste eines Baums soll sich der Grünstreifen durch die Stadt ziehen. Die Gesamtkosten des Bauvorhabens sollen sich auf umgerechnet etwa 30 Millionen Euro belaufen haben.

 

Als „grünes Alphabet“ zieht sich der Skygarden auf eainer ehemaligen Stadtautobahn durch das Stadtzentrum.

 

Auf dem nun eröffneten Teil befinden sich über 50 Pflanzenarten – Bäume, Sträucher und Blumen – die aus ganz Südkorea herbeigeschafft wurden. Insgesamt sind es über 24.000 verschiedene Pflanzen. Ein derartiger infrastruktureller Eingriff hat auch zu Folge, dass der Alltag von Tausenden von Menschen ebenfalls eine Veränderung erfährt. Durch den Weg über die neue Grünanlage sollen die Bewohner Seouls Zeit einsparen können: Statt einen großen Bogen, um den Hauptbahnhof machen zu müssen, können Fußgänger die Gleise künftig binnen Minuten überqueren. Der 983 Meter lange begehbare Betonsteg beinhaltet aber noch eine zweite Struktur: Als die Architekten den Wettbewerb im Jahr 2015 gewannen, beabsichtigten sie, die hoch gelegene Stahlbetonstruktur in eine „Matrix“ aus typischen koreanischen Pflanzen umzuwandeln. Das Projekt soll als „Bibliothek der lokalen Flora“ dienen: Das viele Grün wurde nicht nur nach rein ästhetischen Gesichtspunkten auf der knapp 10.000 Quadratmeter großen Fläche verteilt, auch die Anordnung spielt dabei eine wesentliche Rolle. Die Bäume und Pflanzen werden in verschiedene „Nachbarschaften“ gegliedert und entlang der knapp ein Kilometer langen Überführung gepflanzt. In welcher Reihenfolge die Flora platziert wird, orientiert sich dabei am koreanischen Alphabet. Die strenge Ordnung erinnert dabei tatsächlich fast an eine klassische Bibliothek, die Architekten versprechen sich davon mehr Übersicht für die Besucher.

Der im Prinzip linienförmige Park setzt sich aus mehreren, kleineren Gärten zusammen, die jeweils eine eigene Identität besitzen. Die Landschaft verändert sich außerdem mit den Jahreszeiten: Im Herbst dominieren die hellen Ahornblätter, im Frühjahr die Rosatöne der Kirschbäume; im Winter sollen sich die Benutzer über die immergrünen Nadelbäume freuen, im Sommer über die Früchte tragenden Sträucher und Bäume. Neue Brücken und Treppen schaffen Verbindungen zwischen dem entstandenen Grünraum und der Stadt. Künftig sollen weitere öffentliche Räume hinzukommen und mithilfe von Treppen und Aufzügen an die existierende Struktur angebunden werden.

Die Idee einer Renaturierung von Seoul verfolgt wohl mehrere Ziele: Einerseits geht es um die Erzeugung einer lebenswerteren Umgebung für eine Stadt, in der heute etwa die Hälfte der südkoreanischen Bevölkerung lebt. Auf der anderen Seite bemüht sich der junge Staat um die Wiedergewinnung einer eigenen Identität – unter anderem mithilfe von künstlich angelegten Landschaften.
Der gerne zitierte Vergleich mit New Yorks „High Line“ hinkt jedoch. Vielleicht in ein paar Jahren wird annähernd der Eindruck entstehen, zurzeit wirkt der „Skygarden“ wie eine mit kreisrunden Pflanzringen begrünte Autobahn. Das soll aber dem Grundprinzip der Idee keinen Abbruch tun, die die Rückgewinnung von betonierter Infrastruktur als bunten und vielfältigen Lebensraum verfolgt.

 

Seoullo 7017 Skygarden Project
Seoul, Südkorea

Bauherr:                                Seoul Metropolitan Government
Planung:                                MVRDV
Landschaftsarchitektur:    Ben Kuipers
Statik:                                    Saman Engineering, Cross

Projektfläche:                       9.661 m2
Planungsbeginn:                  2015
Fertigstellung:                      2017

 

Fotos: ©Ossip van Duivenbode

Text: ©Peter Reischer

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