Juwelier Alexander Köchert

25. Mai 2016 Mehr

… die Geschichte weitererzählen…
Anlässlich der Weltausstellung in Wien 1873 eröffnete k.u.k. Hofjuwelier Alexander Köchert ein ebenerdiges Verkaufslokal am Neuen Markt. Der von Ringstraßen-Architekt Theophil Hansen als Schnittstelle zwischen privatem und öffentlichem Salon konzipierte Raum gehört zu den ältesten im Original erhaltenen Verkaufsräumen der Stadt und wurde nun von BWM Architekten mit viel Gespür für seine lange Geschichte umfassend renoviert und mit den weiteren Schau- und Beratungsräumen, Büro und Werkstatt des Hauses zu einem stilvollen Ganzen verbunden.

Hofjuwelier_Alexander_Koechert_

Die heute einzigartige Kombination aus Werkstatt, Beratungslokal und Salon stellt einen originalen Typus der gründerzeitlichen Wiener Baukultur dar. Damals war es noch unüblich und teils sogar verpönt, Verkaufsräume nicht elitär als Salon im ersten Stock zu belassen, sondern auf Straßenniveau zu verlegen. Köcherts Entschluss mag wohl auch mit der Weltausstellung zusammenhängen, von der sich viele Wiener Unternehmer mehr Frequenz in den Straßen und damit gute Umsätze erwarteten. Bei dieser Weltausstellung war der angesehene Juwelier auch selbst mit ausgewählten Stücken vertreten, damals höchst modern präsentiert in Vitrinen mit gefärbtem Leder in Mauve, einem Farbton, der 1873 als Weltneuheit in Wien präsentiert wurde.
Dementsprechend ist auch das Innere der neuen Vitrinen, ebenso wie die Sitznischen, die historischen Hansen-Stühle und die Möbel im Backoffice, mit Leder überzogen, das von Zartgrau bis Mauve changiert. Zarte Grautöne fassen die bestehende Struktur und alle neuen Bestandteile des Interieurs zu einer architektonischen Einheit zusammen, beruhigen den Raum und spielen historische Originalteile ebenso wie die Juwelen in den Vordergrund. Herzstück des Geschäfts ist der historische Hansen-Salon mit den originalen, dunklen Holzverkleidungen und ihren klassizistischen Figuren- und Blütenfriesen in mattiertem Goldton. Auch der Originalkamin wurde als Reminiszenz an den Wiener Salon erhalten. Neu sind lediglich vereinzelte Vitrinen an den Wänden und im Stehpult, sowie die indirekte Ausleuchtung der Decke, wodurch sich der Raum nach oben hin zu öffnen scheint. Tatsächlich fanden die Architekten bei der aufwändigen Renovierung einen Mauerdurchbruch in der Mitte der Decke, der ursprünglich wohl für die Positionierung eines Kronleuchters genutzt wurde. Ein gutes Argument, um genau hier ein Lusterobjekt der japanischen Lichtdesignerin Megumi Ito anzubringen. Das Design des neuen Kronleuchters orientiert sich am Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ohne diesen zu kopieren. In den kreisrunden Korpus sind LED-Bänder eingefügt, deren Licht von dem goldfarbenen Metall reflektiert und den kristallförmigen Glasbehängen kunstvoll gebrochen wird, so dass trotz des kühlen LED-Lichts eine besonders warme und weiche Lichtquelle entstehen konnte.

Parkettboden in Eiche dunkel geölt zieht sich durch alle Räume. Dieser wurde ähnlich den Wiener Wohnsalons diagonal, jedoch mit breiteren Stäben und nicht versetzt verlegt. Links vom Eingang öffnet sich der Verkaufsraum zu weiteren Schau- und Beratungsräumen – ebenfalls mit Lichtobjekten von Megumi Ito bestückt. Durch gezielt gesetzte Spiegel in den Öffnungen entsteht ein Spiel der Blickachsen im erweiterten Raumensemble und macht neugierig auf einen Rundgang entlang der einzelnen Vitrinen. Eine Besonderheit stellt die von dem Grazer Universitätsprofessor DI Dr. Günther Leising eigens für Köchert entwickelte Vitrinenbeleuchtung dar: LEDs in schmalen, zylindrischen Metallhülsen sorgen für punktgenaues Spotlight auf das gewünschte Objekt. Doch nicht nur der jeweilige Metallzylinder ist beweglich sondern auch die LED in der Hülse: Wird der Zylinder etwas zurückgeschoben, rückt die LED-Leuchte im Zylinder weiter vor und der Lichtkegel wird breiter. Befindet sich die LED-Leuchte weiter hinten im Zylinder, wird der Lichtkegel kleiner und natürlich auch heller. Gleichzeitig wird das Licht von dem Goldton des umhüllenden Zylinders reflektiert und erhält damit einen wärmeren Farbton.
Über eine gusseiserne Wendeltreppe, deren Trittflächen schalldämmend mit Leder überzogen wurden, erreicht man das Obergeschoß mit der historischen Werkstatt, in der bis heute noch exklusiv die Schmuckstücke für A.E. Köchert gefertigt werden. Ein Raum in der Salonatmosphäre des 19. Jahrhunderts dient für Kundengespräche wie auch als Museum der Marke. Wertvolle Originalzeichnungen mit Schmuckentwürfen in Petersburger Hängung bekleiden die Wände. Dazwischen öffnen sich gezielte Einblicke in die Werkstatt mit ihren teils noch aus der Ursprungszeit stammenden Geräten. Mittelpunkt der Werkstatt ist der große neue Werktisch mit seinen fünf Werkplätzen. Ein ganz in Köchert-Blau gehaltenes Archiv beherbergt die gesamte Sammlung an historischen Entwürfen und Studienblättern – von den berühmten Sisi-Sternen bis zu einzelnen Exemplaren zeitgenössischer Künstler wie Erwin Wurm & Co. Dahinter befinden sich die Büros der Geschäftsführung, deren Schreibtische – wie einst die Arbeitstische der Juweliere – in die Fensterlaibungen eingefügt wurden und so neben natürlichem Licht auch Ausblick auf die Wiener Innenstadt bieten. Viele historische Elemente sind auch im oberen Stockwerk erhalten, von originalen Türen und Fenstern über den feuerfesten Zinkblechboden der kleinen Schmiede bis zu der bereits von Hansen installierten Raumlüftung, die ebenfalls reaktiviert werden konnte. Für die Planung hatten die Architekten zwei Jahre Zeit, ungewöhnlich lange, aber essenziell, um frühere Pläne und Skizzen einzusehen, historische Quellen zu sichten und daraus ein Konzept zu entwickeln, das Bestehendes bewahren und gleichzeitig Weiterentwicklung möglich machen soll. Die Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt erwies sich dabei keineswegs als Hemmschuh, sondern wird von den Architekten als besonders konstruktiv beschrieben. Immerhin fungierte das Amt nicht nur als wichtige Informationsquelle, sondern stellte auch selbst einen Restaurator, der vor Ort historische Bestände untersuchen und definieren konnte.
Architekt und Geschäftsführer von BWM Architekten Erich Bernard: „Bei diesem sensiblen Projekt ist tatsächlich beinahe kein Stein auf dem anderen geblieben. Dennoch war es uns wichtig, die Dimension der Veränderung nicht kenntlich zu machen und zugleich so viele Spuren der Geschichte wie möglich zu bewahren.

K.U.K. Hofjuwelier Köchert
Neuer Markt, Wien

Projekt: Juwelier Köchert
Adresse: Neuer Markt 15, A – 1010 Wien
Auftraggeber: A.E. Köchert Juweliere GmbH
Konzept und Planung: BWM Architekten und Partner ZT GmbH
Baumanagement: Bubeleichhorn / Oliver Eichhorn und Markus Bubel
Tischler (Vitrinen): Kirchberger GesmbH & Co. KG
Lichtsysteme: XAL GmbH
Fläche: ca. 300 m2
Planung: 2 Jahre
Umbau: 10 Monate bei laufendem Betrieb
Fertigstellung: 11/2015

Fotos: ©Christoph Panzer

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Kategorie: Allgemein, SHOP-ARCHITEKTUR

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