Mikroarchitektur

4. Dezember 2017 Mehr

In Zeiten, mangelnder verfügbarer Baugründe und vor allem steigender Preise entwickelt sich ein Trend zum Kleinen. Es muss nicht unbedingt die Smartwohnung oder das energieeffiziente Einfamilienhaus sein, manche Architekten entwerfen auch Fluchtarchitekturen und Einsiedlerbehausungen auf Zeit.

Experiment in der Natur
„Visit Sweden“ und der Schwedische Touristenverband hatten ein Experiment für Kreative ausgeschrieben. Fünf Personen mit einem jeweils sehr stressigen Job und einem ausgefüllten Stundenplan wurden ausgewählt, drei Tage auf einer kleinen schwedischen Insel in der Natur zu verbringen. Jeder bekam seine eigene, aus Holz und Glas gefertigte Kabine, die Wände bestehen fast nur aus Glas, um den intensivst möglichen Kontakt mit der Natur zu ermöglichen. Entworfen sind die Einsiedlerwohnungen von der schwedischen Architekturstudentin Jeanna Berger. Zwei Wissenschaftler vom Karolinska Institute in Stockholm werden das Experiment begleiten und die Ergebnisse später veröffentlichen.

 

72hCabin2-8

Foto: ©Jeanna Berger

 

Klein gegen Hochwasser
Dieses Projekt der Mikroarchitektur bewegt sich, im Hinblick auf die häufiger werdenden Klimakatastrophen, in den Sphären der Energieautarkie und Nachhaltigkeit. Es nennt sich „pod (Linse, Kapsel) and the perch (Sitzstange)“ und stammt von den Envelope Architects. Es ist eine High-end-Fluchtarchitektur. In einer einzigartigen Art und Weise kombiniert die Idee Ferien und „off grid“-Wohnen in spektakulären Gegenden und Situationen. Als Leichtkonstruktion kann sie mit einem Helikopter einfach auf einen Berg oder einen unzugänglichen Ort transportiert werden. Auf ihren Beinen kann sie in Überschwemmungs- oder Flutgebieten stehen. Ebenso könnte man sie als Ergänzung für überbuchte Hotels benutzen. Kleine Windturbinen unter dem Zugangssteg oder der Terrasse generieren Strom – er wird in Batterien gespeichert und steht als Gleichstrom für Beleuchtung und Heizzwecke zur Verfügung. Fotovoltaikpaneele in den Balustraden der Stiegenaufgänge speisen ebenfalls die Batterien. LEDs minimieren den Stromverbrauch und Wasser soll in großen Becken am Dach aus Schnee und Regen gewonnen werden. Schmutzwasser wird gefiltert und für die WCs verwendet.

 

Rendering: ©Envelope Architects ltd

 

Kristall aus Containern
Mikroarchitektur beginnt in kleinen Boxen, entwickelt sich zu kleinen Häuschen und manchmal in Containern. Diese wachsen und vermehren sich wie ein Organismus und was dabei herauskommt, zeigt das Londoner Studio James Whitaker mit seinen Visionen einer Behausung in der kalifornischen Wüste. Es sind sehr gut gemachte Renderings, aber die Idee dahinter ist faszinierend, zumindest optisch.

Der Vorschlag für die Villa „Joshua Tree Residence“ visualisiert einen Cluster von weißen Cargocontainern, die wie ein Kristall aus der felsigen Wüstenlandschaft aufbrechen. Das Projekt war schon länger für Deutschland geplant, jetzt wird es aber in der Wüste Kaliforniens realisiert. Die Auftraggeber sind ein Filmproduzent und seine Frau, sie leben in Los Angeles. Drei Stunden Autofahrt von dort entfernt besitzen sie ein 36 Hektar großes Grundstück und ebendort, in einer kleinen natürlichen Vertiefung, soll jetzt gebaut werden.

Whitaker schlug ein Exoskelett aus gebrauchten Schiffscontainern, weiß gestrichen, vor. Die Architektur schaut wie eine Explosion mit sich in alle Richtungen entfernenden Kuben aus. Das Gebäude ist vom Erdboden abgehoben und auf Säulen platziert. Jeder Container ist so positioniert, dass er den maximalen Ausblick in die Landschaft gewährt. Aber immer unter Berücksichtigung der Privatsphäre der Nutzer. Auf einer Grundfläche von 200 m2 wird das Gebäude ein Wohnzimmer, Küche, Essbereich und drei Schlafzimmer beinhalten. Die Renderings zeigen ein ziemlich prägnantes Interior auf einem Betonboden, weiße Wände und minimales Dekor. Möbel sind aus Sperrholz hergestellt und die Sessel von Designer Ron Arad. Die Behausung soll eine Verbindung mit der heißen, sonnenverbrannten Landschaft haben und gleichzeitig einen gewissen Ausdruck der Privatheit und des Schutzes bieten. Die Boxen sind an den Enden mit Verglasungen geschlossen und bieten so den Ausblick in entweder den Himmel oder das zerklüftete Terrain. In einigen Innenbereichen wirkt die facettierte Decke wie eine kristalline Form. Neben dem Haus ist ein Carport mit Solarpaneelen am Dach, hier wird die Energie für die Nutzung erzeugt. Natürlich soll es auch einen Pool und eine große, holzbeplankte Terrasse zum Sonnenbaden geben.

 

Renderings: ©Whitaker Studio

 

Text: ©Peter Reischer

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Kategorie: Allgemein, Newsletter