Polychromie – Mut zur Farbe

31. Dezember 2015 Mehr

„Ich habe die Knoten der Weisheit durchschlagen und das Bewusstsein der Farbe befreit“, sagte der Suprematist Kasimir Malewitsch

Oder: „Die Farbe in der Architektur ist ein ebenso kräftiges Mittel wie der Grundriss und der Schnitt.“

Oder besser: Die Polychromie, ein Bestandteil des Grundrisses und des Schnittes selbst.“ meinte Le Corbusier.

Agrigento_Concordia_Tempel

Farben werden in der Architektur stark unterbewertet, kaum ein Architekt traut sich, starke, vielleicht sogar ‚schreiende‘ Farben in der Außen- und Innenraumgestaltung zu verwenden. Dabei gibt es genügend historische Beispiele für die Farbe in der Architektur. Man weiß heute, dass die Griechen (und auch andere Kulturen des orientalischen Raumes) ihre Tempel und Kulturbauten stark farbig gestaltet haben. Leider ist heute oft nur mehr der weiße Marmor – und auch der ist von diversen, mittelalterlich anmutenden, terroristischen Aktionen bedroht – übrig geblieben. Die Farbe Blau wird oft mit dem Geistigen, mit der Kunst in Verbindung gebracht. So ist es nicht verwunderlich, dass diese Farbe ein Attribut vieler Gottheiten wurde, wie des ägyptischen Amun, des griechischen Zeus, des römischen Jupiter, des hinduistischen Vishnu oder von Krishna als blauhäutiger Inkarnation und auch Wesensmerkmal der berühmten Na’vi Neytiri aus dem Film ‚Avatar – Aufbruch nach Pandora‘.

SAB_Lechtape1) Die Chromophobie der Architekten ist sprichwörtlich – sie tragen Schwarz und bauen Grau! Eine der doch vorhandenen Ausnahmen stellt das Büro Sauerbruch Hutton in Deutschland dar. Für das von ihnen gestaltete Brandhorst-Museum in München etwa wurde die Fassade mit 23 verschiedenen Farben aus drei Farbfamilien gestaltet. In einem Interview gab Louisa Hutton auf die Frage, nach ihrem Faible für Farbe folgende Antwort: „Mein Partner, Matthias Sauerbruch stammt aus einer Malerfamilie und ich bin auf einem Bauernhof in England aufgewachsen. Als wir unsere Zusammenarbeit begannen, hatten wir keinerlei Aufträge. Also verbrachten wir eine Menge Zeit damit, Projekte nachzuzeichnen, uns mit den Farben auseinanderzusetzen. Wir haben uns – wie auch Josef Albers es tat – optische Hilfsmittel zugelegt. So begannen wir Farbe als Medium zu benutzen. Zuerst zweidimensional als Vertretung für das Dreidimensionale, dann mit der Beschäftigung eines städtebaulichen Wettbewerbs in Berlin realisierten wir, dass Farbe auch im städtischen Maßstab verwendet werden konnte, um Raum zu machen.“

2) Ein gutes Beispiel für die Farbigkeit im (historischen) Städtebau ist die berühmte Kleinseite in Prag. Im Gegensatz zu Wien ist Prag in manchen Bereichen richtig bunt. Hier sind alle Häuser in verschiedenen, jedoch im Gesamten zueinanderpassenden Farbtönen gefärbt.

prag

 

3) Auch im Frankreich der heutigen Zeit gibt es Ausnahmen. Eine kommt vom Architekten Paul Le Quernec, der 2013 ein Kulturzentrum in Mulhouse, in Frankreich vollendet hat. Die Architektur ist sehr expressiv, eine dunkle, kristallähnliche Form liegt auf einer weiten Fläche und in ihrer Mitte deutet eine ‚aufgelöste‘ Gitterstruktur den Eingang an. Er ist leuchtend Pink und diese extreme Farbgebung setzt sich in den Innenräumen fort. Diese sind ebenso polygon geformt und jeweils komplett in starken Farben gestrichen – natürlich nur dort, wo es mit allfälligen Ausstellungsstücken und Funktionen nicht kollidiert.

 

4) Es scheint, dass museale Bauten überhaupt den Gebrauch der Farbe propagieren. Das Museo Novecento in Florenz, gestaltet von Avatar Architettura, befindet sich im ehemaligen Hospital of San Paolo auf der Piazza Santa Maria Novella. Es ist nach dem Prinzip der ‚eingeschobenen Räume‘ abgebaut. Besucher werden am Beginn der Ausstellung im ersten Stock des Klosters durch große farbige Öffnungen in die entsprechenden zeitgenössischen Erfahrungen und künstlerische Experimente hineingeführt. Diese Korridore sind aus Stahlblech gefertigt und mit der Form eines farbigen Trichters ziehen sie die Besucher in die Bereiche hinein. Eine sehr komplexe Struktur (Ausstellungsarchitektur) wird hier mit Originalität und Kreativität realisiert.

 

5) Bei ‚stilleren‘ Ereignissen, wie zum Beispiel der Ausstellung über mittelalterliche Malerei und Skulptur im Agneskloster in Prag kann man wiederum einen ganz konträren Umgang mit Farbigkeit erleben: Dezente Farben, imitierte Marmormalerei an den Wänden, Stahlplatten als Bildträger geben den, für die religiösen Bilder notwendigen Hintergrund ab.

museum

 

6) Das Rems-Murr-Klinikum Winnenden – entworfen von den Büros Hascher Jehle Architektur aus Berlin und Monnerjan Kast Walter Architekten aus Düsseldorf – sichert die medizinische Versorgung der Bewohner von Winnenden, der benachbarten Städte Waiblingen und Backnang und des gesamten Rems-Murr-Kreises.
Ein Bauvolumen mit annähernd 70 000 m2 Bruttogrundfläche wurde in einem Ensemble mehrerer Einzelhäuser – orientiert am Vorbild historischer Klinikkonzepte – umgesetzt. Das charakteristische Erscheinungsbild des Klinikums entsteht durch farbige, 1,25 Meter breite Sonnenschutz-Schiebläden aus farbig eloxiertem Streckmetall. Drei Olivgelbtöne und ein Goldton bestimmen das Fassadenbild. Sie sind in einem unregelmäßigen Wechsel angeordnet und werden durch die punktuelle Anordnung goldfarbener Felder rhythmisiert.
Für die hochwertige Farbgebung der Sonnenschutz-Schiebeläden kamen Eloxalfarbtöne zum Einsatz. Beim Färbeverfahren werden besonders lichtbeständige Farbstoffe in die Poren der anorganischen Eloxalschicht eingelagert. Anschließend werden sie in einem Verdichtungsprozess geschlossen. So bleibt der metallische Charakter des Aluminiums genauso wie die Kraft der Farben sehr lange und in hoher Qualität erhalten. Mit ihrem matt-metallischen Glanz und ihrer feinen Struktur spannen sich die Streckmetallelemente als zweite Fassadenebene vor die leicht auskragenden Geschossdecken der Baukörper aus drei bis fünf Stockwerken. Es entsteht ein etwa 75 cm breiter Raum zwischen Gebäudehülle und Sonnenschutzebene, der für die Verschattung und Hinterlüftung optimal ist und zusätzlich Gänge für die Reinigung und Wartung der Fassaden aufnimmt. Jedes dritte der Elemente befindet sich an einer fixen Position.

 

Text: Peter Reischer
Fotocredits:
1) ©Andreas Lechtape
2) 5)  ©Reischer
3) ©11h45
4) ©Petro Savorelli
6) ©Conne van d´Crachten/HD Wahl

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Kategorie: Allgemein, Projekte

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