Rettung unter der Erde – Tunnel

10. August 2017 Mehr

Die Zukunft der Verkehrsinfrastruktur und der Mobilität liegt zunehmend unter der Erde: Rasant steigende Tunnelzahlen sind ein Zeichen dafür. Nach einer Reihe folgenschwerer Tunnelbrände um die Jahrtausendwende legten 2004 die EU-Tunnelrichtlinie sowie die darauf aufbauende Richtlinie für Ausstattung und Betrieb von Straßentunneln (RABT) Ausgabe 2006 explizite Standards für Neubau und sicherheitstechnisches Nachrüsten von vorhandenen Tunneln fest. Bestehende Tunnel mussten bis Ende 2014 auf den neuesten Sicherheitsstandard gebracht werden.

Tunnel sind zwar nachweislich weniger unfallgefährdet als offen liegende Straßen, aber gefürchtet sind sie wegen der bei Tunnelbränden auftretenden physikalisch bedingten Eigendynamik. Rauch und Hitze können hier nicht entweichen, sodass binnen weniger Minuten Temperaturen von über 1.000 Grad entstehen. Durch den in Tunneln herrschenden Kamineffekt breiten sich heiße, giftige Rauchgase sehr schnell aus und verhindern in kürzester Zeit Flucht- wie Rettungsmöglichkeiten. Bei einem Brand in einem Tunnel ohne Entrauchungsanlage haben Menschen höchstens fünf Minuten Zeit, um sich ins Freie oder auf rauchfreie Fluchtwege zu retten. Mit einer Entrauchungsanlage lassen sich diese Gefahren und deren enorm kostenaufwendige Folgewirkungen erheblich reduzieren. Deshalb zählen Branderkennungs- und -schutzsysteme mit Rauchmeldern, Videoüberwachung und Wärmemeldungssystemen, die Brände bereits in der Entstehungsphase erkennen und lokalisieren, zu den vorgeschriebenen Standards.
Die in Tunneln herrschenden extremen Einsatzbedingungen stellen höchste Anforderungen an die eingesetzten Komponenten. Gängige Werkstoffgüte für die geforderte extreme Korrosions-, Hitze- und Druckbeständigkeit von Tunnelklappen und den dazugehörigen Lager- und Dichtelementen ist rostfreier und säurebeständiger 1.4571-Stahl. Seine gute Verform- und Schweißbarkeit sprechen auch mit Blick auf eine wirtschaftliche Fertigung und präzise Verarbeitung für seinen Einsatz, denn bei den erforderlichen hohen Stückzahlen ist eine schnelle, kostenverträgliche und problemlose Projektrealisierung unabdingbar. Für tragende Bauteile wie Schrauben und Muttern sind höherwertige Güten vorgeschrieben.

Die Anzahl und Anordnung der Tunnelklappen müssen individuell auf die jeweiligen Tunnelparameter – Länge, Anzahl der Röhren, Verkehrsdichte und -art, Steigung oder Gefälle, Anteil von LKW und Gefahrguttransporten – ausgelegt werden. Je nach lokaler Anforderung sind sie mit gleich- oder gegenläufig drehenden Lamellen ausgestattet. Deren aerodynamisch geformte Lamellenflügel halten den Druckverlust gering. Um eine effiziente Entrauchung, bei der jede Minute zählt, zu gewährleisten, werden sie im Abstand von circa 50 Metern in einer betonierten Zwischendecke installiert. Im Brandfall müssen Tunnelklappen bis zu 120 Minuten lang einer Temperatur von 400°C, heißen Rauchgasen und Lösch­ wasser voll funktionsfähig standhalten.

 

Fotos: ©WZV, ©SIROCCO Luft- und Umwelttechnik GmbH, ©TROX GmbH

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Kategorie: Allgemein, Magazin