Transluzent in die Zukunft – PEN.DU House

7. Dezember 2017 Mehr

PEN.DU / Pénestin / BRUT architectes

Schon seit einigen Jahren herrscht in Teilen der Architektenschaft die Meinung, dass Einfamilienhausbau ein schwieriges, teilweise absurdes aber jedenfalls ein Thema ist, das mit Kampf und Problemen identifiziert wird. Kampf ums Budget, Schwierigkeiten mit Behörden und Bauordnungen, Gewissenskonflikte mit dem Umwelt- und Klimabewusstsein – um nur einige der Hürden zu nennen. Für manche Architekten ist es ein elitäres Gebiet, teuer und eher ungewöhnlich im Verhältnis zur gebauten Gesamtsubstanz. Für einige ist es eine Gewissensfrage und für einige eine Frage der Verantwortung.

 

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Ein „Plastikhaus“, das trotzdem nachhaltig und ein Niedrigenergiehaus ist, errichteten die BRUT Architectes im Nordwesten Frankreichs für eine junge Familie. Es ist ganzjährig bewohnbar und zeigt, dass auch jenseits von architektonischem Fundamentalismus eine Menge Möglichkeiten für gute Architektur bestehen.

 

BRUT Architectes haben in Pénestin, Frankreich ein Haus in Strandnähe für eine Familie errichtet (und zwar schon vor drei Jahren), das einiges der heute propagierten Methoden vorwegnimmt. Das PEN.DU Haus ist einmal eine pragmatische Antwort auf die übliche Frage beim Bauen: Minimalvolumen – Wohnfläche – Möglichkeiten. Im Nordwesten Frankreichs errichtet ist das Niedrigenergiehaus wie ein großes Glashaus für die junge Familie konzipiert, die es bewohnt. Es steht auf einem relativ großen Grundstück auf einer hölzernen Plattform, abgehoben von der Erde und umschließt ein Volumen, das alle Annehmlichkeiten des täglichen Lebens beinhaltet. Das Projekt bezieht seine äußere Form aus einer traditionellen, fast archetypisch erscheinenden Hausform – ein rechteckiger Grundriss mit einem Satteldach. Eine Antwort, die gleichzeitig ökonomisch wie auch rationell ist. Feine Verbindungen von Vernetzungen helfen bei diesem Konzept, ungeahnte Potenziale frei zu setzen. Ein Wechsel und eine Verschmelzung oder Durchdringung von Innen- und Außenraum ist die Folge, ein nicht aufgeteilter, abgeschlossener Raum.

Ein weiterer Aspekt dieser Architektur ist, die Verwendung von Heuballen als Isoliermaterial. Diese Anwendung entspricht der Fähigkeit des Menschen, allgemein verfügbare und damit auch nachhaltige Materialien zum Bauen zu verwenden. In diesem Fall ist der Heuballen das Maß aller Dinge. Mit 35 x 50 x 90
Zentimetern, auf die Schmalseite gestellt und von Hand aufgeschichtet, entsteht ein Raum, ein Zimmer nach dem anderen. Als stützende Struktur dient ein doppelter Holzrahmen und durch den Rhythmus von Füllung und Öffnung entsteht Architektur. Sie breitet sich aus und bezieht ihre Proportionen durch das Maß des Baumaterials, des Heuballens.

Nun kommt der (Genie)Streich der Architekten: Die äußere Hülle dieses Hauses besteht zur Gänze aus Polykarbonatplatten, transluzent und mit einem bläulichen Schutzanstrich versehen, um eine Alterung durch UV-Licht zu verhindern. Das „Plastikhaus“ ist jedoch trotzdem zu 95% aus biogenen Materialien erbaut. Holz als tragendes und raumbildendes Element: in seiner Verwendung drückt sich auch ein grundlegendes Know-how über Nachhaltigkeit und Recycling aus. Stroh: um eine High-Performance-Hülle zu bilden, aus einer örtlichen und oft unterschätzten Ressource gewonnen, eigentlich ein Abfallprodukt. Sand: um einen natürlichen Boden zu erzeugen, seine Masse hat eine große Speicherfähigkeit und dient so als Isolierung. Die transluzenten PVC Paneele sind ein Tribut an die neuen Technologien, eine (auch) ökonomische Lösung um die Notwendigkeit der Winternutzung des Wohnhauses und eine äußere Hülle zu schaffen.

 

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Die Atmosphäre und die Wohnlichkeit des „Plastikhauses“ bieten erstaunliche Qualitäten.

 

Diese radikale Position der Architekten erlaubte es auch, die Dimension des Plastikmaterials an der Oberfläche sichtbar zu machen. Es geht eben nicht um Fundamentalismus in der Architektur, um eine 100%ige rechnerische Nachhaltigkeit, diese Architektur ist ein Low-Energy-Haus und zeigt, dass eine kluge Mischung aus Ökologie, Wissen und technologischen Innovationen durchaus „gut“ sein kann. Noch dazu, wenn man bedenkt, dass die gesamte Bausumme dieses Hauses, das wie eine kleine Leuchtmarke nächtens den Weg vom und zum Strand markiert, gerade einmal 165.000 Euro betragen hat.

Die Isolierung an der Dachfläche ist aus Holzwolle und flach verlegten Strohballen (siehe Detailplan). Die Beheizung erfolgt mit einem Holzofen und man kann, aufgrund der guten Isolierfähigkeit der Strohballen, sowohl im Sommer wie auch im Winter sehr gut in dem Haus leben. Mit seiner einfachen Form und dem Satteldach ist es fast ein experimentelles Glashaus. Aus der energietechnischen Sichtweise betrachtet, ist es auf die Nutzung der passiven solaren Energie ausgerichtet. In der Nacht gibt es die Wärme ab, die während des Tages durch die Sonne eingebracht wurde. Durch seine erhöhte Bauweise reduziert es den Verbrauch von Erdoberfläche und durch die größtmögliche Verwendung von natürlichen Baustoffen den CO2-Fußabdruck. Die großen, südseitig gerichteten Fenster maximieren die Erwärmung im Winter und die nördlichen Öffnungen sorgen für die Belüftung der Bad- und Nassräume. Regenwasser wird von der Dachfläche gesammelt, gespeichert und wiederverwendet. Ein an der Westseite platzierter Anbau schützt diese Fassade vor den Winden und dient gleichzeitig als Werkstatt und Lagerraum.

 

 

PEN.DU House
Pénestin, Frankreich

Bauherr: privat
Planung: BRUT Architectes
Statik: Habsys Bois

Grundstücksfläche: 1.088 m2
Bebaute Fläche: 125 m2
Nutzfläche: 175 m2
Planungsbeginn: 01/2012
Bauzeit: 10 Monate
Fertigstellung: 2014
Baukosten: 165.000 Euro

 

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Polykarbonate sind entflammbar, die Flamme erlischt jedoch nach Entfernen der Zündquelle. Es erfüllt die Anforderungen der Brandklasse B2 nach DIN 4102. In Schichtdicken zwischen einem und sechs Millimeter ist es im Falle von Innenanwendungen in die Brandklasse B1, „schwer entflammbar“ eingestuft.
Der wasserklare Kunststoff zeichnet sich durch Glas-ähnliche Licht-Transmissionsgrade (88 % bei drei Millimeter Dicke nach DIN 5036-1) und Brechungsindizes (1,59 nach ISO 489-A) aus.
Das Material ist verhältnismäßig teuer. Es wird daher überwiegend dort eingesetzt, wo andere Kunststoffe zu weich, zu zerbrechlich, zu kratzempfindlich, zu wenig formstabil oder nicht transparent genug sind. Darüber hinaus wird Polykarbonat als transparenter Kunststoff häufig als Glas-Alternative eingesetzt. Im Vergleich zum spröden Glas ist Polykarbonat leichter und deutlich schlagfester. Außerdem besteht bei moderaten Aufprallenergien bzw. Geschwindigkeiten keine Gefahr durch Splitterbildung.

 

Fotos: ©Maxime Castric

Text: ©Peter Reischer

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Kategorie: Allgemein, Newsletter