Villen – Ikonen des Großbürgertums – und jetzt?

 

    

   

   

 

Bürohaus / Villa Schubertstrasse, Graz/A

Planung: Ernst Giselbrecht, Graz/A

 

Villen gibt es seit dem 2. Jahrhundert vor Christi – und bis 2005 hat der Wohntypus Villa viele Verwandlungen durchgemacht. Avantgardistische flexible Wohnideen á la Gerrit Rietveld in Form des “Haus Schröder”, die pneumatische “Villa Rosa” von Coop Himmelb(l)au oder Shigeru Ban´s loftähnliches “Naked House”, bei dem Zimmer zu Boxen werden und Möbel nach Belieben verschoben werden können. Ein weiteres Beispiel aus jüngerer Vergangenheit ist die Villa VPRO von MVRDV – ein akustisches wie materielles Experiment.

Viele Häuser werden heute europaweit von ihren Planern “Villa” genannt, geht es jedoch um die Neustrukturierung und Umnutzung einer traditionellen österreichischen Villa, erhitzen sich die heimischen Gemüter. Architekturbe- und Verurteilende stellen den romantischen Villengedanken oftmals über den von Architekten forcierten realistischen Nachnutzungsgedanken. Ernst Giselbrecht verfasste 1999 eine Studie für ein privates Gutachterverfahren über die zukunftsorientierte Nutzung einer Villa in Graz. Die Bauherren waren von dem Ergebnis überzeugt, beauftragten den Architekten 2000 mit der Planung, und im Herbst 2003 konnte das finalisierte Bauvorhaben übergeben werden. Die bestehende Villa wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut und befindet sich in einer für Graz bedeutenden Villengegend. Um die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Liegenschaft auch in Zukunft gewährleisten zu können, wurde als Ergänzung ein Bürohaus geplant. Der als einhüftiger Riegel formulierte Büro-Baukörper, die Straßenseite flankierend, soll den Straßenlärm der Schubertstraße abschirmen. Zusätzlich konnte durch die Situierung Sichtschutz von der Straße auf den weiterhin als Wohnraum genutzten Altbestand erreicht werden. Der neue Baukörper ist trotz seiner klaren Formulierung spannend gelöst: Die Nordwestfassade präsentiert sich ihrem Gegenüber Villa zurückhaltend sensibel in Form einer Loggia und mit dezenten Fensterbändern, während sich die Fassade zur Straßenseite als kühle anmutende Glasfassade und Aluminiumrahmen mit horizontal dominierender Gliederung präsentiert. Dem Planer ist hiermit ein in der Fassade formulierter Spagat zwischen Wohn- und Büronutzung gelungen – einerseits die traditionell streng formulierte “kommerzielle” Fassade, andererseits die wohnlichere gartenseitige Fassade aus Vollwärmeschutz nur von Fensterbändern durchdrungen. Die Divergenz des Grundstücks wurde nicht nur in der Außenhaut aufgenommen – auch in der Zirkulation des Gebäudes ist auf den Niveausprung des Grundstücks eingegangen worden. Das von der “privaten Ansicht” eingeschoßig erscheinende Gebäude ist in Wahrheit 2-geschoßig, was im Schnitt ersichtlich wird. Das Untergeschoß wird als Parkgarage genützt, und die Kraftableitung der Decke erfolgt über Scheiben. Im Erdgeschoß übernehmen 6 elegant formulierte Säulen die tragende Funktion, wobei drei davon im Außenbereich liegen und sich aus Nirosta präsentieren. In beiden Geschoßen des Baukörpers sind die Konzepte Großraum- wie Einzelbüro möglich, da den Nutzern durch einen Doppelboden – mit Teppichbelag – maximale Anwenderfreiheit eingeräumt wurde.

Um den Mitarbeitern neben den räumlichen Qualitäten auch thermisch maximalen Komfort zu bieten, sind die Büroflächen mit an der Decke befestigten Strahlungsheizkörpern ausgestattet, deren Heizenergie durch Fernwärme bezogen wird. Zusätzlich ist für den gesamten Bürobereich eine Quelllüftung vorgesehen. Um einer Überhitzung der verglasten Räume durch Sonneneinstrahlung vorzubeugen, wurden Jalousien eingebaut, wobei die das Gebäude umringenden Kastanienbäume als Hauptschattenspender dienen.

Bei genauerem Hinsehen kann man am Büroriegel außerdem ablesen, dass das Flugdach und die Loggia ein Zitat des Dachs und der Loggia der alten Villa sind.

Auch in der Materialwahl des neu gestalteten Außenbereiches wurde mit edlen Materialen auf die Eleganz der alten Villa Bezug genommen. So sind die Fußbodenbeläge als rauer Granit ausgeführt, der Swimmingpool wurde als Nirostabecken erneuert und mit Granitplatten – chinesischem Padang dunkel – eingefasst. Um den Pool möglichst lang nutzen zu können, wurde außerdem ein solarthermischer Flachkollektor am Dach des Bürogebäudes angebracht.

Möglicherweise kann der Betrachter anhand dieses Beispiels sehen, dass Umstrukturierung beziehungsweise bauliche Erweiterung nicht optische Qualitätsminderung zu bedeuten hat, sondern der Altbestand Inspiration für die

Materialwahl des neu zu Entstehenden sein kann. Und dass wir uns formal von der Architektur von vor 100 Jahren unterscheiden ist ja nicht unbedingt ein Nachteil.

Und der Architekt Ernst Giselbrecht sagt selbst: “Die heftig und emotional geführten Debatten über diesen Bau zeigen, dass hier ein Punkt in der Entwicklung einer Stadt getroffen wurde, an dem sich die Geister scheiden. Die einen vertreten vehement die museale Erhaltung solcher Villen und Grünbereiche, die anderen – und ich denke, dass dies besonders für die zukünftige Entwicklung unserer Städte wichtig ist – sehen eine zeitgemäße Entwicklung der Stadt als Grundlage für eine wirtschaftliche, funktionelle und ästhetische Neuorientierung einer positiven Stadtentwicklung.” Und eine Stadt mit einer Acconci´schen Murinsel und einem Alien als Kunsthaus hat ja bisher eine hohe visuelle Toleranz und kulturelle Aufgeschlossenheit gezeigt – also Graz: weiter so!

 

Den gesamten Artikel mit Plänen usw. finden Sie im Heft 1/05.

 

Bürohaus / Villa Schubertstraße

Schubertstraße 39, 8010 Graz

Bauherr:    Fam. Ertler
Planung:

Ernst Giselbrecht, Graz

Mitarbeit: Bernhard Scherr
Freiraum: 

koala, Graz

Statik:  Peter Steiner, Graz
Bauphysik: Hammer, Graz
Elektrotechnik: Gossar, Graz
Stahlbau u. Glasfassade:  Stahlbau Gregorcic
Grundstücksfläche: 1.660 m2
Nettonutzfläche: 695 m2
Planungsbeginn: Herbst 2000
Bauzeit: 10 Monate
Fertigstellung:       September 2003     
Fotos: Gerald Liebminger
Text: Sandra Knöbl

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