Ein moderner Solitär mit traditionellen Stilelementen

 

    

   

 

Neubau eines Einfamilienhauses im Burgenland/A

Planung: MAGK Architekten Martin Aichholzer, Günter Klein, Wien

 

Jedes Bundesland Österreichs weist spezielle Charakteristika hinsichtlich seiner Siedlungs- und Bebauungsstrukturen auf. So zeichnet sich das Burgenland durch seine geschlossenen Bauerndörfer mit den so genannten Streckhöfen aus. Diese traditionellen Höfe weisen einen L-förmigen Grundriss auf, sind eingeschoßig und reihen sich mit ihren Schmalseiten an die Durchfahrtsstraßen. Besonders die geschützten Innenhofbereiche mit ihren Arkadengängen geben Intimität und Privatraum. Die weiten Ebenen und sanften Hügel des bis in die 1960er-Jahre hauptsächlich agrarisch genutzten Landes ist wenig zersiedelt, erst in den letzten Jahren entstanden Solitäre am freien Feld.

Die Architekten Martin Aichholzer und Günter Klein, die unter dem Namen MAGK Architekten zusammen ein Büro in Wien haben, zeichnen verantwortlich für einen solchen Solitär im Südburgenland, der sich in seiner Typologie und mit vielen Details an das traditionelle Schema lehnt und dennoch ein auf die Bauherrin zugeschnittenes, individuelles Wohnhaus darstellt. Die Architekten beweisen, wie man aus der traditionellen, durchaus bewährten Überlieferung lernen und diese zeitgemäß umsetzen kann.

Das Haus Kathrin ist ein großzügiger Bau für eine gleichnamige Journalistin, die dem hektischen Treiben der Hauptstadt den Rücken zugekehrt hat. Das Leben mit und in der Natur, und das möglichst schwellenfrei, d. h. ohne Treppen steigen zu müssen, waren die Prämissen der im Burgenland aufgewachsenen Bauherrin. Diesem Wunsch sind die Architekten mit einem eingeschoßigen, ökologischen Niedrigenergiehaus in Holzbauweise, das sich wie selbstverständlich in die natürlich vorhandene Landschaftskulisse einfügt, nachgekommen.

Der Bau besteht aus zwei Baukörpern, die sowohl in ihrer Funktion als auch in der Wertigkeit (lang gestreckt Hauptbaukörper und quer angeordneter Annex) und auch farblich (hell-dunkel) und formal (abgerundet – kantig) kontrastieren. Der weiß geputzte wie gegossen wirkende Hauptbaukörper scheint zu fließen und erscheint von der Nordansicht wie eine eigene, “sanft gebaute” Landschaft. Fließend, den Abläufen des täglichen Lebens folgend, wurde auch der Grundriss intelligent entwickelt. Vom Ankommen über die Kommunikation bis hin zum Rückzug sind die Räume hintereinander, nur durch Schiebetüren getrennt, angeordnet (gedeckter Eingang, Erschließung durch die Garage, Hauswirtschaftsraum, Küche-Essplatz-Wohnbereich, Büro – Schlafzimmer, Ankleide – Bad). Die Raumhöhen variieren, im Wohnbereich erreicht der Raum eine Höhe von 4,5 m. An der höchsten Stelle gibt ein Niveausprung Platz für ein Oberlichtband, das die Morgensonne bis ins Schlafzimmer führt.

Der dunkle, kantige Baukörper beherbergt zwei weitere Zimmer, die leicht, zusammen mit dem Sanitärbereich am Übergang zum Hauptgebäude, zu einer eigenständigen Wohneinheit umgebaut werden könnten. Durch die von oben nach unten schräg nach innen geneigte Fassade bei der Terrasse, die dieselbe Neigung wie der Hauptbaukörper aufweist, wird Zusammengehörigkeit erzielt. Dunkle Holzplatten verkleiden den Baukörper.

Als Querachse situiert ergibt sich wie von selbst eine intime Terrasse, die den Wohnraum wiederum schwellenfrei erweitert. Die glatt erscheinende Nordfassade wird durch einen vorspringenden Kubus gegliedert. Hierin befindet sich der Kachelofen, der wohlige Wärme im Wohnraum erzeugt. Lange horizontale und vertikale Sichtschlitze gliedern einerseits die relativ geschlossene Nord-, West- und Ostfassade und geben bewusst gewählte Ausschnitte der Landschaft frei. Sensibel positioniert bestimmen die Öffnungen die Lichtführung im Inneren des Hauses – dem Sonnenverlauf folgend.

Die großflächige Verglasung zwischen der Terrasse und dem Wohnraumbereich holt die Landschaft als Großaufnahme in den Innenraum. Der fast zwei Meter breite Dachvorsprung über der Verglasung ist als Sonnenschutz ausreichend und erspart die Verwendung eines weiteren Elements.

Das Spiel mit Blickachsen und Sichtbezügen macht neugierig, da man immer wieder Neues entdecken kann. So wird das Haus Kathrin zu einer Architektur der Bewegung, die zu einem architektonischen Spaziergang oder “promenade architecturale” einlädt. (Le Corbusiers prägte diesen Begriff für seine Villa Savoye bei Paris.)

Das Einfamilienhaus wurde aus nachhaltigen Baustoffen gebaut – Holz, Natursteinprodukte und Schafwolle für die Dachdämmung als ideale Speichermasse wurden eingesetzt. Glas bringt Wärme und Licht in das Haus. Energietechnisch ist die lang gestreckte Form des Gebäudes zwar angreifbar, doch werden Niedrigenergiehauswerte erzielt. Eine kontrollierte Wohnraumlüftung inklusive Wärmerückgewinnung finden ihren Einsatz ebenso wie ein Niedertemperatur-Heizsystem, das über eine Wärmepumpe betrieben wird.

In nur einem Jahr inklusive Planung konnte das Einfamilienhaus errichtet werden, nicht zuletzt aufgrund der in der Fabrik vorgefertigten Holzplattenkonstruktionen. Die Plattenkonstruktionen bestehen aus 10 cm dicken Wänden und 16 cm Dämmung. Da Zeit Geld ist, konnten somit Einsparungen erzielt werden, zur Freude der Bauherrin.

Die fließende Form des Gebäudes erinnert mehr an ein Spielzeug oder ein Möbel denn an ein Bauwerk. Vielleicht hat das die vielen neugierigen Schaulustigen angezogen, die staunend  mit ihren Nasen an der Fensterscheibe einen Blick ins Innere erhaschen wollten. Das Interesse an Neuem scheint gegeben und freut die Architekten, nicht aber die Bauherrin. So hat der  Ansturm zur Anschaffung eines Zauns geführt, der nun das Grundstück umgrenzt. Die lang gestreckte, eingeschoßige Form mit ihrer wie Perlen aufgereihten Zimmerfolge, der Eingangsbereich an der Schmalseite des Gebäudes, die geschützte hofartige Terrassensituation und die in der Fassade angedeutete Arkadensituation sind seit jeher im Burgenland verwendete Stilelemente, die auch das Haus Kathrin in neuer Übersetzung kennzeichnen.

 

Dies und die bis ins Detail durchdachte Ausführung machen es zu einem interessanten

und qualitätvollen Stück Architektur im Burgenland.

 

Den gesamten Artikel mit Plänen usw. finden Sie im Heft 1/05.

 

Haus Kathrin

Oberwart/Burgenland

Planung:

MAGK Architekten, Martin Aichholzer, Günter Klein

Mitarbeit: Andreas Etzelstorfer
Grundstücksfläche: 1.559 m2
Wohnnutzfläche: 166 m2
Planungsbeginn: Herbst 2002
Bauzeit: 1 Jahr
Fertigstellung:       Herbst 2003
Fotos: Archiv Architekten
Text: Katharina Tielsch

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