Gemeindezentrum mit Variationen

 

    

   

   

 

Gemeindezentrum Übersaxen/Vorarlberg

Planung:Matthias Hein 

 

Das Projekt vom Architekten Matthias Hein ging im April 2002 aus einem von der Gemeinde Übersaxen/Vorarlberg ausgeschriebenen Wettbewerb hervor. Aufgabe war es, das bestehende Gemeinde- bzw. Schulhaus umfassend zu sanieren, einen neuen Mehrzwecksaal zu platzieren und einen Dorfplatz zu schaffen. Grundlegende und entwurfsbestimmende Bedingung war die Erhaltung des auf dem Baugrundstück befindlichen Einfamilienhauses.

Aus diesem Grund musste der im Herbst 2004 fertig gestellte Baukörper für den Dorfsaal südlich des Hauses – sozusagen in zweiter Reihe – angeordnet werden. Um dem davor entstehenden Dorfplatz die nötige bauliche Fassung und Präsenz zu verleihen, wurden Teile des Raumprogramms (wie Garderobe, Bar und Bücherei) in Form eines “Fingers” orthogonal an den Saal angefügt. Dieser so genannte “Finger” verbindet den Neubau bergseitig mit der Dorfstraße. Das bestehende Haus situiert sich nun inmitten des neuen Platzes und leitet durch seine Ausrichtung die Besucher zu den Eingängen des Foyers beziehungsweise der Bücherei.

Ein Mehrzwecksaal sollte errichtet werden, der zwei Funktionen zugleich erfüllt. Einerseits soll er den Kindern der Schule und des Kindergartens einen Bewegungsraum bieten und andererseits das Vereinswesen der Gemeinde fördern, sozusagen als ein vollwertiger Veranstaltungsraum zur Verfügung stehen. Das Gebäude beinhaltet neben diesem Saal nun auch die Dorfbücherei und eine großzügig angelegte Bar. Seine raue Fassade in Splittbeton, mit 7% anthrazit eingefärbt, erscheint hart und kantig wie ein Fels, während im Inneren der Baukörper in Holz ausgebaut ist – ein Kontrast, der spannender nicht sein könnte. Insbesondere bei abendlichen Veranstaltungen strahlen die vom Licht in Szene gesetzten Holzoberflächen – schon von Weitem sichtbar – warm und einladend nach außen. Ziel des Architekten war auch, den neuen Dorfplatz möglichst unverschattet zu belassen. Um die sichtbare Kubatur also gering zu halten, wurden sämtliche Nebenräume und deren Erschließung unter die Oberfläche des Platzes gelegt, wodurch das Gesamtvolumen des Körpers von außen kaum erfassbar ist. Vom Dorfplatz aus ist er scheinbar nieder und zieht die Aufmerksamkeit des Betrachters auf und in sich. Die komplette Höhe des Mehrzwecksaales ist nur von unten ersichtlich, so bleibt die Maßstäblichkeit des Ortes gewahrt, denn der Baukörper sollte inmitten der feingliedrigen dörflichen Struktur (Haufensiedlung) so klein wie möglich erscheinen, und die herrliche Aussicht ins Tal sollte erhalten bleiben. Blick- und Lichtführung entsprechen dem Verlauf des Hanges, so wird dieser auch im Innenraum nachvollziehbar gemacht.

Der neue Dorfplatz wird in zwei Bauetappen realisiert, von denen die erste bereits abgeschlossen ist. Von ihm aus werden alle Bereiche der beiden Häuser erschlossen. Seine Oberfläche besteht aus großflächigen, sandgestrahlten Betonfertigteilen ohne Neigung (die Entwässerungsebene liegt unterhalb der Fertigteile) und eröffnet zahlreiche neue Möglichkeiten für schulische und außerschulische Aktivitäten der Kinder sowie Veranstaltungen der Gemeinde.

In Verbindung mit dem Vorplatz des Gemeindehauses wurde eine Art “Insel” mit Sitzbank, Dorfbrunnen und Linde angelegt, die zum Verweilen einlädt. Diese “Platzmöblierung” ist mittels glattem Sichtbeton ausgeführt. Talseits des Neubaues bietet eine großzügige Grünfläche weitere Möglichkeiten für verschiedenste Nutzungen im Freien. Im Zusammenhang mit dem niveaugleichen Zugang zum Mehrzwecksaal, der durch seine hohe Verglasung ebenfalls diesem Außenraum zugeordnet ist, bietet diese Kombination vielfältige Variationen für Veranstaltungen.

Die Tragstruktur des Neubaus besteht generell aus Ortbeton mit Innendämmung, und obwohl das Gebäude sehr einfach aussieht, hat es allein durch die Anordnung der Fenster und die zarte Ausführung der Stützen einen sehr hohen Anspruch an das erfahrene Statikerbüro Mader/Flatz gestellt. So wurden zum Beispiel die Betonstützen (20 cm Durchmesser) als Fertigteile in B600-Beton hergestellt. Das Hallendach besteht aus 32 cm hohen Hohldielen, die über 13 Meter gespannt wurden. Besondere Schwierigkeit stellte die Ausbildung der Auflager der außen gedämmten Hohldielen an den innen gedämmten Betonwänden dar. Eine Art “Kellersituation” mit Belichtung ausschließlich von oben konnte vermieden werden. Um, wie bereits erwähnt, die sichtbare Kubatur des Gebäudes klein erscheinen zu lassen, wurden sämtliche Nebenräume (wie Umkleiden und Waschräume, Technik- und Lagerräume, WC, Küche) unter den neuen Dorfplatz gelegt. Der dadurch entstandene unterirdische, fensterlose und scheinbar “künstliche” Bereich unterscheidet sich in der Konzeption der Materialisierung deutlich vom restlichen Innenraum. Dieser Nebenraumbereich ist fast durchwegs in Weiß gehalten. Decken, Wände und Einbaumöbel sind weiß (die Farbe ersetzt das Material), nur der Boden ist in schwarzem Gussasphalt ausgeführt. Es sollte der Eindruck des künstlichen, fensterlosen Raumes verstärkt werden, um die Orientierung im Gebäude zu erleichtern.

Der Innenausbau des Saalbereiches hingegen erfolgte durch eine komplette Auskleidung in Eiche. Für den Parkettboden wählte man eine einfache Holzsortierung mit hohem Astanteil und starken Farbunterschieden aus. An der Wand dagegen wurde ein Klebeparkett in deutlich feinerer Sortierung aufgebracht, und an der Decke konnten großflächige, hell und schlicht furnierte Schlitzplatten eingesetzt werden. Durch diese Abstufung sollte vermieden werden, dass die Einheitlichkeit des Materials verwirrend wirkt. Der Boden soll subjektiv das höchste “Gewicht” erhalten. Ebenso sind die Innentüren und Möblierung in Eiche (bzw. Weiß) gehalten, sowie auch die Fenster in Eiche (geölt).

Um die beiden Hauptfunktionen des Mehrzwecksaales (Sport- und Veranstaltungsnutzung) möglichst voneinander zu trennen, wurden einige Sonderkonstruktionen geplant und ausgeführt. Die Stirnwand des Saales lässt sich mit Hilfe von Seilwinden herunterklappen und wird zur Veranstaltungsbühne. Die nötigen Einbauten (Beleuchtung, Vorhänge, Reflektoren etc.) können an Deckenschienen anschließend herausgefahren werden. So entsteht bei Bedarf innerhalb von 15 Minuten eine vollwertige Bühne, ohne – über das gesamte Jahr gesehen – unnötig Raum zu verschenken. Als Verletzungsschutz sind den hohen Fenstern auf Hallenniveau Sprossenwände vorgelagert. Diese können bei Veranstaltungsnutzung in den Hinterbühnenbereich geschoben werden, die Verglasung lässt sich dann großflächig öffnen, um auch die talseitig gelegene Grünfläche mit in die Nutzung einbeziehen zu können.

Die flächenbündigen und ballwurfsicheren Hallenleuchten sind Sonderanfertigungen der Firma Zumtobel: Es sind darin Leuchtmittel für Sportveranstaltungen, so genannte Hochdrucklampen, und dimmbare Leuchtmittel für Veranstaltungen sowie die Notbeleuchtung enthalten. So ist es nun möglich, unterschiedliche Lichtstimmungen zu erzeugen, ohne die Deckenuntersicht mit Unmengen von verschiedenartigen Leuchten bestücken zu müssen.

Da auch ein schwarzer Kunststoffboden ausgerollt werden kann, lassen während des Veranstaltungsbetriebes lediglich die Seile der Multischaukel vermuten, dass die Halle ansonsten auch als Sporthalle Verwendung findet.

Die komplette Lüftung des Gebäudes wurde in die Wände des Saales integriert und somit gänzlich aus der Decke ferngehalten. Die abgehängte Decke konnte, um die Gebäudehöhe gering zu halten, so mit einer Stärke von nur 20 cm ausgeführt werden.

Mit der Ausführung einer Splittbetonfassade in Ortbeton hatte in Vorarlberg bisher weder ein Bauleiter noch ein ausführender Betrieb Erfahrung. Es mussten viele Experimente durchgeführt werden, um abschätzen zu können, wie die Wirkung des Verzögerungsmittels, das auf die Schalung aufgebracht wird, einzuschätzen ist. Schlussendlich hat sich der Aufwand gelohnt. Der kontrastreiche und vielseitige Einsatz des Materials Beton sowie die raue Oberfläche der Fassade lassen Parallelen zu Namen und Bodenbeschaffenheit des kleinen Ortes Übersaxen erkennen (lat. saxus = Stein / Fels).

Das neue Dorfzentrum wurde von der Bevölkerung sofort angenommen, und der Saal war bereits wenige Tage nach Fertigstellung fast vollständig durch die verschiedenen Vereine ausgebucht. Auch die zahlreich stattfindenden Abendveranstaltungen sind seither stets sehr gut besucht.

 

Den gesamten Artikel mit Plänen usw. finden Sie im Heft 2/05.

 

Dorfsaal + Dorfhaus Übersaxen

A-6830 Übersaxen

Bauherr:    GIG Übersaxen
Planung:

Matthias Hein

Mitarbeit: Michael Abt, Juri Troy, Carmen Hottinger, Markus Cukrowicz
Kücheneinrichtung: 

FHE FRANKE, Dornbirn

Beleuchtung:  Zumtobel Staff
Grundstücksfläche: 3.486 m2
Bebaute Fläche: 1.197 m2 (davon 622 m2 neu)
Umbauter Raum: 12.029 m3
Planungsbeginn: Juni 2002 (Wettbewerb April 2002)
Bauzeit: 17 Monate
Fertigstellung: Oktober 2004
Fotos: Robert Fessler
Text: Michaela Haller

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