Konsequenz und Geradlinigkeit

 

    

   

   

 

Einfamilienhaus Mares, Linz/A

Planung:Atelier Sturmberger/Moser, Linz/A

 

Kommt man nach Linz in den Bezirk Keferfeld in die Martinelligasse, sieht man sogleich das Haus, das sich durch seine bloße Blechfassade und den vorgesetzten Sichtbetonwänden stark von der Umgebung absetzt. Der erste Eindruck des kleinen Hauses der Familie Mares ist äußerst ungewöhnlich. Da das Zinkblech ohne Unterbrechung in das steil geneigte Dach übergeht und im Gesamten beinahe fugenlos ausgebildet ist, hat es die Wirkung eines Monolithen. Die Sichtbetonwände, die dem straßenseitigen Garten vorgesetzt sind, dienen als Sichtschutz und bilden die Seitenwände des Carboards. Die Ausstrahlung ist vom ersten Moment an faszinierend und erzeugt eine Spannung aus Neugierde und Vorsicht. Man will begreifen, was dieses Haus ausmacht, warum es so fremd und doch vertraut wirkt. Es ist wie ein Alien, das versucht, sich im Ensemble der Arbeitersiedlung zu verstecken.

Unter dem Hitlerregime im Jahr 1938 wurden in dieser Straße kleine Reihenhäuser für Arbeiter errichtet. Jedem dieser Häuser mit minimalster Wohnfläche schließt ein noch kleineres Nebengebäude an, das die Funktion eines Stalles hatte. Die dazugehörigen Gartenflächen sind dafür sehr groß, um die Selbstversorgung in damaliger Zeit zu gewährleisten. Die Proportionen des einstigen Hauses mit einer quadratischen Grundfläche von 109 m2 wurden durch den baulichen Eingriff des Architekten-Teams Sturmberger/Moser gering verändert. So wurde der östlich liegende Teil des Baukörpers gartenseitig vergrößert. Da diese Siedlung unter Ensembleschutz gestellt wurde, konnte von den streng festgelegten Baufluchtlinien nur minimal abgewichen werden. Die Traufkante konnte nur über eine Sonderbewilligung der Behörde um einige Zentimeter höher gesetzt werden, so erzielte der Architekt eine Raumhöhe von 2,55 m im Erdgeschoß und eine Höhe von 2,50 im Obergeschoß des Hauses. Trotz der streng einzuhaltenden Richtlinien konnte aber nicht erreicht werden, dass die ursprüngliche Einfachheit auch bei den anderen Häusern der Siedlungen erhalten blieb. Viele dieser kleinen Häuschen verloren durch Erweiterungen bis an das Maximum der gesetzlich vorgegebenen Baufluchtlinien die Ausgewogenheit der einstigen Proportionen.

Die alte Bausubstanz des Haus Mares sollte bestehen bleiben. Doch die Ziegelwände des Erdgeschoßes waren ohne Zement errichtet worden und so ohne Halt. Bei den ersten Abbrucharbeiten mit dem Bagger bekam auch die Kellerwand einen starken Riss. Deshalb wurde der gesamte Altbestand abgerissen und neu errichtet.

Die Umhüllung des gesamten Baukörpers mit Zinkblech stellt eine Glanzleistung des Spenglerhandwerkes dar. Der Spengler Horst Mayr aus Leonding entwickelte eine neue Falztechnik und fertigte eigens dafür spezielle Werkzeuge an. Der Entwurf der Fassade basiert auf einem Raster, welcher in Form eines Schnittbogens über sämtliche Außenflächen gelegt wurde. Alle Öffnungen, Vor- und Rücksprünge, Traufen und Firste wurden in diesem Raster aufgenommen. Die Dachrinne und die Be- bzw. Entlüftungsöffnungen für die Hinterlüftung der Fassade wurden flächenbündig ausgebildet und unterstützen die homogene Wirkung des Baukörpers. Die Dachrinne ist nur als Schatten im Traufbereich des Daches wahrnehmbar. Horizontal verlaufen die Fugen der ca. 35 cm breiten Blechelemente in einer Linie um das Haus herum, vertikal sind die Fugen zueinander versetzt. Die Horizontalverbindungen sind so abgesetzt, dass die darüber liegende Materialstärke aufgenommen wird; so konnte erreicht werden, dass die Oberfläche plan ist. Der eigentliche Gedanke der Architekten an eine Schieferfassade sprengte den Kostenrahmen. Sie wollten ein Material, das die Kanten des Hauses exakt ausbilden kann. So kam die Idee einer Zink-Blechfassade. Diese lag  im Kostenrahmen und konnte auch gleichzeitig die bautechnischen Erfordernisse einer sehr geringen Materialstärke erfüllen.

Die Hinterlüftung von Fassade und Dachbekleidung beginnt im Sockelbereich, wird durch entsprechende Leitbleche unter der Kastenrinne in den Hinterlüftungsbereich des Daches geführt und endet südseitig in einem kaum sichtbaren Abluftschlitz. Die gesamte Metallverkleidung wurde auf eine vom Zimmermann vorgefertigte vertikale Unterkonstruktion mit entsprechendem Hinterlüftungsquerschnitt montiert.

Schon der erste Regen nach der Fertigstellung verlieh dem Titanzink der Marke Rheinzink walzblank die jetzige Patina. Das Haus ist wie ein Chamäleon, es verändert seine Farbe und das Schattenspiel je nach Sonneneinstrahlung und Lichtstimmung. Die Konturen können stark hervortreten oder durch die Änderung der Farbe mit dem Hintergrund verschwimmen. Die Abendsonne verleiht der Fassade ein einheitliches Grau. Die Orientierung der Reihenhäuser ist südwestlich zur Straße hin, der Garten nordöstlich. Das veranlasste den Architekten im Erdgeschoß einen einzigen Raum zu bilden, der Wohnraum, Küche und einen Essbereich beinhaltet. Die Fassade wurde auf beide Seiten hin großzügig geöffnet, um die Morgen- und Abendsonne zu gewährleisten. Um die Blicke von der Straße zu verwehren, wurden die Sichtbetonwände aufgestellt.

Der Essbereich wurde auf Wunsch der Bauherren ohne Fenster ausgebildet, um einen introvertierten Raum zu schaffen. Dafür aber liegt dieser unterhalb eines hohen Luftraumes mit 5,5 m neben der geschlossenen Stiege in die Galerie des Obergeschoßes. Das sehr große Fenster im 50° geneigten steilen Dach erhellt den Essbereich.

Das Fenster liegt nordöstlich und benötigt laut Bauherren keinen Sonnenschutz. Im ersten Stock, der insgesamt eine Fläche von 45 m2 hat, befindet sich ein Schlafzimmer, ein Gästezimmer, das Bad und ein Schrankraum. Dem Schlafzimmer ist ein kleiner Balkon vorgelagert. Das Haus fällt unter die Kategorie eines Niedrigenergiehauses. Es hat eine Fußbodenheizung im gesamten Haus. Die Solarkollektoren für die Warmwasseraufbereitung befinden sich am Dach, diese werden wie ein Dachflächenfenster wahrgenommen.

 

Durch den Umbau dieses Hauses wurde ein Maximum an Nutzfläche erreicht. Die Wohnqualität konnte durch die lichtdurchfluteten Räume und dem offenem, großzügigen Wohnraum im Erdgeschoß enorm verbessert werden. Der Mut der Bauherren zu dieser Blechfassade, die in der Nachbarschaft zu großer Empörung geführt hat, unterstützt innovative Architektur und hilft neue Techniken zu entwickeln. Die Konsequenz, eine Sichtbetonwand vor einer Terrasse nicht zu begrünen, stößt auf großes Unverständnis unter den Besuchern der Familie Mares. Die Geradlinigkeit des Erscheinungsbildes der äußeren Form unterstreicht die Einfachheit des ursprünglichen Bestandes.

 

Den gesamten Artikel mit Plänen usw. finden Sie im Heft 2/05.

 

Haus Mares

Martinelligasse 16, 4020 Linz

Bauherr:    Stefan und Friederike Mares
Planung:

Atelier Sturmberger/Moser, Linz

Dach und Fassade: Mayr Dachdeckerei/Spenglerei, Leonding
Umhüllungsmaterial: 

Rheinzink

Grundstücksfläche: 535 m2
Bebaute Fläche: 95 m2
Umbauter Raum: 615 m3
Baubeginn: Mai 2002
Fertigstellung: Februar 2003
Fotos: Archiv Architekten, Rheinzink
Text: Brigitte Sponer

Mehr gibt es in der Printausgabe! 
Nur ein Abonnement sichert Ihnen einen regelmäßigen und sicheren Bezug!