Konsequenz auf Schwyzerdütsch

 

   

     

 

      

Seewürfel, Zürich/CH

Planung: Camenzind Evolution

    

Realität vs. Virtualität ist ein Thema, das in der Architektur schon seit Jahrzehnten beschäftigt. Neben avantgardistischen Architekturexperimenten der 1960er-Jahre beeindruckte 1982 vor allem Ridley Scotts Film “Blade Runner” mit seiner Version der zukunftsorientierten Architektur und eigenwilligen Sozialtheorien. Im neuen Jahrtausend präsentieren sich so manche Projekte virtueller als je zuvor, allerdings vermehrt durch visuell, beinahe virtuell anmutende Hüllen, denn durch frühe archigram-Visionen von Städten, die sich selbst fortbewegen können (Projekt Walking City). Letztes Jahr stellte beispielsweise das UN Studio unter der Leitung von Ben van Berkel ihr Projekt “La Defense” Businesscenter in Almere fertig. Die Fassade der Baukörper verändert sich mit der Tageszeit, was zur Folge hat, dass die Büromitarbeiter um acht Uhr morgens ein rotes Gebäude betreten, Geschäftspartner, die zu einem Meeting um 11 Uhr den Komplex betreten, finden eine orange Fassade vor, die sich in den Abendstunden über blau bis gelb transformiert. Es wirkt ganz so, als ob wir es hier mit einem architektonischen Stimmungsbarometer zu tun hätten.

Stimmung macht auch das Projekt Seewürfel von Camenzind Evolution im homogenen Zürich. 1999 konnte Camenzind Evolution einen Studienauftrag für sich gewinnen, und ab 2001 ging es an die konkrete Planung von 38.800 m3 Wohn- und Bürovolumina. Es galt, ein Projekt zu entwickeln, das in einem Gebiet Zürichs Platz nimmt, das einerseits durch Bahnhofsnähe infrastrukturell vorteilhaft situiert ist und andererseits in unweiter Nähe von Baukörpern mit Hausbesetzungsvergangenheit liegt. Während das UN-Projekt in Almere auf keine Kritik von Bürgerseite traf, da ein Teil urbaner holländischer Strukturen nicht gewachsen, sondern aus der Architektenretorte stammt, war in der Schweiz das Gegenteil der Fall: Im Zürich des Jahres 2002 machte sich eine murrende Schweizer Bürgerschaft hörbar, die mit der Realisierung der Seewürfel nicht ganz einverstanden war. Grund für die Kritik des Seewürfelprojektes war auf eine Villa zurückzuführen, der durch den geplanten Neubau ein Abriss gewiss war. Mittlerweile dürfte nur mehr Lobgesang über das acht Würfel umfassende Projekt zu hören sein, da es in städtebaulichen wie architektonischen Maßstäben sensibel auf sein Umfeld eingeht. Basierend auf einem stringenten Freiraumkonzept nehmen alle acht Würfel, zwei davon mit ausschließlicher Büronutzung, das Spiel mit Benutzern und umgebender Realität auf. Die von den Planern angewandten Spielregeln in der Entwurfsphase wurden auch zu einem späteren Zeitpunkt, als es um die Detaillierung der Fenster, Fassaden, Eingangsbereiche und Treppenhäuser ging, fortgesetzt. Dass Konsequenz nicht Tristesse zu bedeuten hat zeigt das vorliegende Projekt eindeutig: Die Positionierung der Fensterzonen und der Eingänge wurde durch Bezüge zum Außenraum bestimmt, was zur Folge hat, dass jeder der acht Kuben kongruent in den Freiraum eingebettet ist. Die Fassaden wirken ganz so, als wären sie Computeranimationen anstelle realer Hüllen, ein Effekt der von den Architekten durch ein ausgeklügeltes Materialspiel erzeugt werden konnte.

Grundsätzlich wurde bei den geschlossenen Fassadenflächen mit zwei Materialien gespielt: einerseits mit klassischen Faserzementplatten und andererseits mit neu entwickelten Holzglaspaneelen. Die Faserzementplatten ziehen sich wie ein roter Architekturfaden durch alle acht Gebäude, während die aus drei verschiedenen Holzarten ausgeführten Holzglaspaneele die Rolle der Identitätsbringer der einzelnen Volumina übernehmen. Die Identität der Würfel ist eine mehrschichtige: Die beiden Würfel entlang der Seefeldstrasse sind mit reiner Büronutzung belegt, während die dahinter liegenden Gebäude gemischt genutzt werden. In den unteren Geschoßen dieser sechs Würfel sind erneut Büros untergebracht, in den höher liegenden Gebäudeebenen stehen Maisonette-Wohnungen zur Verfügung. Im Gebäudeinneren aller Baukörper erschließt sich ein durchdachtes Innenraumkonzept, das auf dem Prinzip einer Verschachtelung und leichten Verschiebung der Geschoße basiert. Die Raumaufteilung der Wohn- und Arbeitseinheiten ist logistisch so angewandt, dass zukünftige Mieter ihren Bedürfnissen flexibel nachkommen können. Ein wunderschöner Aspekt an den Würfeln ist neben der klugen Raumprogrammierung und Materialwahl vor allem auch der Außenbereich. Wie oft klagen Landschaftsplaner zu Recht, dass Architekten Freiraum immer nur als Restflächen behandeln. Camenzind Evolution ist ein großartiges Komponieren von Räumen gelungen, deren Innen- und Außenbereiche gleichberechtigt sind. Die Formensprache der Seewürfel ist eine klassische, der Schweizer Architekturtradition verbundene: Materialien, inszenierte Sichtbezüge und Topografie lassen allerdings beeindruckende Atmosphären entstehen, die weit entfernt von jeglicher Kistenarchitektur liegt. Und obwohl die Seewürfel sich in einer Form präsentieren, die nicht sofort an ausgeklügelte Energiekonzepte denken lässt, so gibt es auch in diesem Bereich Positives zu berichten. Die Architekten sind sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung aufgrund ihrer Profession bewusst, und so befasste man sich auch eingehend mit dem energetischen Belang des Projektes und erfüllte scheinbar spielerisch den Minergie-Standard. Der erforderliche Wärmebedarf für Raumheizung, Bedarfsbelüftung und Brauchwasserwärmung wird mit einer bivalenten Sole-Wasserwärmepumpe mit zweistufiger Erdsonnenanlage erzeugt. Falls sie dieses Konzept nun mit autofreier Wohnzone assoziieren, keine Sorge: Alle acht Würfel sind über eine zentrale Tiefgarage zu erschließen.

 

Den gesamten Artikel mit Plänen usw. finden Sie im Heft 3/05.

 

Seewürfel

Seefeldstrasse 279, Zürich/CH

Planung:

Camenzind Evolution

Projektleitung: Nicole Buschor, Tanya Rüegg-Basheva
Mitarbeit:

Stefan Camenzind, Theo Flückiger, Thomas Rutisshauser, Antonio Sivorella, Brigitta Würsch-Fenner, Sussanne Zenker, Thomas Zenker

Statik: 

Bastler & Hofmann AG, Zürich

Landschaftsarchitekten: Susewind, Jona/CH, Vetsch Nipkow Partner, Zürich/CH
Holzglaspaneelsystem: Okalux, Schweizer
Schiebeverglasung: GM TOPROLL: Glas Marte, Bregenz
Grundstücksfläche: 5.270 m2
Bebaute Fläche brutto: 11.950 m2
Umbauter Raum 38.800 m3
Planungsbeginn: Juli 2001
Bauzeit: 2 Jahre
Fertigstellung: September 2004
Fotos: F. Kuyas, R. Zimmermann, Camenzind Evolution
Text: Sandra Knöbl

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