CIPEA 

 

   

     

 

      

 

China International Practical Exhibition of Architecture

oder: Rainer Pirker goes east

 

Um an dieser Stelle den Reiseführer “lonely planet” zu zitieren: China isn´t a country – it´s a different world. Diese Weisheit gilt im Augenblick auch für die Architektur. In welchem anderen Land kann man sich vorstellen, dass ein Kunstsammler mit Hilfe von internationalen Architekten einen Villenpark á la Weißenhofsiedlung entstehen lässt. Der Unterschied: In der deutschen Weißenhofsiedlung leitete Ludwig Mies van der Rohe 1927 in der Funktion als künstlerische Oberleitung 17 europäische Architekten, die sich allesamt schmuckloser Architektur verschrieben hatten. Im zeitgenössischen Nanjing allerdings werden die Wohnvillen herausragender zeitgenössischer Architekten realisiert: alle einer anderen Schule angehörend jedoch durchgehend mit architektonischer Denkfitness und formaler Sensibilität gesegnet. Die Entstehung dieses Hochglanzprojektes ist auf die Shangai

Biennale 2002 zurückzuführen: Anfangs nur als mediative Plattform gedacht wurde kurz darauf Jiangsu Square Commercial Trade Co., Ltd als Investor aktiv und gründete das Projekt CIPEA (CHINA INTERNATIONAL PRACTICAL EXHIBITION OF ARCHITECTURE). Das Resultat: Die divergierenden Projekte von 20 Architekten (10 internationale und 10 nationale Architekten) werden im Norden Nanjings realisiert, und zusätzlich wurden die international renommierten Architekten Steven Holl (Ausstellungszentrum), Liu Jiakun (Empfangszentrum), Ettore Sottsass (Clubzentrum) und Arata Isozaki (Konferenzzentrum) beauftragt. Arata Isozaki, in Europa u. a. bekannt durch die Sporthalle in Barcelona, zeichnet für den Masterplan des Areals verantwortlich und war auch maßgebend an der Auswahl der Architekten und deren Projekten beteiligt. 

 

Was aber unterscheidet dieses CIPEA-Projekt in Nanjing grundsätzlich von der Weißenhofsiedlung oder der 1990 finalisierten Nexus World in Fukuoka/Japan? Laut CIPEA unterscheidet sich die Architekturausstellung in Nanjing vor allem durch direktes Reflektieren und Beantworten sozialer wie infrastruktureller Probleme des Nordens der Stadt. Zusätzlich zu der an einen Bauplatz gebundenen Architektur wird das CIPEA-Projekt von unterschiedlichsten Aktivitäten in alternierenden Lokalitäten begleitet. Aber warum hat das Projekt ausgerechnet in Nanjing stattzufinden – immerhin eine nur im Architekturausbildungskontext Aufmerksamkeit erregende Stadt? Diese Entscheidung ist neben wirtschaftlichen Finanzierungsgründen vor allem auf die Herkunft des Investors – er stammt aus Nanjing – und auf die lange Historie dieser Stadt zurückzuführen: Nanjing war einst die Hauptstadt von sechs Dynastien mit herausragendem kulturellen Erbe. Hier befinden sich neben gebauter Architekturgeschichte auch verschiedenste akademische Architekturausbildungsstätten. Mittlerweile gibt es aber gerade an den Stadträndern infrastrukturelle wie soziale Probleme – typisch für periphere Zonen urbaner Gebiete – aber durch kluge architektonische Entscheidungen und deren Verwirklichung möglicherweise lösbar.

 

Die internationalen Architekten des CIPEA-Nord-Projektes:

 

Sanaa (Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa): Das von Japan aus agierende Büro besticht einmal mehr durch ein äußerst feinfühliges und fragil schönes Projekt. Ein “Wohnring” wird von unterschiedlichsten Kuben flankiert und zeichnet sich durch sein visuelles Verschmelzen mit der umgebenden Natur aus. 

 

Der australische Architekt Sean Godsell, ein Garant für soziales Architekturdenken, trägt einen kubischen Wohnungstypus eingebettet in die terrassenartige Natur bei. 

 

Formal verspielter geben sich die Spanier Luis M. Mansilla und Emilio Tuñon. Das Architektenduo wurde schon mehrmals ausgezeichnet, u. a. dreimal mit dem Mies van der Rohe Award. Herausragend dürfte auch dieses Projekt nach seiner Finalisierung ausfallen: Ein großzügiger Grundriss lässt den Benutzer atmen, während die Fassade als umlaufendes Panoramaband artikuliert wird. 

 

Der MA-Architekt und in London lebende David Adjaye entwickelte einen im Grundriss streng organisierten Kubus, in der Vertikalen wird der Bewohner das Gebäude jedoch auf verschiedenen Ebenen erleben können. Splitlevels, Inszenierungen der Treppen sowie schalenförmige Wand- und Bodenverschmelzungen werden wohl zum Wohnerlebnis der besonderen Art. 

 

Der ungarische Architekt Gabor Bachman besticht durch ein virtuell anmutendes Objekt, dessen Umsetzung besonders spannend wird. Es stellt sich die Frage, ob diese außergewöhnliche, comic-artige Optik auch real beibehalten werden kann. 

 

Die aus Paris stammende Architektin Odile Decq ist in Österreich durch ihren Wettbewerbssieg eines Museums in Kärnten bekannt geworden und entwickelte für Nanjing ein Projekt, das eine Nähe zu Zaha Hadids Formensprache nicht leugnen kann.

Der Mexikaner Alberto Kalach erinnert mit seinem tendenziell klassischen Projekt an Teehäuser vergangener Tage. 

 

Der Finne Matti Sanaksenaho projektierte einen Solitär, der sich zur Seeseite mittels Glasfassade offen gibt, während hinter dem Hauptkörper eine Terrasse mit Swimmingpool und Maya-artigem Treppenaufgang situiert ist. 

 

Futuristisch hat der kroatische Architekt Hrvoje Njiric sein Objekt gelöst: Der in der Fassade homogene Baukörper schwebt über dem Boden und wird nur durch drei Treppen mit ebendiesem verbunden.

 

Klassischer ist der Chilene Mathias Klotz an die Arbeit gegangen, und bei seinem Projekt denkt man unwillkürlich an die jungen katalanischen rcr-arquitectes: Er entwickelte ein architektonisches Volumen, das sich aus einem geknickten Kubus und einer Rampe zusammensetzt und in der Materialwahl so fein und schön ist, dass es in dem umgebenden Wald zu verschwinden scheint. 

 

Die zehn weiteren Projekte stammen von chinesischen Architekten und zeugen alle von Eleganz, harmonischen Proportionen als auch Tradition.

 

Neben diesen 20 Wohnbauprojekten, die den zukünftigen Kongressbesuchern Nanjings

während ihres Aufenthaltes zur Verfügung stehen, wurden am Gelände auch die zu Beginn erwähnten vier Kulturzentren vorgesehen. Für das “Nanjing Art and Architecture Museum” ist kein geringerer als Steven Holl verantwortlich. Neugierig streckt sich sein Gebäude gen Himmel und scheint Passanten durch seine Form auf dessen interessanten Inhalt aufmerksam machen zu wollen.

 

Dig the Heaven´s – ein neuer Kulturhoteltypus

 

Aufmerksamkeit hat auch der von Wien aus agierende Rainer Pirker auf sich gezogen: Während der zukünftige Wohnhauspark und die Kulturgebäude der CIPEA im Norden Nanjings projektiert sind, plante Rainer Pirker architeXture ein zukunftsträchtiges Museum an der südlichen Stadtperipherie. Die Auftragsvergabe war zwar eine direkte, die professionelle Vorgeschichte Pirkers allerdings notwendig, um in das Dunstfeld des chinesischen Auftraggebers zu gelangen. Rainer Pirker war im Rahmen einer Ausstellungs- und Vortragsreihe für junge österreichische Architekten in China und konnte somit erste Kontakte aufbauen, in Folge erhielt er 2004 eine Gastprofessur in Nanjing. Zusätzlich war ein chinesischer Kunstliebhaber von Pirkers Projekten so angetan, dass er ihn mit dem Bau seines programmatisch außergewöhnlichen Museums im Süden Nanjings beauftragte. Diese Geschichte mutet zwar wie ein modernes Architekturmärchen an, betrachtet man allerdings das Projekt Pirkers und seines jungen und innovativen Teams, dann ist die Entscheidung des Auftraggebers zu verstehen. Mit beinahe chinesischem Landschaftsplanungsverständnis machte man sich an die Arbeit, um dem speziellen Kunstmuseum ein vielseitiges Umfeld zu generieren. Gelenkte Blicke und ebensolche Wege zeichnen das in einem riesigen Park platzierte Museum aus. Wie aber kann ein der Kunst gewidmeter Baukörper langfristig erhalten werden, ohne unter die Räder kultureller Einsparungsmaßnahmen zu geraten? Investor und Architekt wussten auch dafür ein Rezept: Man ergänze das Museum um ein Hotel plus Künstlerappartements und erhalte nach zweimonatiger intensivster Planungsarbeit das nun vorliegende Projekt “Heaven´s Seal Culture Club”. Grundsätzlich ist das Projekt wie ein chinesischer Garten konzipiert: gelenkte Blicke lassen einen Blick auf die Welt zu. Der Blick war auch ein architektonisch- städtebauliches Entwurfsmittel: Eine Schlucht zieht sich durch das Gebäude, trennt somit den visuell musealen Teil vom touristischen, während die anderen zwei Gebäudeeinschnitte zwei weitere wichtige Punkte der Umgebung reflektieren. Der Heaven´s Seal Culture Club wirkt von außen abwehrend, als sei man nicht willkommen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Kaum betritt der Besucher das Innere des Baukörpers, können faszinierende Wege beschritten werden, und nach Stunden in Ausstellungsräumen lädt der umgebende Park zum Ausruhen und Reflektieren des Gesehenen ein. Ein weiterer kluger Kniff des Architekten: im Untergeschoß des Komplexes ist ein Restaurant untergebracht, raffiniert mit Tageslicht versehen und logistisch unabhängig vom Museums- wie Hotelbereich zu betreiben. 

 

Noch in diesem Jahr soll der Spatenstich stattfinden, und Rainer Pirker wird weiterhin alle zwei Monate für mindestens zwei Wochen in Nanjing zu finden sein. Landesüblich wird die Baudurchführung von staatlichen chinesischen Architekten durchgeführt, weswegen man als europäischer “Aufmerksamkeitsmagnet” mit möglicherweise weniger Mitspracherecht bei auszuführenden Belangen besonders sensibel mit allen Material- und Detailentscheidungen umzugehen hat. Rainer Pirker architeXture kann von einer Qualitätssicherung  des Projektes ausgehen: Die Geometrie und Leitdetails werden vom Wiener Büro vorgegeben, und für eine hochwertige Umsetzung in China wurde mit dem chinesischen Architekten Zhang Tong ein lokaler Partner gefunden. 

 

Wie man sieht, die Globalisierung schreitet fort – für manche eine Falle, für andere eine Möglichkeit, wohlverdiente Anerkennung zu ernten.

 

Text: Sandra Knöbl

Renderings: CIPEA , SANAA , Lius M. Mansilla , Gabor Bachman , Mathias Klotz , Odile Decq , Hrvoje  Njiric , Kai Zhou , Kris Yao , Kai Cui , Rainer Pirker

 

Den gesamten Artikel mit weiteren Bildern finden Sie im Heft 3/05.

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