Für die Kunst der Musik

 

    

   

    

 

Schloss Neupernstein, Kirchdorf/Krems, Öberösterreich

Planung: Proyer & Proyer Architekten

         

In der Regel hält man in Österreich gerne und viel an Bestehendem fest. Nur ungern trennt man sich in unserem Land von Altbewährtem, selbst wenn der Zahn der Zeit schon beträchtlich daran genagt hat, die Ansätze unzeitgemäß sind und dieses Alte kaum noch sinnvoll verwendet werden kann. Gerade bei Bausubstanz, die auf eine lange Geschichte zurückblicken kann, wird gerne so restauriert, dass das Gebäude in traditionellem Glanz erstrahlt. Das Bewahren wird jedoch dann problematisch, wenn sich die Funktion des Gebäudes und damit das Raumprogramm beträchtlich verändert.

Im Fall des seit dem Jahre 1268 existierenden Schlosses Neupernstein in Kirchdorf an der Krems in Oberösterreich, das dazumal als typischer Vierkanthof mit Wohnhaus und Wirtschaftsgebäuden konzipiert war, wurde 1996 eine solche neue Nutzung beschlossen. Die alten Gemäuer sollten einer Landesmusikschule mit Kulturzentrum Raum geben und damit bewahrende Maßnahmen eingeleitet werden. Neben einer akribisch genauen Bauaufnahme wurde vom Stadtplaner Architekt Kaspar ein Vorentwurf erstellt, der ganz im Sinne des österreichischen Denkens das barocke Schloss, so wie es einst im Jahr 1717 nach Entwürfen von J. Prandtauer ersonnen war, wieder aufleben lassen sollte. Der Architekt verstarb jedoch, und mit dem Architektenpaar Proyer & Proyer aus Steyr, das man mit der weiteren Planung und örtlichen Bauleitung beauftragte, beschritt man schließlich einen mutigeren Weg.

Nicht nur substanzrettende Maßnahmen, die mittlerweile dringenst erforderlich wurden,

sondern auch umwertende und ergänzende Schritte wurden in der Folge umgesetzt. Heute zeigt sich das malerisch in die Landschaft eingebettete Schloss Neupernstein als harmonische Symbiose zwischen Tradition und Gegenwart, das seiner Funktion als Musikschule und Kulturzentrum mehr als gerecht wird. Die vier Ansichten der Musikschule sind sehr unterschiedlich und zeigen einen Verlauf der Geschichte des Schlosses. Von Westen den Hang hinaufblickend erscheint das Schloss heute zwar renoviert, aber in bekanntem traditionellen Erscheinungsbild. Nähert man sich jedoch dem Gebäude von Norden oder Süden, so fällt dem Betrachter an der Hangoberkante ein dezenter, sehr leichter Baukörper als Anbau zum Altbestand ins Auge. Von den Proportionen ist der moderne, transparente Baukörper in seiner Höhe an die alte Substanz angepasst und nimmt mit seinen begrenzenden Linien wie Dachfirste und Graten Bezug auf die alten Gemäuer. Die Dachverschneidungen zwischen Alt und Neu sind ohne historisierende Details gelöst. Die Ostansicht des Gebäudes ist gänzlich neu und modern. Eine zweigeschoßige sichtbare Stahl-, Glaskonstruktion mit horizontalen Holzlamellen lässt das alte Gebäude dahinter erahnen, die Innenräume scheinen durch und lassen auf öffentliche Nutzung schließen. Als Hauptzugang zum Kulturzentrum dient ein Steg im Osten. Entlang der Glasfassade, die sich zu einem tiefer gelegten Innenhof öffnet, wird man über breite Treppen ins Foyer geleitet. Der längliche Innenhof dient musikalischen Aufführungen, die Beleuchtung erfolgt über stilisierte Noten an der aus Sichtbeton gefertigten Stützmauer zum Erdreich.

Die Musikschule betritt man im Norden über den Schlosshof. Hier im Inneren wird das Neugebaute zur Vitrine des Altbestands. Ein gläserner Laubengang auf Stahlstützen nimmt Erschließungsgänge und Rampen auf und wirkt wie eine Vitrine, in der die Fassade des alten Schlosses ausgestellt wird. Erstmals seit Jahrhunderten kann das Gebäude nun innen rundum begangen werden. Natürliche Belichtung und das Schaffen von Blickbeziehungen sowie unterschiedliche Raumhöhen war den Architekten wichtig.

90 Räume stehen heute den mehr als 1.000 Schülern unterschiedlichen Alters der Landesmusikschule für Unterricht und Veranstaltungen zur Verfügung. Der Umbau ist schwellenfrei und somit behindertengerecht, was auch von 40 Rollstuhlfahrern zu aller Zufriedenheit ausgetestet wurde. Kein Raum gleicht dem anderen. Im Erdgeschoß des Altbaus finden sich tief hinuntergezogene Gewölbe, im Obergeschoß dienen die barocken Intarsientüren und Stuckdecken als dekorative Elemente aus vergangenen Zeiten. Historische Raumproportionen wurden respektiert und wieder hergestellt.

Hermann und Karin Proyer sind bekannt dafür, sehr weit ins Detail zu gehen. So haben sie auch ein modulares Mobiliar für die Musikschule entwickelt, welches auf die unterschiedlichen Dimensionen der Räume reagiert. Schränke setzen Farbakzente und verschwinden in Nischen des Bestandes. Tische weisen dasselbe Prinzip mit unterschiedlichen Größen und Formen auf. Hocker sind als einfache Kuben flexibel auf

Rollen gestaltet. Im gesamten Gebäude trifft man auf schon bekannte, aber dennoch leicht abgeänderte Möbel.

Eine helle, freundliche Linie zieht sich unauffällig durchs Gebäude. Auch die Nasszellen wirken fast wie platzierte, leichte Holzmöbel. Glasbänder als Deckenanschlüsse belichtet diese sehr intimen Räume und lösen gleichzeitig die Wände auf. Die Innenräume sind verspiegelt, und die Waschbecken stehen, zumindest bei den Damen, frei im Raum.

Hauptanspruch einer Musikschule ist eine gute Akustik, der mit weißen für die Geometrie jedes Raumes extra berechneten Akustikelementen Rechnung getragen wird. Der große Konzertsaal selbst, mit seiner gewölbten himmelblauen Decke aus rauen Papiergewebe und der aus rotem Leder gepolsterten Rückwand, weist eine so gute Akustik auf, dass immer mehr Tonaufzeichnungen in diesem Saal gemacht werden. Nicht nur akustisch und gestalterisch stellten sich die Architekten einer komplexen Aufgabe, auch technisch und bauphysikalisch waren so manche Schwierigkeiten zu lösen. So musste das Fehlen von Fundamenten durch ein aufwändiges Hochdruckboden-Pressverfahren ersetzt werden, und die durch Hangwässer und unterirdische Bäche durchfeuchteten dicken Mauern aus teils minderwertigen Materialien wurden mit Bedacht auf Statik und bauphysikalischen Notwendigkeiten ausgetrocknet und verstärkt.

Im Falle Schloss Neupernstein hat man sich offen und mutig zu einer zeitgenössischen Umsetzung unter Einbeziehung ehrwürdigen Altbestands entschieden. Die Architekten Karin und Hermann Proyer wurden während der gesamten Entwicklungs- und Umsetzungsphase vom Bundesdenkmalamt sorgfältig und wohlwollend begleitet und tragen mit ihrem Bauwerk der Landesmusikschule und Kulturzentrum positiv zum Image der Stadt Kirchdorf an der Krems und seiner Umgebung bei. Um Wohlwollen oder auch Unmut auszudrücken wählt jeder jene Mittel, mit denen er sich am besten ausdrücken kann. So ist es nicht verwunderlich, dass die Schüler der Musikschule sich für die Sprache der Musik entschieden haben, um den Architekten bei der Eröffnung ihren Dank für die neu geschaffenen Räumlichkeiten auszusprechen. In einer eigens komponierten Oper mit dem Titel “Pernstein, eine historische Singspielromanze”(*) wurde die bauliche Intervention klanglich übersetzt.

Das neue Schloss Neupernstein hat bereits bei der Eröffnung bewiesen, dass der Ort inspirierende Kraft hat und nicht nur den ästhetischen Ansprüchen unserer Zeit gerecht wird, sondern auch einen angemessenen Rahmen für die Funktion als Musikschule bietet.

 

(*Libretto: Hans Eichhorn, Musik: Erland Freudenthaler)

 

Den gesamten Artikel mit Plänen usw. finden Sie im Heft 4/05.

 

Schloss Neupernstein

Kirchdorf/Krems, Öberösterreich

Planung:

Karin und Hermann Proyer

Mitarbeiter: Thomas Heinzl
Einrichtung:

Selmer

Restaurator: 

Johann Reiter

Grundstücksfläche: 8.372 m2
Bebaute Fläche: 1.557 m2
Nutzfläche: 2.108 m2 (+700 m2 Dachboden)
Umbauter Raum: 16.395 m3
Planungsbeginn: 1997
Bauzeit: 20 Monate
Fertigstellung: Sept. 2003
Fotos: Dietmar Tollerian
Text: Katharina Tielsch

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