Mit einfachen Mitteln

 

    

   

     

     

 

Der Tauernwurm in Winklern, Kärnten/A

Planung: Jana Revedin/Wernberg

         

Sagen, die sich um geheimnisvolle Orte ranken, sind in Österreich keine seltene Erscheinung. Oft sind sie sogar für die jeweiligen Bewohner Teil ihrer kulturellen Identität. Einen vollkommen neuen und unkonventionellen Zugang zu einer derartigen Geschichte hat die Architektin Jana Revedin gemeinsam mit der Gemeinde Winklern im Kärntner Mölltal gefunden. Das Anliegen der Gemeinde, die das Tor zum Nationalpark Hohe Tauern bildet, war, mit Hilfe der touristischen Aktivierung des alten Mautturmes, Winklern von einem Durchzugsort zu einem Ausflugsziel für Kultur- und Naturliebhaber zu machen. Der Bedarf für einen solchen Eingriff war groß: Einerseits schneidet sich die Großglockner Straße mit ihrer Spur quer durch die Ortschaft. Andererseits war der an der Straße gelegene Mautturm baufällig und ungenutzt und war durch den Zubau mehrerer Nebengebäude nie in seiner vollen Größe erfassbar. Aktueller Anlass für die Umgestaltung war die Kärntner Landesausstellung 2004/05 in deren Rahmen die Nationalparkregion mit dem Thema “Erlebnisreise Wasser-Gold” eingebunden ist. Um nicht nur den Touristen genüge zu tun wurde bei der Projektplanung nach Themen gesucht, die auch den Dorfbewohnern eine Identifikation ermöglichen sollte. Das Ergebnis war mehr als nur ein Marketingkonzept. Gemeinsam mit den “Mölltaler” Kindern wurde die Sage des Tauernwurms geschaffen, einem Fabelwesen, das die Schätze der Hohen Tauern (Wasser und Gold) hütet und den alten Turm bewohnt.

Um die unbefriedigende städtebauliche Situation zu verbessern wurde die direkte Umgebung des Turmes in das Konzept eingebunden und das Projekt zu einem Private Public Partnership. Während der Planung stellte sich heraus, dass die Beteiligung der privaten Bauherren für die gesamte Koordination und Kommunikation innerhalb der Ortschaft unerlässlich war. Ausgedehnte Außenanlagen und die punktuelle Umgestaltung von Verkehrsknotenpunkten sollten ein stimmiges Bild mit dem vorhandenen Umfeld gewährleisten. Unter Einbindung der benachbarten Hotels und Gasthöfe wurden, neben der Adaptierung des Mautturmes mit Hilfe eines parallel geführten Treppenturmes, ebenso eine Fußgängerbrücke zur Verbindung der beiden Ortshälften, ein Café, Shop, Ticket Office, eine Freiluftbühne und Terrasse ausgeführt. Der neue Treppenturm wurde, um der alten, denkmalgeschützten Bausubstanz mit baulichem und optischem Respektabstand zu begegnen, auf eigenen Fundamenten errichtet und nur über gelenkige Stahlverbindungen an den steinernen Turm angedockt. Umgeben von Wasserbecken ist der neue Turm von dem nordseitig gelegenen Park im Süden über die den Drachenschwanz symbolisierende Brücke sowie von dem Zubau des benachbarten Hotel Post erreichbar. In einer Konstruktion aus grafitschwarzem Stahl und dunkelrotem Lärchenholz winden sich die Stufen nach oben. Unterstützt durch das Fehlen von Setzstufen und die regelmäßig angeordneten Wandöffnungen, die den Blick auf die raue Steinmauer des Turmes freigeben, wirkt der Neubau temporär und filigran.

In Gedenken an ihren Lehrer und Vertreter der rationalen Architektur Aldo Rossi, der anlässlich der Biennale von 1980 das schwimmende “teatro del mondo” in Venedig errichten ließ, hielt sich Revedin beim Entwurf ihrer Konstruktion an die gleichen Prinzipien. Keine optischen Täuschungen, sondern Ehrlichkeit und Schlichtheit sollen dem Besucher persönliche Gedankenfreiheit ermöglichen. Trotz dieser Einfachheit in der Struktur und der Materialtreue dringt durch die farbliche Kombination und das Muster der vertikal strukturierten Lärchenholzwände, die von den Stahlwangen der Stiege durchbrochen werden, eine gewisse Theatralik an den Betrachter heran. Drei Stockwerke schlängeln sich die Stufen nach oben bis der Weg den Besucher direkt an die alte Bausubstanz heranführt. Hier steckt der “Drachenkörper” seinen Kopf in das Turminnere. Der Besucher muss einen weiteren Treppenlauf erklimmen, um in die Turmstube aus dem 19. Jahrhundert zu gelangen. Von diesem Niveau aus erhält man Einblick in das Reich des Tauernwurmes, den Nationalpark Hohe Tauern.

Im Inneren des Mautturms steigt der Besucher in der gleichen Drehbewegung wie im Aufgang wieder hinab. Wiederum mit reduzierten Strukturen und Einfühlsamkeit in der Auswahl des Materials wurde der neue Abgang in die alte Substanz eingesetzt und die Wirkung des gewaltigen Hohlraumes erhalten. Die Treppenkonstruktion wurde als stählernes “Korsett” für den Turmschaft ausgebildet. Unterhalb der Turmstube wurde der ehemalig höchste Raum mit dem einzig erhaltenen gotischen Gewölbe restauriert. Hier befindet sich auch der “Kopf” des Drachenkörpers, der über sein Nest zu wachen scheint.

Aufgrund der knapp bemessenen bestehenden Fundamente wurde auch im Erdgeschoß eine aussteifende Stahlkonstruktion eingezogen, durch die der Besucher in das unterste Geschoß und letzten Endes in den vorgelagerten “Wasserhof” gelangt. Im Anschluss zum Hotel Post wurde hier die alte Terrasse entfernt und ein überdachter Vorplatz errichtet, um den ein Café und die notwendigen Serviceeinrichtungen angeordnet sind. Darüber wurde dem Hotel eine weitläufige Terrasse zugeordnet.

Für die Besucher, die sich von dieser Ebene dem Tauernwurm nähern wollen, führt der Weg von der Straße vorerst auf den überdachten Vorplatz. Bei Annäherung an den alten Turm öffnet sich über dem Betrachter die Decke und gibt den Blick auf den Turm und die hölzerne Stegkonstruktion frei. Dieser Hof, der sich immer mehr als Freilufttheater etabliert, ist sowohl vom Vorplatz als auch von der Terrasse einsichtig und bildet durch die Kombination aus alter und neuer Bausubstanz eine äußerst attraktive Bühne.

Der Weg des Besuchers wurde gemäß dem Motto einer Erlebnisreise gestaltet. Trotz vollständiger Wahrung der denkmalgeschützten Substanz wurde das alte Bauwerk im Kontext mit der neuen Architektur erlebbar gemacht. Revedins Anliegen war es, mittels einer überraschenden Wegführung, die den Betrachter zuerst außen empor führt, um ihm am höchsten Punkt den Eintritt zu gewähren, eine völlig neue Sichtweise zu ermöglichen. Der Besucher wandert im Inneren des Mautturmes rückwärts durch die Zeit von der Turmstube aus dem 19. Jahrhundert bis zu den mittelalterlichen Fundamenten. Bei Nacht wandelt sich die Komposition in ein Spiel aus Licht, Farben und Oberflächenmuster und bestätigt den Einwohnern von Winklern täglich den kulturellen Gewinn für ihre Ortschaft.

 

Den gesamten Artikel mit Plänen usw. finden Sie im Heft 4/05.

 

Tauernwurm am Mautturm zu Winklern

A-9841 Winklern im Mölltal

Bauherr:    Marktgemeinde Winklern und Café Hotel Post 
Planung:

Jana Revedin

Mitarbeiter: Sylvia Baumgartner, Herbert Domenig, Frriedrich Kanalz
Metallgewebe:

Carl Stahl

Grundstücksfläche: ca. 1.000 m2
Planungsbeginn: September 2003
Bauzeit: 4 Monate
Fertigstellung: 29. Mai 2004
Fotos: Jana Revedin / Gernot Gleiss
Text: Nicole Büchl

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