Ein Dialog

 

   

Das Walker Art Center in Minneapolis, USA

Planung: Herzog & de Meuron Architekten, Schweiz

          

    

 

Minneapolis ist eine typische amerikanische Stadt mit 400.000 Einwohnern, voller gesichtsloser Wolkenkratzer, Wohnkästen, schnurgerader Straßen und neobarocker Kirchen. Einkaufswütige kommen in der größten Shopping-Mall der Welt auf ihre Kosten, Kunstliebhaber zieht es in das Walker Art Center, das mittlerweile zu den zehn meist frequentiertesten Museen Amerikas zählt.

 

Das Walker Art Center ist seit den 1960er-Jahren bekannt für sein verwegenes und mutiges zeitgenössisches Programm und gilt als eine der ambitioniertesten Kulturinstitutionen der USA. Neben der riesigen Sammlung von Kreationen des Minimalismus, der Pop-Art und der Arte povera umfasst sie die Großmeister der Fotografie. Besonders die Spaten übergreifenden Produktionen von Film, Theater, Tanz und bildender Kunst sind bemerkenswert, und so verwundert es nicht, dass man große Namen wie John Cage mit Merce Cunningham, Janis Joplin oder Led Zepplin in der Historie des Programms liest. Die Geschichte des Walker Art Center in Minneapolis beginnt im Jahre 1879, als der offensichtlich kunstliebende Bauholzbaron Thomas Barlow Walker die erste öffentliche Galerie westlich des Mississippi gründete. Danach folgten stete Erweiterungen und Modifizierungen. 1916 erstand T. B. Walker eben jenes Grundstück, wo 89 Jahre später Herzog & de Meuron wirken sollten. Im Jahr 1927 schließlich wurden die “Walker Art Galleries” im maurischen Stil errichtet. Man taufte die Institution in Walker Art Center im Jahre 1940 um, als man die erste Ausstellung moderner Kunst eröffnete. Das zweistöckige alte Gebäude erwies sich schließlich 1971 als zu klein und wurde durch ein neues Backsteingebäude ersetzt und 1988 um einen Skulpturengarten erweitert. In diesem Jahr nun konnte die Austellungs- und Aktionsfläche nun verdoppelt werden, und ein Pioneerbau für das 21. Jahrhundert ist entstanden. Endlich finden die Schätze aus den Lagerräumen den gebührenden Platz. Nachdem man auf nationaler als auch auf internationaler Ebene nach einem oder mehreren würdigen Erbauern für diese große Bauaufgabe gesucht hat, fiel die Wahl auf das renommierte Schweizer Architektenduo Herzog & de Meuron. In den USA gelten die Pritzker-Preis-Träger des Jahres 2001 als “sexy” und “hot”, was aufgrund der Prüderie des Landes keinesfalls positiv gemeint ist, doch da das Walker Art Center, wie bereits oben erwähnt, Neuem stets aufgeschlossen war und schon immer als Brutstätte der Avantegarde galt, ließen sich die Museumsverantwortlichen durch die Reputation der Architekten nicht abschrecken. Mit dieser Bauaufgabe verhalf man den Basler Architekten zu ihrem zweiten großen Projekt auf amerikanischem Boden, das erste ist die 1998 fertig gestellte Domus Winery im Napa Valley, Kalifornien, einem Bau für ein Weingut, das als Lager und Labor fungiert. Demnächst, im Herbst 2006 soll auch das New de Young Museum in San Francisco fertig werden. Konzeptuelle Präzision, formale Klarheit und handwerkliche Genauigkeit erwartet man von Schweizer Architektur, und genau das findet man seit kurzem auch in Minneapolis wieder.

Das Walker Art Center ist am Rande der Hennepin Avenue situiert. Wo sich einst die nobelste Einkaufsstraße der Stadt befand, wo sich der frühe Kapitalismus in eleganten Warenhäusern widerspiegelte, wo man flanierte und langsamen Schrittes die Umgebung wahrnehmen konnte befindet sich heute eine vierspurige Autobahn, deren Bebauung auf den Betrachter vom vorbeirasenden Auto wirken muss. Eine rund 18 Meter lange Projektionsfläche aus geätztem Glas an der Fassadenseite zur Hennepin Avenue kündigt das Programm des Hauses an und nimmt den Dialog zu den Vorbeifahrenden auf. Das neue Gebäude von Herzog & De Meuron ist ein Gebäude voller Gegensätze – es wirkt schwer und scheint dennoch zu schweben, es ist subtil gelöst und dennoch sehr radikal, trotzdem es neu ist erscheint es zeitlos und fügt sich in den Bestand ein. Der neue Anbau hebt sich luftig vom festungsartigen Bestandsbau von Edward Larabee Barnes (*) ab. Hell und offen wirkt der neu geschaffene Raum neben dem geometrischen Bestandswürfel aus Backstein. Die aus vorfabrizierten Elementen gefertigte Fassade des Erweiterungsbaus besteht aus silbrig schimmerndem Aluminium. Sie nimmt die verändernden Himmelsfärbungen kamelionartig auf. Bei bedeckten Wetterverhältnissen sind Gebäude und Himmel nicht mehr zu unterscheiden, und das Gebäude scheint entmaterialisiert. Der dunkle Backstein des Bestandbaus wurde im Boden des Neubaus wieder aufgenommen.

Als Analogie zu einem Festungsbau erwartet den Besucher im Inneren eine labyrinthische Anlage mit verschachtelten Treppenaufgängen. Versammlungsräume mit großzügigen Verglasungen holen die Natur ins Innere. Der Konferenzraum im Obergeschoß mit seinen großzügigen Fensterflächen gibt einen spektakulären Blick auf die Skyline der Stadt frei. Im Gebäude sind die Fenster asymmetrisch verteilt und teilweise bis zum Boden gezogen. Die Aussicht wird gerahmt und der Blick geführt. Ein steter Dialog zwischen innen und außen zeichnet das Gebäude aus und drückt exakt das Anliegen des Walker Art Centers aus, indem Kommunikation groß geschrieben ist. Der Museumsbesuch wird zu einem Erlebnis. Der dominante aufragende Kubus beherbergt ein Feinschmeckerrestaurant. Das “William and Nadine McGuire” Theater ist mit 385 Sitzplätzen ausgestattet. Die Bühne und zugehörige Bühnentechnik allerdings ließe einen Veranstaltungsraum mit mehr als 1.000 Sitzplätzen vermuten. Dieses Theater dient nicht nur dafür, fertige Produktionen zu präsentieren, vielmehr handelt es sich um eine Forschungs- und Entwicklungsbühne. Die Öffentlichkeit ist eingeladen, den Proben beizuwohnen, um den kreativen Prozess der Künstler mitverfolgen zu können. Die Galerieräume sind schlicht und zurückhaltend gestaltet, in freundlichen hellen Farben bieten sie Raum für die Kunstwerke. Dennoch finden sich im Gesamtbauwerk schmückende Elemente. Dekorativ wirkt das florale Muster des weißen Gitterschmucks in der Eingangshalle. Im Museum wiederholt sich der Schmuck als schwarzes Relief wieder, und selbst die Einfahrt zur Tiefgarage wirkt wie mit einer Lochstickerei dekoriert.

 

Jacques Herzog und Pierre de Meuron ist mit ihrem Erweiterungsbau für das Walker Art Center gelungen, das große Anliegen dieser Institution, nämlich den Dialog zwischen der Gesellschaft und der Kunst, baulich umzusetzen. Bei jedem Schritt durch das Gebäude tritt man in einen Dialog – mit der Stadt, mit der Umgebung, mit der Kunst und den Künstlern.

 

(*) Edward Larabee Barnes (geboren 1915 in Chicago, Illinois – gestorben am 21. September 2004) gilt als treuer Nachfolger von Walter Gropius und Marcel Breuer. Seine Bauten zeichnen sich durch den sensiblen Umgang mit dem Ort und dem verwendeten Material aus. Seine zahlreichen Bauten haben viele Architekten beeinflusst, so auch seinen Zeitgenossen I.M. Pei.

 

Den gesamten Artikel mit Plänen usw. finden Sie im Heft 5/05.

 

Walker Art Center

1750 Hennepin Ave., Minneapolis

Planung:

Herzog & de Meuron Architekten BSA/SIA/ETH
(Jacques Herzog, Pierre de Meuron)

Hauptpartner: Christine Binswanger
Projektmanager:

Thomas Gluck

Kontaktarchitekten:

Hammel, Green and Abrahamson, Inc. (HGA), Minneapolis, Minnesota: Dan Avchen

Grünraumplanung: 

Desvigne-Dalnoky, Paris, Frankreich: Michel Desvigne

Lichtdesign: Isometrix Lighting + Design, London, GB: Arnold Chan
Theatertechnik: Fisher Dachs Associates, New York
Akustik & Mediendesign:   Kirkegaard Associates, Chicago, Illinois: Larry Kirkegaard
Nutzfläche:              79.248 m2
Planungsbeginn: 2000
Baubeginn: 2002
Fertigstellung: 2005
Fotos: Archiv Architektenn
Text: Katharina Tielsch

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