No more Gods

 

   

          

 

Gespräch mit Jan W. van Kuilenburg

Text: Sandra Knöbl und Katharina Tielsch

Bilder: Archiv Architekt

         

“Monolab” steht für Einfachheit und Experiment, ist allerdings nicht zu verwechseln mit Monokultur und deren eindimensionaler, pseudoexperimenteller Verwendung – so Jan W. van Kuilenburg, Gründer und Kopf des in Rotterdam beheimateten Architekturbüros Monolab. Jan W. van Kuilenburg war bis 1999 drei Jahre bei OMA unter der Leitung von Rem Koolhaas tätig und gründete dann sein eigenes Büro in Rotterdam, einer Stadt, die für Quer-, Neu- und Umdenker in der zeitgenössischen Architekturszene bekannt ist. Im vorliegenden, außergewöhnlichen Gespräch erzählt der Architekt über seine Architekten-Aversion, warum er mindestens einmal die Woche bereut, seiner Profession nachzugehen und wie es dazu kam, dass die Architektur eine unleidliche Tätigkeit wurde.

 

architektur: Monolab steht laut Ihrer Definition für Einfachheit (mono) und Experiment (lab). Diese Definition lässt an Verfechter und Begründer der klassischen Moderne denken. Wie ist diese Einfachheit im informellen Hochgeschwindigkeitszeitalter zu verstehen und vor allem zu transformieren?

 

J. W. v. Kuilenburg: Grundsätzlich muss ich sagen, dass alle Entwürfe von Monolab auf  simplen Konzepten basieren. Sie mögen zwar komplex ausschauen, aber ich glaube an die Stärke reduzierter und dadurch starker Konzepte. Ziel von Monolab ist es, die Konzepte so simpel wie möglich zu halten, allerdings mit größtmöglicher Vernetzung, Nutzung und Effizienz. Ich verstehe neuen Modernismus als etwas, das Verknüpfungen schafft. Wir leben in einem Zeitalter, wo wir gleichzeitig an einem Ort viele Dinge ausüben wollen, die grundsätzlich keinen gemeinsamen Nenner in ihrer Funktion haben. Wenn man also für Nutzer plant, für die multitasking etwas Alltägliches ist, dann kann man für diese Menschen nur mit einer Architekturstrategie antworten, die inhaltlich nichts mit der klassischen Moderne zu tun hat. Wir haben es mit einem Parallelismus zu tun, der nichts mit der klassischen Moderne gemein hat, denn damals wurden Funktionen und Problemstellungen separiert, heutzutage eine unmögliche Vorstellung. Wie ich schon erwähnte, aus diesem Grund müssen wir simple aber “mehrlagige” Architektur bauen, denn nur dann ist man imstande zu verlinken, jedoch nicht, wenn man unnötig komplizierte Räume kreiert.

 

Wie schafft Monolab diese simple Effizienz im Versuch/Entwurf/Arbeitsprozess zu generieren?

 

Wie alle Designer und Ingenieure arbeiten wir mit Computertechnologie und 3D-Animationen, allerdings nicht als Endprodukt sondern als Werkzeug, genau wie Styrodur, K-Board und Plastilin. Zusätzlich schreibe ich immer Texte, um den Prozess zu strukturieren, und selbstverständlich wird auch skizziert. Es gibt also kein Experiment in der Art und Weise wie wir (technisch) arbeiten, im Gegenteil, es handelt sich um traditionelle Architekturmethoden der Darstellung und der Erarbeitung von Architektur. Das Experiment findet auf einer Ebene der Extreme statt, auf einer Ebene der Notwendigkeit von Projekten, ihrer urbanen und programmatischen Flexibilität. Ich versuche Projekte mit einer Überschrift zu beurteilen, und dann halten wir uns an dieses “topic” – ein topic, auf dessen Frequenz dann auch unser Denken läuft. Wir wollen und können nicht alles lösen. Ich glaube, es ist besser, sich auf weniger zu konzentrieren und dadurch eine führende Thematik zu erreichen. Genauso ist auch unser Büro strukturiert. Wir sind ein kleines Team und arbeiten simpel und effizient, was wiederum bedeutet, dass wir sehr schnell im Produzieren von Projekten sind.

 

Sie haben 2004 an einem offenen Wettbewerb für ein “arktisches Kulturzentrum” in Hammerfest (Nordnorwegen) teilgenommen, bei dem es schwer gefallen sein dürfte, simpel zu arbeiten, da das Programm ein streng vordefiniertes und komplexes war.

 

Grundsätzlich ist zu sagen, dass das Hammerfest-Projekt unsere erste Wettbewerbsteilnahme bedeutete, da ich grundsätzlich nicht an die Wettbewerbskultur in der Architektur glaube. Zu der Teilnahme kam es, da “Transform Arkitekter” aus Aarhus (Dänemark) mit uns kooperieren wollten, nachdem Transform Arkitekter Monolab zu einigen Vorträgen nach Dänemark eingeladen hatten und uns somit der nordischen/skandinavischen Region vorstellten. Im Endeffekt war Hammerfest sehr lehrreich aber auch deprimierend. Unser Entwurf in der ersten Phase wurde von uns in drei Wochen entwickelt und von der Jury als geteilter erster Preis _gewählt. In der zweiten Runde investierten wir allerdings so viel mehr Zeit, da die Jury eine Machbarkeitsstudie forderte und wir das Projekt vollständig überarbeiten mussten. Im Endeffekt ging das Projekt des norwegischen Büros “a-lab” als Sieger hervor. Wir arbeiteten in der zweiten Phase mit drei Ingenieurbüros, wobei eines davon Ove Arup war. Unser Projekt war ein von Ingenieuren statisch wie wirtschaftlich durchgerechnetes, die Jury schenkte unseren Berechnungen, also auch Ove Arup, keinen Glauben – eine absurde Situation. Die Absurdität liegt darin, dass Hammerfest einen visionären Architekturwettbewerb ausgeschrieben hatte, aber kein visionäres Projekt wählte und somit eigentlich gegen den anfänglichen eigenen Wunsch entschied. Als Architekt gerät man in einer Wettbewerbssituation in eine Opferrolle – man ist von der Entscheidungsgewalt, der Intelligenz, Ausbildung und Professionalität der Jurymitglieder abhängig. Und ich glaube, dass viele Juroren nicht sonderlich kompetent oder professionell sind. Das wiederum ist sehr schade, da ein immenser Arbeitsaufwand hinter den eingereichten Arbeiten steht, der definitiv faire Behandlung verlangt.

 

Trotzdem haben Sie nach dem Hammerfest-Wettbewerb begonnen, mit Monolab an Wettbewerben teilzunehmen?

 

(lacht)...Ja, das ist eigenartig, nicht wahr. Aber wir machen nur kleine Wettbewerbe, nachdem ein Projekt für Kristiansand – wieder Norwegen – verloren wurde, da unser Entwurf zu kompliziert war. Und was habe ich daraus gelernt: Die Norweger bevorzugen sehr, sehr banale Systeme. Ein weiterer, sehr schöner Wettbewerb war ein Projekt auf Coney Island, NY. Warum ich außerdem Wettbewerbe mache, ist auf die schlechte wirtschaftliche Lage des Marktes in Holland zurückzuführen. Große corporateBüros erhalten viele Aufträge, aber es scheint, als hätte man die kleinen Büros vergessen. Kann das neben der wirtschaftspolitischen Situation Europas auch an einem Umdenken in der Architekturwahrnehmung liegen? Vor ein paar Jahren noch war beispielsweise die Villa VPRO (MVRDV) sehr angesehen, mittlerweile rümpfen viele Architekten über dieses Projekt die Nase, weil man sagt, die Details sind nicht sauber genug ausgeführt, etc.

 

Wird im Moment die Architektur-Avantgarde und das Experiment weit hinter bauliche Nachhaltigkeit gereiht?

 

In Holland wird der Markt im Augenblick von Investoren und Projektentwicklern dominiert. Die Realität ist, dass city councils Projektentscheidungen an Projektentwickler abgeben. Das Problem ist, dass diese Projektentwickler einer sehr traditionellen Denkweise verpflichtet sind, und diese Menschen kontrollieren den gesamten Markt! In letzter Zeit ist ein Retro-Trend in der Architektur wahrzunehmen, das wiederum macht die Marktsituation für modern denkende Architekten noch schwieriger. Nur Entwürfe können neue Konzepte, Ideen und Perspektiven liefern. Die Notwendigkeit für neue Ideen wurde aber von Angst weggekehrt, Retro ist nur ein oberflächlicher Design-Auswuchs, die den Markt dominierenden Parteien hinterfragen diesen oberflächlichen Stil aber nicht. Für mich stellt sich immer wieder die Frage, warum es nicht eine stärkere Solidarisierung unter Architekten gibt. Die BNA, “de Bond van Nederlandse Architecten”, ist ein alter Club, der von ebensolchen wie konservativen Architekten geleitet wird und außerdem teuer ist. Würden wir uns neu formieren, könnten wir eine bessere Position als Architekten erlangen, im Augenblick sind wir allerdings atomisiert und unglaublich schwach.

 

Ein weiterer eigenwilliger Beigeschmack des Architektendaseins sind durchgearbeitete Nächte und eine extreme intellektuelle Fixiertheit des Architekten auf seine Profession. Ist Monolab in die Reihe der Kaffee- und Styrodur-Süchtigen einzureihen?

 

Ich lese wenige Architekturbücher oder Zeitschriften, und ich muss sagen, ich hasse Architekten und die Kultur, die sie umgibt! Für mich basiert diese Aversion auf der gängigen Architektur-Obsession. Ich halte es in meinem Büro anders. Wir haben “normale” Büroöffnungszeiten, und es wird kaum mehr als neun Stunden am Tag gearbeitet und wenig über Architektur geredet. Bei Monolab gibt es kurze, etwa 10 Minuten andauernde Besprechungen, übrigens im Stehen, dann werden Entscheidungen getroffen, und man arbeitet weiter. Alle Entscheidungen werden außerdem anhand von komparativen Modellstudien getroffen. Ich denke außerdem, dass es sehr wichtig ist, ein vielschichtiges Leben neben dem Architektendasein zu haben, da man sonst zu wenig kritisch und distanziert mit der eigenen Arbeit umgeht. Jetzt stellt sich allerdings die Frage, wie ein Architekt, der simple, effiziente architektonische Lösungen generieren will, ohne das Betrachten “fremder” Architektur leben kann. Viele Architekten glauben mit jedem Projekt das Rad der Architektur neu erfinden zu müssen, und oft helfen Publikationen, um Lösungsmodelle anderer zu sehen und zu verstehen, und möglicherweise Typologien in den eigenen Arbeitsprozess zu integrieren und diesen damit zu verkürzen. Dazu muss ich nur wenige Bücher und Magazine lesen, denn man hat eine Architekturhistorische Ausbildung und denkt natürlich an Le Corbusier und dergleichen. Ich möchte nur so wenig als möglich von anderen Büros beeinflusst werden, denn gegenwärtige Kultur und deren Evolution ist ohnehin überall. Hier in Wien sehe ich mir wenig neue Architektur an. Ich genieße es vielmehr, die Stadt und deren Kultur zu absorbieren.

 

Der Stadtbewohner als Indikator der qualitativen Beurteilung vorherrschender

Architektur?

 

Genau! Jedoch an der neuen Generation, nicht an den ´68ern. 

 

Monolabs Büroöffnungszeiten widersprechen der OMA-“7/11”-Tradition. Sie waren jahrelang Projektleiter bei OMA – wie viel haben Sie von OMA in ihre Architekturpraxis übernommen?

 

Ich habe meine Zeit bei OMA sehr genossen, und mich nach drei Jahren als Projektarchitekt entschieden, das Büro zu verlassen. Ich denke, dass es einen großen Unterschied macht, ob man ein Büro aus Eigeninitiative verlässt, oder weil man aus irgendwelchen Gründen gekündigt wird. Ich hatte das große Glück, als Teamleiter und Designverantwortlicher (Euralille und Congrexpo) bei OMA zu arbeiten und lernte dort unglaublich viel, nämlich auch wie man Dinge besser nicht machen sollte. Eine Konklusio für mich war, dass es nicht gesund ist, durchgehend zu arbeiten. Es hilft weder den Projektbeteiligten noch dem Projekt selbst. Was ich ganz sicher bei OMA gelernt habe, ist, erst dann über Entscheidungen im Projekt zu reden, wenn es Sichtbares gibt. Modelle der verschiedenen Konzeptversionen werden gebaut, dann wird entschieden, und es gibt “no bullshit”! Diese Art zu arbeiten ist sehr effizient und schnell, und das habe ich in meine Büropraxis übernommen.

 

Wie funktioniert der Dialog zwischen Monolab und Klienten?

 

Das ist wiederum sehr stark von der Funktion des Bauherrn abhängig. Uns passierte schon öfter der so genannte Salami-Effekt. Wir als Planer entwickelten Konzepte für 11 Wohnungen, diese wurden dem Investor präsentiert, und bei jedem Treffen wünschte man von Bauherrenseite Änderungen. Das führte dazu, dass wir sechs unterschiedliche Entwürfe entwickelten, bis ich STOP sagte und dem Bauherrn vorschlug, eine Zeichenmaschine anstelle Monolab zu beauftragen, denn darum ging es ihnen. Bei jedem Treffen wurde ein Unterteil unseres Projektes abgeschnitten, wie eben bei einer Salami, am Ende bleibt oft nichts mehr über, und das möchte ich vermeiden.

 

Monolab nähert sich architektonischen Systemen sehr stark von der stadtplanerischen Seite an. Woher kommt diese Strategie?

 

Es stimmt, dass wir sehr stark von stadtplanerischer Seite kommen, ganz einfach, weil es falsch ist, sofort Architektur nach einem “hit and run”-Prinzip anzuwenden. Architekten nehmen über Jahrzehnte durch ihre Architektur Einfluss auf die Stadt, und wenn wir Städtebauprinzipien architektonisch anwenden, dann können wir es verhindern possesiv zu sein. Ich hasse diesen architekturtypischen Materialfetischismus und diese Borniertheit im Sinne von “es muss so und nicht anders sein”. Das stimmt doch nicht! Es gibt nicht nur eine Lösung für Fragen, die uns als Planer gestellt werden. Und wenn Bauherren irgendwann ein von Architekten geplantes Haus anders streichen, dann ist das doch ihr gutes Recht. Das Konzept, die Logistik und Programmierung, die Raumabfolge – all das muss so stark sein, dass ein spezielles Detail oder eine neue Farbwahl das Gebäude doch nicht besser oder schlechter macht.

 

Das Projekt Body House wird im Moment realisiert – was unterscheidet dieses Haus von Architekturfetischismus?

 

Ich sehe das “Body House” nicht als Architektur sondern als Städtebauprojekt, da es nicht von Architekturerscheinungen wie speziellen Details oder Materialien abhängig ist. Obwohl das “Body House” ein Haus ist, haben wir in der Planung nie an ein Haus gedacht. Wir haben städtebauliche Parameter in unsere Denk- und Bauaufgabe transformiert, und dann ist etwas sehr Schönes passiert: Das “Body House” hat uns dirigiert, es ist im Entwurfsprozess autonom geworden und hat eigentlich über die nunmehrige Gestalt selbst entschieden. Ich glaube auch, dass man das Prinzip des “Body House” öfter anwenden kann: Wir haben 3 Raumprogramme mit einem wilden Kern verknüpft. Eigentlich haben wir bei diesem kleinen Bauvorhaben eine Architekturstrategie verwendet, die normalerweise nur für Großprojekte, wie beispielsweise Konzerthallen, Rathäuser und Museen, angewendet wird. Aber grundsätzlich muss ich sagen, dass unsere Bauherren dieses Haus möglich gemacht haben, und ihnen gilt so viel Dank! Es ist ja immer so, bei progressiver, realisierter Architektur gilt 50% der Anerkennung den Bauherren und die anderen 50% gelten dem Planer.

 

Woher kommt eine architektonische Zurückhaltung von Bauherren, vor allem im Einfamilienhaus-Maßstab?

 

Ich denke, das kommt daher, dass viele Bauherren schon während der Planungsphase oder vor der Nichtbeauftragung des Architekten an die Verkaufbarkeit des Hauses denken. Das war am Beispiel Body House ganz klar zu sehen: Die Bauherren dachten nicht annähernd daran, ob und wann und um welchen Preis das Haus einmal zu verkaufen sein wird. Für sie war die räumliche “m3”-Qualität das Entscheidenste.

Sie hielten schon einige Vorträge in Rotterdam, Rom, Oslo, Aarhus, Berlin und nun auch in Wien, auf Einladung des Institutes für Hochbau 1 der TU Wien. Neben Vorträgen unterrichteten Sie allerdings auch an der TU Delft, von der Sie 1989 selbst graduierten.

 

Wie wichtig ist für Sie das Unterrichten?

 

Das Problem an der TU Delft ist mittlerweile, dass es aufgrund verschärfter Sparmaßnahmen nicht länger möglich ist, Gastprofessoren zu bezahlen, und deswegen war es mir nicht möglich, an der TU Delft meiner Lehrtätigkeit weiter nachzugehen. Aber jetzt bin ich an der Architekturakademie in Rotterdam tätig. Dabei ist es mir wichtig, in meiner Rolle als Kritiker, Vermittler und Lehrer am Boden zu bleiben, und es wird sehr pragmatisch gebaut, gezeichnet und experimentiert, aber nicht zu viel verbal theoretisiert – es gibt also keine heiße Luft wenn ich dabei bin. Außerdem empfinde ich erfundene Studentenaufgaben für falsch – in meinem Fall bekommen die Studenten immer eine “reale” Entwurfssituation. Ich glaube auch, dass viele Lehrbeauftragte wie Studenten vor der Realität flüchten, und ich meine, dass diese Entwicklung anhand von gestohlenen Ideen und Konzepten aber auch an einer Überbewertung von Referenzen abzulesen ist.

 

Wie lange studierten Sie an der TU Delft?

 

Zu lange! Mir machte mein Studium sehr viel Spaß, und ich habe 9 Jahre studiert, wobei meine Diplomarbeit drei Jahre dauerte – im Endeffekt hat mich mein Diplomprofessor am Ende gezwungen endlich abzugeben. Und er hatte Recht! Die Universität war ein Entwurfshimmel, aber sehr weit weg von der Realität. Mein Rat an Studenten heute ist, dass man sich mit der Diplomarbeit nicht länger als 6 Monate aufhalten sollte, denn schließlich ist es nur ein Projekt, und man sollte es nicht überbewerten.

 

In der Publikation “content” von OMA//AMO gibt es ein Bild, das Oskar Niemeyer als Lehrer an der Tafel zeigt, während Rem Koolhaas als “Schüler” im Auditorium sitzt. Wer würde an der Tafel stehen, wenn Sie in der Schulbank sitzen würden?

 

Ich möchte vorher kurz diese Bilddarstellung kommentieren. Ich glaube nicht, dass dieses Bild Rem gegenüber fair ist. Ich habe 3 Jahre lang sehr intensiv mit ihm und für ihn gearbeitet, und er ist sicher nicht zurück in der Schule, er macht vielmehr Schule, wie auch praktizierende Architekten permanent in der Schulbank sitzen. Koolhaas ist ein unglaublich intelligenter Mensch, der in der Lage ist, 100% Output zu generieren. Wenn man sich seine Vorlesungen anhört wird man feststellen, dass er sich niemals wiederholt. Natürlich hat jeder von uns Helden, Mies van der Rohe ist einer davon, jeder hat sie, und natürlich habe auch ich sie, aber das ist alles schon versunken und eingebettet, es ist nicht mehr greifbar in unserer Realität. Aber selbstverständlich gibt es geniale Menschen wie Le Corbusier und auch in anderen Professionen gibt es gute Denker. Koolhaas ist sicher ein wichtiger Einfluss, aber ich würde nicht sagen der wichtigste, denn es gibt viele junge Köpfe. Er ist ja schließlich kein Gott, denn es gibt ja gar keine Götter mehr. Ich glaube auch, dass wir Architekten nicht auf ein Podest stellen sollten, denn jeder hat schließlich Schwächen. Faktum ist natürlich, dass Koolhaas sehr wichtig ist, ein “brain” mit sehr viel Einfluss.

 

Im Laufe unseres Gespräches ist wohl klar geworden, dass Jan. W. van Kuilenburg ein Mensch mit hoch gesetzten Idealen ist, sich selbst kritisch analysiert und ebenso das Produkt Architektur streng betrachtet. Gibt es für den Schaffer von Monolab Momente des Entspannens?

 

Es stimmt, ich bin sehr streng, das sagen mir auch meine Studenten immer wieder, aber so ist das nun mal. Man darf einfach keine Zeit verlieren, man muss die Dinge, die man tut, ernst nehmen. Ich erwarte mir einfach 100% Resultat. Aber da ist das Problem mit Architektur und Ambitionen. Der Aufwand und Stress steigen direkt proportional zur Ambition, das ist einfach absurd. Aber nachdem Architektur wie ein schwarzes Loch ist, das dich auffrisst und so extrem persönlich ist, muss man seinem Leben weitere Schwerpunkte verleihen. In meinem Fall war das die Entscheidung, ein Kind zu bekommen; mittlerweile habe ich einen eineinhalb Jahre alten Sohn, und das ist fantastisch.

 

Bereuten Sie jemals die Entscheidung sich der Architektur zu widmen?

 

Ich bin froh, dass Sie mich danach fragen, denn ich bereue es mindestens einmal die Woche. Aber was soll man tun. Ich habe mittlerweile so viel Zeit und Energie in Monolab investiert...

 

Wir bedanken uns vielmals für dieses großartige Gespräch und möchten Ihnen ein Exemplar der letzten Ausgabe unseres Magazins schenken. Ihr Sohn wird sicherlich bald für jegliche Zeichenunterlagen Verwendung finden.

 

(...lacht.) Ich werde das Magazin in die Bürobibliothek an einen besonderen Platz stellen.

 

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