Penthouse in Graz

 

   

          

 

Penthouse T, Graz/A

Planung: Riegler Riewe Architekten, Graz

         

Funktionelles, puristisches und strukturelles Bauen sind, besonders im Wohnbau, mit dem Nimbus behaftet, dass hier die menschliche Komponente zu kurz komme. Die Projekte von “Riegler Riewe Architekten” sind von strengen Ordnungen geprägt, die aber nur vordergründig hart wirken, sondern sich bei näherer Einfühlung als poetisch, maßstäblich und behaglich erweisen. Ordnung ist nicht gleich Einschränkung, im Gegenteil, sie kann reich an Bezügen, großzügig und offen sein für eine Vielfalt im Umraum und Zwischenraum. Die Kunst der poetischen Anordnung beherrschen Riegler Riewe hervorragend. 

 

Bis jetzt bewiesen sie das hauptsächlich bei öffentlichen Bauten und im sozialen Wohnungsbau. In Graz erhielten sie nun den Privatauftrag einer befreundeten Familie und bauten ein feines Penthouse über den Dächern der Stadt. Die Wohnung liegt im 5. Stock eines neu errichteten “Baulückenfüllers” von Architekt Scherzer, in unmittelbarer Nähe zum “Bad zur Sonne” und mit traumhaftem 360-Grad-Panoramablick auf das “Grazer Becken”. Die Bauherren konnten noch während der Planungsphase die Rechte für den Dachausbau und auch einen Teil des 4. Geschoßes erstehen. Riegler Riewe übernahmen die Gestaltung des 5. Geschoßes, wobei die Randbedingungen inklusive Erschließung und Statik des bereits baubewilligten Projektes nicht mehr beeinflusst werden konnten. Die jungen Bauherren fanden das Vertrauen und den Mut, sich auf etwas bislang Unbekanntes einzulassen: ein loftartiges Penthouse ohne herkömmliche Raumaufteilung und mit viel Interpretationsspielraum.

Man betritt die Wohnung durch einen privaten Stiegenhausteil, und vom Lift steigt man direkt im Vorraum aus, weil sich der offizielle Eingang im 4. Obergeschoß befindet. Ob der Vorraum als solcher überhaupt wahrgenommen wird, hängt von der Art der Nutzung ab. Denn alle Räume sind mehrfach bestimmt. Die Wohnung hat an sich keinen Flur. Werden jedoch alle Schiebetüren geöffnet, ergibt sich der Eindruck von einer internen Erschließungszone. Sind die Schiebetüren geschlossen, existiert diese Zone scheinbar nicht. Das Ostwest-orientierte Raumkontinuum wird in Längsrichtung von einem rot lackierten Serviceblock in zwei Teile gegliedert. Der Eingang und die Ruheräume liegen im Westen, Arbeitsbibliothek und Wohnküche befinden sich auf der Ostseite. Der Serviceblock enthält Funktionen, die zu den benachbarten Räumen gehören: Waschküche, eingebaute und begehbare Schränke, Abstellraum, Garderobe, WC, Küchenschränke, zweites Bad. Über Öffnungen im Serviceblock werden alle Räume in Querrichtung erschlossen, daher kann der Flur entfallen. Die übrig bleibenden “Zimmer” sind von allen raumbildenden Einbauten befreit und können mittels Schiebetüren vollständig geschlossen werden. Andererseits ist im geöffneten Zustand ein freier Blick möglich über die ganze Hauslänge, und das, was vorher Zimmer waren, sind nur noch die Bereiche der zwei Großräume, die über den Serviceblock verbunden werden. Die Türen stehen meistens offen, berichten die Bauherren, die einen kleinen Sohn haben. Aber auch in Querrichtung ist die große Freiheit angesagt. Die Fassaden sind vollständig verglast, vor allen Räumen liegen Terrassen. Doch damit nicht genug: Eine schlanke, feine Nirostatreppe führt auf die Flachdachebene, wo wie ein riesiger Teppich eine weitere Terrasse aus Lärchenholz ausgebreitet ist, umgeben von vier Pflanzbeeten und einem Saum aus Kies. Über ein paar Stufen kann man zur Abkühlung in einen Pool abtauchen. Kühlenden Schatten spendet außerdem ein pavillonartiges Flugdach. Das Lärchenholz für Terrassen und Flugdach stammt aus eigenem Forst, wie der Bauherr stolz berichtet. In den Nirosta-Pflanzwannen sind Blumen und kleine Obstbäume vorgesehen. Die Möblierung und Ausgestaltung blieb ganz Sache der Bauherren, hier haben Riegler Riewe nicht eingegriffen. Nur der cremefarbige Kückenblock aus Corian, die Kaminwand aus hellrötlichem Sandstein, die Sanitäreinrichtungen und natürlich der rote Serviceblock sind Architektendesign. Und zwar vom Feinsten. Alle Proportionen, Farben und Materialien sind sensibel austariert. Die Grundhaltung ist still, introvertiert, sinnlich und großzügig. In dieser Wohnung kann man einfach nur so dasitzen, den Raum genießen und die Augen weiden.

Im Detail ist die Wohnung überaus sorgfältig geplant. Banalitäten wie Sockelleisten, Steckdosen, vorstehende Türklinken und Türanschläge fallen hier nicht ins Auge. Von der Decke baumeln keine Leuchten, sondern Deckeneinbauleuchten und eine Reihe quer gestellter Leuchtstoffröhren sorgen für eine regelmäßige Ausleuchtung. Die Terrassenbrüstungen sind als Mauern ausgeführt, um den Raum optisch einzufassen. An diesen Mauern sind Lichtkästen montiert, die ein Streiflicht auswerfen und die Brüstung in der Nacht hell erscheinen lassen. Auf eine Badewanne wurde verzichtet, stattdessen gibt es eine große Dusche aus Sandstein und ein Zweitbad mit blauen Mosaikfliesen. Das WC ist grün mosaik-gefliest. In der Decke des Wohnraumes ist ein Auslass für eine Leinwand vorgesehen, um mittels Mediencomputer und Beamer Filme projizieren zu können. Der Schrank hinter der Dusche dient einerseits als Badezimmerschrank, andererseits als Betthaupt. Die freistehende Küchenskulptur hat eine tiefer gesetzte Herdebene und lässt sich auch als Tresen verwenden. Das Backrohr ist wie ein Schmuckstück in den roten Serviceblock eingebaut. Der Serviceblock ist statisch nicht tragend, er besteht nur aus Formrohren und MDF-Platten. Die tragenden Sichtbetonstützen stehen mitten in den Räumen, was den Vorteil hat, dass eine Raumgliederung angedeutet wird und die Glasfassaden wirklich nur wie eine transparente Haut erscheinen. Die Fassaden-Schiebe-Elemente aus Aluminium sind fast vollständig öffenbar. Ein Sichtschutz ist auf Grund der Lage nicht notwendig, als Sonnenschutz dienen Jalousien und Markisen. Der Fußboden aus gebeizter Robinie wird auf der Terrasse flächenbündig fortgesetzt. Um Ruhe und Klarheit zu schaffen wurden die Materialien bewusst auf wenige reduziert. Die Sichtbetondecke ist rötlich lasiert und wirkt daher warm wie Holz. Fußbodenheizungen und Unterflurkonvektoren sorgen auch heizungstechnisch für eine ruhige Optik. Am Dachpavillon ist das Wasserabflussrohr in einer der Holzscheiben versteckt. Die Dachplatte des Pavillons ist scheinbar vollkommen eben ausgeführt, das Gefälle befindet sich unsichtbar auf der Oberseite. Einfachheit kann ganz schön ausgetüftelt sein!

 

Die Qualität dieser Wohnung lebt nicht von vordergründigen Effekten, sondern wurde ganz aus den Funktionen heraus entwickelt. Im Allgemeinen versteht man unter Funktionalität, dass für das Notwendigste und Naheliegendste gesorgt wird. Riegler Riewe gehen weit darüber hinaus, ohne mystisch-abgehoben zu werden. Funktionell ist alles, was einen praktischen Nutzen bringt, und das ist eben nicht nur das Notwendigste, sondern das MÖGLICHSTE an Nutzen, das aus der Situation heraus zu holen ist. Das Alltägliche, Gewöhnliche und Normale  wird zelebriert und erhöht. Im Fall des Penthouses in Graz sogar zum Luxus erhöht.

 

Den gesamten Artikel mit Plänen usw. finden Sie im Heft 5/05.

 

Penthouse T

Graz

Planung:

Riegler Riewe Architekten ZT GesmbH
Florian Riegler, Roger Riewe

Mitarbeiter: Kerstin Stranzl
Markisen, Karniesen, Böden, Malerarbeiten: 

Stranzl GmbH & Co. KG

Corian Küche: Muri KG
Gas, Wasser, Heizung: Johannes Schlager-Kienreich GmbH
Kachelofen-Heizkamin: Scheibelhofer GmbH & Co. KG
Nutzfläche: ca. 153 m2
Planungsbeginn: März 2003
Baubeginn: Oktober 2003
Fertigstellung: November 2004 
Fotos: Paul Ott
Text: Irmgard Brottrager

Mehr gibt es in der Printausgabe! 
Nur ein Abonnement sichert Ihnen einen regelmäßigen und sicheren Bezug!