Wenn Wohnen pure Endorphinzufuhr bedeutet

 

   

   

 

WZW – Wohnen im Zentrum von Wien

Planung: silberpfeil-architekten, Wien

         

Das Dach, ein altgermanischer Begriff, ist gerade in der Architektur oft Auslöser für hitzige Diskussionen und Feldzüge von planerischer Seite. Obwohl schon Adolf Loos und unzählige Architekten der klassischen Moderne Verfechter des Flachdaches waren, gibt es noch immer landesspezifische Vorschriften in diversen Bauordnungen, wie das Dach zu formulieren sei. Sehr oft ist die Ausgangssituation für Anweisungen dieser Art nicht die technische Machbarkeit oder wirtschaftlicher Pragmatismus, sondern gesellschaftlich tief verwurzelte Vorstellungen von einem “richtigen Haus”, mit eben einem “richtigen Dach” – sprich Satteldach mit Ziegeldeckung.

 

Dass es auch anders geht, zeigt in der bauhistorisch exklusiven wie denkmalträchtigen Wiener Innenstadt die Dachsituation des vorliegenden erst kürzlich fertig gestellten Projektes. Doch bis zur Realisierung im Dezember 2004 war es ein für Projekte dieser Art außergewöhnlich langer Weg. Das Bundesdenkmalamt erstellte für den Dachausbau des 1862 errichteten Gebäudes Goethegasse/Hanuschgasse Richtlinien, deren Einhaltung von planerischer Seite zu gewährleisten war. Daraufhin wurde vom Bauherrn, der ART for ART – Theaterservice GesmbH, ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben, worauf 48 Arbeiten einlangten. Der Wiener Stahl- und Glas-Veteran Helmut Richter, Silvia Neumaier mit Hans Büchlmann, Karl Langer und silberpfeil-architekten belegten nach der ersten Beurteilung der Jury die vorderen vier Plätze. Die Architekten mit dem Namen eines Grand-Prix-Rennwagens machten ihrem Namensgeber alle Ehre und konnten letztendlich die konkurrierenden Kollegen hinter sich lassen. Es ging in die nächste Runde; eine Machbarkeitstudie war zu erarbeiten, da das Siegerprojekt der Jungarchitekten alles andere als alltägliche Architekturlösungen aufweist. Bezugnehmend auf die ursprüngliche Erscheinung des Gebäudes – auf Risaliten fortgesetzte Türme zierten vor dem 2. Weltkrieg das Dach – projektierten die Architekten fünf Glaskuppeln neben der eleganten 12 exklusive Wohnungen beinhaltenden Dacherneuerung. Der Weg zu den fragilen über den Dächern Wiens thronenden Wohnungen führt über Lifte, zwei davon als Panoramalifte vor der historischen Fassade sitzend und ein weiterer in die Spindel der bestehenden Stiege eingefügt. Auf der neuen Wohnungserschließungsebene angekommen gelangt man über einen minimalistischen, organisch geformten Gang zu den Wohnungen, wobei man noch kurz vor der Eingangstüre der jeweiligen Wohnung einen “Heiligenschein” verpasst bekommt: kreisförmige Oberlichter lassen Tageslicht vor den Eingangsbereich fallen – die Exklusivität der Wohnungen ist spätestens ab hier kein Geheimnis mehr.

Die Wohnungen selbst ähneln in ihrer Raumabfolge mehr Villen denn Dachgeschoßwohnungen: eine 360-m2-Wohnung inkludiert neben Terrasse, Einliegerwohnung, zwei Bade- wie Schlafzimmer auch einen atemberaubenden Ausblick auf den Burggarten, das Palmenhaus, die Albertina und die Staatsoper. Der Benutzer bewegt sich, oder besser gesagt navigiert, in einem Raumkonstrukt, dessen enorme Technikaufwendung in den Innenräumen nicht ersichtlich ist. Unsichtbar vor allem aus zwei Gründen: Jede Wohnung verfügt über einen eigenen 6 m2 großen Haustechnikraum, und zusätzlich sind alle anderen Gas-, Wasser- und Elektroleitungen in 50–100 cm hohen Doppelböden untergebracht. Die für den Benutzer ersichtliche Exklusivität bezieht sich auf die Qual der Wahl im Innenausbau: Bodenbeläge in Sanitärräumen können wahlweise mit keramischen Belägen, Feinsteinzeug oder Naturstein ausgestattet werden, und Wände haben anstelle des Natursteines zusätzlich die Möglichkeit, als Glaspaneele aus lackiertem Glas in Erscheinung zu treten. In den Badezimmern haben sich die Planer die interaktive Wandtapete namens “Wien zu allen Jahres-, Tages- und Nachtzeiten” zusätzlich zunutze gemacht und anstelle der klassischen Spiegel ein Fensterband angebracht, das dem Morgenmuffel den Eigenanblick erspart und stattdessen Ausblicke auf die Umgebung zulässt. Die individuelle Wahl des Bodenbelages setzt sich auch in den Wohn-, Schlaf- und Arbeitsräumen fort: Hier wurde auf Käuferwunsch hochwertiger Naturstein von Bianco Carrara über Travertin bis zu Rio Negro verlegt. Zusätzlich zum Steinsortiment standen 2-Schicht-Fertigklebeparkettböden (Eiche, Nuss, Akazie, Doussie und Kambala) zur Auswahl.

Von den 12 Luxus-Eigentumswohnungen, mittlerweile fast alle verkauft, nennen fünf turmartige Aufbauten ihr eigen, wobei die Wohnungen größenmäßig zwischen 45 m2 und 480 m2 variieren. Die gläsernen Türme bestehen aus 2-fach gekrümmten Parabelträgern mit einer Hülle aus Fixverglasungen, Öffnungsflügeln und Vakuum-Paneelen mit emaillierter Glas-Außenschale. Da der Verglasungsanteil von 70% eine hohe Erwärmung im Sommer erwarten lässt, wurde eine stille Kühlung mittels Klimaplatten an den Decken und im Schrägdachbereich installiert. Und man muss sagen, dass das Berühren gekühlter Wandflächen im heißen Wiener Sommer ein durchaus angenehmes Gefühl ist. Das Ziel der Planer war, eine Außentemperatur von 34 Grad im Innenbereich mit maximal 26 Grad spürbar zu machen, deswegen gibt es zusätzlich noch Heiz-Kühl-Estriche, kontrollierte Wohnraumlüftung und klassische Umluft-Quellluft Fancoils – just in case. Im Gespräch mit den silberpfeil-architekten wurde die Frage gestellt, ob denn dieser Dachbodenausbau möglicherweise auf andere Objekte adaptiert umgesetzt werden könnte.

 

Ein verständliches Nein war die Antwort, denn wir haben es hier mit einem Stück Architektur zu tun, das aufgrund seines historischen wie architektonischen Kontexts nicht wiederholbar ist. Das wiederum ist schade, denn wie schön wäre es, wenn auch Menschen, die sich keine 8.500 c/ m2 Wohnung leisten können, die Stadt, in der sie leben, von einer gehobenen Perspektive aus betrachten könnten – eines ist sicher, es würde glücklich machen – mit oder ohne gekühlten Wänden.

 

Den gesamten Artikel mit Plänen usw. finden Sie im Heft 5/05.

 

WZW – Wohnen im Zentrum von Wien

Dachausbau Goethegasse 1, 1010 Wien

Bauherr:

ART for ART – Theaterservice GesmbH Goethegasse 1, 1010 Wien

Planung (Generalplanung):

silberpfeil-architekten
Peter Rogl, Christian Koblinger

Mitarbeiter:

Rita Reisinger, Andreas Aichholzer, Roland Fabiani, Petra Fischer, Konstanze Klaus, Sarah Kübler, Tibor Nagypal, Christian Nuhsbaumer, Markus Deutschländer

Leistungsverzeichnisse:              Peter Pircher
Statik: 

Helmut Locher – Zivilingenieur für Bauwesen

HT Planung: Fa. Allplan
Bauphysik/Fassadenplanung: Pfeiler GmbH

Verlegung Marmorplatten

(Böden und Wände):  

Wolfgang Ecker GmbH

Stahltragkonstruktion

2-fach gekrümmte Parabelträger: 

Zeman & Co. GmbH

Neuerrichtung u. Modernisierung

der Aufzugsanlagen: 

Haushahn Aufzüge GmbH

Schwarzdecker,- Spenglerarbeiten,

Zinkdachhaut mit regensicherem Unterdach sowie Terrassenausbildung: 

Kneisz GmbH
Grundstücksfläche:       6.877 m2
Bebaute Fläche:              4.389 m2
Wohnnutzfläche:            ca. 2.740 m2
Terrassenflächen:          ca. 720 m2
Umbauter Raum:  13.508 m3
Planungsbeginn/Machbarkeitsstudie: August 2001
Bauzeit: 2 Jahre
Fertigstellung: Dezember 2004
Fotos: Anna Blau, Ruth Ehrmann
Text: Sandra Knöbl

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