Eine Lesereise ins Schilf

 

   

          

 

Universitätsbibliothek in Utrecht

Planung: Wiel Arets Architect & Associates

         

Auf dem nach Plänen vom Rem Koolhaas erweiterten Utrechter Universitätscampus “De Uithof” wurde vor wenigen Monaten die lange erwartete neue Bibliothek eröffnet. Markanter Blickpunkt des minimalistisch detaillierten Neubaus des Maastrichter Architekturbüros Wiel Arets Architect & Associates ist seine mit Schilfgrasmotiven bedruckte Außenhülle aus Glas und schwarzem Ortbeton.

 

Ursprünglich war die 1636 gegründete altehrwürdige Universität Utrecht ausschließlich im historischen Zentrum der Stadt angesiedelt. Erst rund 300 Jahre später, gegen Ende der 1960er-Jahre, wurde der größte Teil der Institute aufgrund stetig steigender Studentenzahlen auf den rund fünf Kilometer weiter außerhalb neu errichteten Campus “De Uithof” ausgelagert. Inzwischen ist das dort in wenigen Jahren aus dem feuchten Ackerboden gestampfte recht weitläufig angelegte Universitätsgelände nach einem 1989 vorgestellten Masterplan von Rem Koolhaas sukzessive nachverdichtet und umstrukturiert worden und hat sich ganz allmählich in eine regelrechte “Stadt in der Stadt” und gleichzeitig in eine Art Laboratorium für zeitgenössische niederländische Architektur verwandelt. Zu den interessantesten der seitdem hier fertig gestellten Bauten zählen die Fakultät für Wirtschaft und Management vom Delfter Büro Mecanoo (1995), das von Rem Koolhaas selbst als Mensa und Auditorium errichtete “Educatorium” (1997) und das “Minnaertgebouw” von Neutelings Riedijk (1997). Kurz darauf folgten ein Laborgebäude vom Amsterdamer UN Studio um Ben van Berkel (2001) und die 2003 unter einem aufgeständerten Sportplatz eingerichtete “BasketBar” der NL Architecten. Als Letztes wurde jetzt die nach Plänen von Wiel Arets realisierte Universitätsbibliothek UBU eröffnet. Der direkt gegenüber dem 80 Meter hohen, in den 1970er-Jahren errichteten Veranstaltungsgebäude “De Unnik” gelegene und damit nach dem Masterplan von Koolhaas am Ort der größten städtebaulichen Verdichtung platzierte Neubau fügt die zuvor an verschiedenen Stellen über die gesamte Stadt verstreuten Institutsbibliotheken unter einem Dach zusammen und schafft so endlich einen zentralen Wissenstempel für sämtliche Studierenden der Stadt.

Sämtlichen Abgesängen auf das Buch zum Trotz stellt die weitgehend mit einer undurchsichtigen schwarzen Haut umgebene “Black Box” in Utrecht neben den Bauten von Herzog & de Meuron in Cottbus und Rem Koolhaas in Seattle den dritten großflächigen Bibliotheksneubau innerhalb des vergangenen Jahres dar. Auf insgesamt neun Ebenen mit einer Nutzfläche von 36.000 m2 finden die Studierenden hier mehr als 100 Regalkilometer mit rund 4,2 Millionen Büchern vor – den größten Teil davon als Magazinbestand, der hier nicht, wie sonst üblich, unter die Erde verbannt wurde, sondern in unterschiedlich großen, scheinbar frei im Raum schwebenden Boxen aufbewahrt wird. Als weitere Funktionen bietet der rund 45 Millionen Euro teure Bau eine kleine Ladenzeile und ein Lesecafé mit Außenterrasse im Erdgeschoß sowie eine östlich angrenzende fünfgeschoßige Parkgarage mit 450 PKW-Stellplätzen. Wiel Arets zählt zu den international renommiertesten niederländischen Architekten. Zu seinen zentralen Themen gehört das raffiniert inszenierte Spiel von Transparenz und Opazität, von Zeigen und Verhüllen – zu sehen etwa bei der mit aufeinander gestapelten Verbundglassteinen und Betonplatten gestalteten Akademie für Kunst und Architektur in Maastricht (1993) oder bei dem mit grünlichem Industrieglas eingehüllten, fast ätherisch scheinenden Hauptsitz des niederländischen Möbelherstellers Lensvelt in Breda (1999). Bei seinem Bibliotheksneubau in Utrecht, seinem bislang größten Projekt, hat Wiel Arets sein an der klassischen niederländischen Moderne geschultes und durch die minimalistischen Skulpturen von Richard Serra, Don Judd oder Sol LeWitt beeinflusstes Vokabular jetzt erstmals um einen deutlich ins Ornamentale reichenden Akzent erweitert. Denn der lang gestreckte durch eine Laufbrücke mit der gegenüberliegenden Hochhausscheibe verbundene Bau wird weitgehend durch eine partiell doppelte Glasmembran umhüllt, auf deren automatisch zu öffnender oder zu schließender Außenhaut sich die seriell wiederholten als Sonnenschutz fungierenden Aufdrucke von Schilfgrashalmen zeigen. Das bildhafte Stück Natur schafft nicht nur einen intelligenten Bezug zu dem weitläufigen, direkt hinter dem Neubau sich anschließenden Grüngürtel, sondern fungiert auch als poetisches Symbol für die stille Präsenz des Buches im Vergleich zum elektronischen Konkurrenten Internet. Die gleichen “Halme” finden sich als dreidimensionales Negativ-Relief in den in Beton ausgeführten Fassadenabschnitten sowie in den schwarzen Ortbetonflächen im Inneren des Gebäudes. Als Vorlage für diese ungewöhnliche Gestaltung diente ein in Schweden abgelichtetes Motiv des Maastrichter Fotografen Kim Zwarts, das anschließend auf die Glasflächen gedruckt bzw. mittels unzähliger Gummimatten in den schwarzen Beton gepresst wurde.

 

Kaum weniger überraschend präsentiert sich das über eine zehn Meter breite Treppe erschlossene und in sämtlichen Details durch Arets selbst entwickelte Interieur der Bibliothek, in dem die Besucher eine labyrinthartig verschachtelte gebäudehohe Halle mit schwindelerregend hohen Treppen und Galerien, offenen Lesesälen sowie den scheinbar frei im Raum schwebenden Büchermagazinen erwartet, welche der Architekt selbst gerne als “schwebende Wolken in der Luft” bezeichnet. Unterstützt wird der imposante Raumeindruck durch den schon im Äußeren wirksamen, hier aber bis ins Dramatische gesteigerten Einsatz der Farben Schwarz, Grau und Weiß: Schwarz wählte der Architekt für die bedruckten Ortbetonwände sowie für sämtliche Decken und für die Regale, Weiß findet sich vor allem im Schilfmotiv der großen Fensterflächen. Erweitert wird der puristische Kontrast durch die hellgrauen Böden, in deren hoch glänzender Oberfläche sich die signalroten Theken für die Ausleihe als die einzigen bunten Akzente widerspiegeln. Eine perfekt inszenierte Kulisse als architektonische Hommage an das Buch.

 

Den gesamten Artikel mit Plänen usw. finden Sie im Heft 5/05.

 

Universitätsbibliothek Utrecht (UBU)

Universiteitscampus “De Uithof”, Heidelberglaan 3, 3584 CS, Utrecht

Bauherr:             Universiteit Utrecht
Planung:

Wiel Arets Architect & Associates 

Projektteam:

W. Arets, H. Aspers, D. Papa, R. Thijssen, F. Vaes, J. Vanweert, H. Vuust

Mitarbeiter:

P. Bremmer, J. van Eyck, H. Hermans, G. Neijnens, M. Pedersen, V. Piroux, M. Vrehen, R. Welten

Statik: 

ABT Adviseurs in Bouwtechniek bv, Velp
Wilimas Bouwadviseurs bv, Zeist

Modell: P. Anão, M. Henriksen, C. Hilgendorf, K. Lemmens, R. Willemse
Bauunternehmer:             

Heijmans IBC Bouw bv, GTI Utiliteit Midden bv Permasteelisa Central Europe bv

Tech. Gebäudeausrüstung:      Huygen Installatieadviseurs bv
Bauphysik:            

Cauberg – Huygen Raadgevende Ingenieurs bv, Rotterdam
Adviesbureau Peutz & Associates bv, Zoetermeer

Konsulent:             Adapt 3D, Veldhoven
Landschaftsplanung:     West 8 urban design & landscape architecture b.v., Rotterdam      
Innenarchitektur:           Wiel Arets Architect & Associates
Fassadengestaltung:       Kim Zwarts (Siebdruck)   
Gesamtfläche: 36.250 m2
Planungsbeginn: 1997
Baubeginn: 2001
Fertigstellung: 2004   
Fotos: Jan Bitter
Text: Robert Uhde

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