Über sichtbar Unsichtbares

 

   

          

 

Pfarrzentrum Pöstlingberg, Linz

Planung: menschhorn architecture

         

Auf dem 537 m hohen Linzer Pöstlingberg thront weithin sichtbar die Walfahrts- und Pfarrkirche zu Ehren der sieben Schmerzen Maria. Nicht nur, dass die markante, doppeltürmige Fassade als Wahrzeichen der Landeshauptstadt Linz, ja des Landes Oberösterreich, gilt, so steht auch das gesamte Ensemble Pöstlingberg unter Denkmalschutz. Die Kirche, als Ort, wo Traditionen, Riten, Dogmen und Bräuche gewahrt werden, scheint allerorts bedacht darauf zu sein, auch das äußere Erscheinungsbild ihrer Häuser zu bewahren. Neuerung und Zeitgemäßes neben dem schon seit jeher Präsenten findet selten weder statt noch Platz.

 

Doch Linz ist eben anders und, wohl dem Leitspruch der Stadt – “in Linz beginnz” – folgend, wurde auf dem an die Stadt heranreichenden Ausläufer der Mühlviertler Berge im Jahr 2003 westlich der Kirche und des bestehenden Pfarrbaus ein modernes Pfarrzentrum zugebaut, um dem Platzbedarf der Pfarre gerecht zu werden. Jene, die nur in der Stadt und nicht am Pöstlingberg selbst zu tun haben oder hatten, mögen diesen Neubau gar nicht vor Augen haben, ist er doch von unten aufgrund der Lage und Ausführung gar nicht wahrnehmbar und von vielen Standpunkten nur zu erahnen. Die Auflagen von Denkmalamt und Gestaltungsbeirat befolgend, nämlich ein “unsichtbares” Gebäude zu bauen, führten zu dem von den Architekten Beatrix Maria und Michael Menschhorn gewählten Geometrie des Baukörpers und zur Wahl des Materials. Eine Pfosten-Riegel-Stahlglas-Konstruktion kennzeichnet die Außenwände. Decken und Innenwände sind in Stahlbeton ausgeführt. Die durch das Glas erzeugte Durchlässigkeit will nicht vertuschen was sich im Inneren des Gebäudes abspielt.

 

Ihrer Philosophie folgend haben sich die Architekten zu Beginn auf eine archeologische Entdeckungsreise begeben, bei der sie die wirklichen Anforderungen und Faktoren ausgruben, um das perfekte Ergebnis für die späteren Nutzer auszuloten. Der Planungsprozess war ein langer, und das Ergebnis kann sich sehen lassen, auch wenn es das eigentlich gar nicht soll. Der Baukörper wurde auf einem felsigen, tragenden Untergrund errichtet. Zwei Geschoße, versetzt zueinander angeordnet, schmiegen sich an das stark nach Südost abfallende Grundstück und nehmen die örtliche Topografie als selbstverständliche, natürliche Voraussetzung auf. Nicht nur im Außenbereich sondern auch im Inneren wird mit einer, die Ebenen verbindenden, sehr flachgeneigten Stiege die Gegebenheit Gefälle thematisiert. Diese Treppe setzt sich parallel laufend im Außenbereich fort. Das Raumprogramm umfasst im Untergeschoß einen 123 m2 großen Veranstaltungssaal mit einer mobilen Theaterbühne, Garderoben und WC-Anlagen. Der freundliche, weiße  Veranstaltungsraum wird neben dem Wintergarten auch noch durch runde und quadratische Lichtkuppeln in der Decke belichtet. Auch dem oberen Geschoß ist eine Art  Wintergartenbereich vorgelagert. Hier befinden sich zwei Gruppenräume für die Pfarrjugend, Nebenräume und eine Küche mit großzügigem Vorbereich, die sowohl dem Veranstaltungsraum als auch den Gruppenräumen zugeordnet ist. Beide Ebenen sind von außen auf den unterschiedlichen Niveaus zu erschließen. Die Gestaltung des Gartenbereichs umfasst einen Wandelgang und Aussichtsterrassen. Der ehemalige Pfarrgarten kann von der Dachterrasse des oberen Geschoßes ebenso erlebt werden wie die gebaute architektonische Landschaft.

 

Die dienende, weltoffene Rolle des Pfarrheims ist offensichtlich ablesbar, und der Bezug zur Kirche ist stets mit dem freien Blick auf diese präsent. Die gläserne Hülle zelebriert die Ausblicke auf die darüber thronende Basilika und das darunter Liegende.

Lohnenswert ist der Besuch des Pöstlingbergs. Die Auffahrt mit der steilsten Adhäsionsbahn* der Welt lässt den Höhenunterschied ohne physische Kraft überwinden und führt direkt dorthin, wo Alt und Neu sich zu einem geschlossenen, wenn auch kontrastierenden Ensemble ergänzt und Unsichtbares sichtbar wird.

 

* Reibungsbahn, wo der Antrieb alleine über die Haftung der Räder erfolgt und die nahezu auf der gesamten Strecke mit einer Steigung von 105 ‰ gebaut ist.

 

Den gesamten Artikel mit Plänen usw. finden Sie im Heft 6/05.

 

Pfarrzentrum Pöstlingberg

Pöstlingberg 1, 4040 Linz

Bauherr: Katholische Pfarrkirche Linz-Pöstlingberg
Planung:

menschhorn architecture, Beatrix Maria Menschhorn, Gmunden

Mitarbeiter: Michael Menschhorn, Grazia Taus
Statik: Aigner/Friedhuber, Linz
Fassade/Stahlbau: 

GIG Fassadenbau G.m.b.H D.I. H&W ZtgesmbH

Geologe: Schober
Akustik: Hebenstreit, Wien
Grundstücksfläche:  696 m2
Bebaute Fläche: 285 m2
Umbauter Raum: 1.851 m3
Geschoßflächen: 640 m2
Planungsbeginn: 1999
Baubeginn: Juli 2002
Fertigstellung: September 2003
Fotos: Archiv Architekten
Text: Katharina Tielsch

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