|
Architektendasein in der Türkei… |
|
![]()
|
|
|
|
Bei der Eröffnungsfeier des UIA-Weltkongresses 2005 in Istanbul lernte ich, zufällig und nicht wissend, mit welch wichtiger Persönlichkeit des türkischen Architekturgeschehens ich es zu tun habe, Murat Tabanlıog-lu kennen und konnte ihn für ein Interview gewinnen. Das Architekturbüro Tabanlıog-lu mit seinem Hauptsitz in Istanbul setzt seit 45 Jahren mit zahlreichen Grossprojekten zeitgenössische architektonische Zeichen mit hoher Entwurfs- und Ausführungsqualität in ein Land, das einerseits von seinen Traditionen geprägt ist und andererseits von politischen Krisen stark beeinflusst wird. Das Büro zählt zu einem der aktivsten und wichtigsten Architektur- und Planungsunternehmen der Türkei und wurde bereits mit diversen Preisen gewürdigt. |
|
|
architektur: Sie haben in Österreich an der TU-Wien studiert. Warum kommt man auf die Idee, Architektur in Wien zu studieren? M. Tabanlıog-lu: Die politische Lage in der Türkei war in den 78er-Jahren sehr instabil. Es gab viele Straßenkämpfe, und auf den Universitäten herrschte Chaos. Ein Studium durchzuziehen wurde einem sehr schwer gemacht. Zudem musste und muss man nach wie vor in der Türkei eine große Studienaufnahmeprüfung machen und hat keine freie Wahl, wo man studiert. Ich wollte mir aber unbedingt meinen Studienort selbst auswählen. So beschloss ich mein Architekturstudium im Ausland zu machen. Da bereits mein Vater ein “germanophiler” Mensch war, bin ich in die Deutsche Schule in Istanbul gegangen, konnte also Deutsch sprechen und musste mich zwischen Deutschland, der Schweiz (ETH-Zürich) oder Österreich (TU-Wien) entscheiden. Die Entscheidung fiel auf Wien, wo ich das gesamte Studium absolvierte. In den 90er-Jahren bin ich zurückgegangen in die Türkei. Die Lage für Architekten hatte sich enorm verbessert. Man fing an zu investieren und zu bauen. Man kann sagen, dass zu dem Zeitpunkt die “neuen Zeiten” begannen. 1998 fing die Krise dann wieder an. Krisen bestimmen die Architektur sehr, aus eigener Erfahrung in der Türkei weiß ich das gut. Wäre es für Sie ein Ziel, in Österreich zu bauen? Ich hätte fast einen Umbau in der Wiener Burggasse gemacht – ein Designhotel hätte das werden sollen, aber wir haben uns mit dem Kunden nicht geeinigt. Aber dafür bauen wir jetzt in Dubrovnik – immerhin schon eine Annäherung an Wien, oder? Eigentlich ist es für türkische Architekten gar nicht gestattet, außerhalb der Türkei, also in der EU zu bauen, weil wir eben noch keine Europäer sind. Auch bei Wettbewerben in der EU können wir nicht mitwirken. Da spielt es auch keine Rolle, dass ich mein Diplom in Österreich erlangt habe. Aber umgekehrt dürfen die Österreicher und alle anderen Europäer in der Türkei bauen, so sieht es die neue Regelung vor. Sie führen das Büro zusammen mit ihrer Frau Melkan Gürsel Tabanlıog-lu? Als ich nach meinem Studium in die Türkei zurückgekommen bin, arbeitete ich drei Jahre lang mit meinem Vater, und in dieser Zeit lernte ich auch meine Frau kennen. Als mein Vater 1994 starb haben meine Frau und ich das Büro übernommen und weitergeführt. (Anm. der Redaktion: Das Büro Tabanlıog-lu wurde 1958 von Dr. Hayati Tabanlıog-lu gegründet. ) Ihr Büro ist ein sehr großes Büro? Insgesamt sind wir über 40 Mitarbeiter, und unser hauptsächliches Betätigungsfeld sind Großprojekte – das kommt noch aus der Zeit meines Vaters. Für solche Aufträge braucht man natürlich erfahrene Mitarbeiter. Dennoch arbeiten auch sehr viele junge Architekten bei uns, teils Studenten von der TU Istanbul, neben solchen, die schon lange bei uns dabei sind und viel im Mitwirken gelernt haben. Sie unterrichten an der TU in Istanbul. Was für Fächer sind das? Ich biete Entwurfsprogramme an und habe jedes Jahr 10–15 Studenten. An der eher konservativen TU bin ich der einzige praktizierende Architekt, der auch lehrt. Die Professoren dort sind normalerweise alle wissenschaftlich arbeitende Akademiker. An anderen Universitäten in Istanbul werden praktizierende Architekten als Lehrende bevorzugt, z. B. an der Yildiz Universität, wo ich auch schon ein Studio betreut habe.
In Österreich schließt man sich in Gruppen zusammen und eröffnet dann ein Architekturbüro. Ist das in der Türkei auch so? Ja, so machen das die jungen Architekten in der Türkei auch. Man braucht hier ja keine Ziviltechnikerprüfung abzulegen, sondern ist nach dem Studium gleich befugt, als Architekt zu arbeiten. Auch in unserem Büro bilden wir Gruppen, je nach Größe des Entwurfes und der Bauaufgabe unterscheidend sind das kleinere oder größere Teams. Und in jeder dieser Gruppen sind auch zukünftige Partner, also Architekten, die noch nicht fix bei uns arbeiten, aber vielleicht dann eben in der Zukunft. Ich möchte jungen Leuten eine Chance geben. Bei uns behandelt jedes Theam einen Auftrag, agiert also wie ein eigenes kleines Büro – nach dem Motto: große Infrastruktur mit Ateliergefühl. In der Türkei ist es sehr schwierig, mit Architektur Geld zu verdienen. Wünschenswert wäre ein System wie in England, wo nicht mehr, wie bei einer Pyramide an oberster Stelle der Boss steht. Wie gehen Sie in Ihrem Büro an ein Projekt heran und wie verläuft der Entwurfsprozess? Die Prozesse sind unterschiedlich, wichtig ist, dass jeder einzelne sein spezifisches Können miteinbringen kann. Der Entwurf wird im Team erarbeitet. Ich selbst reise sehr viel herum, und deshalb kommunizieren wir viel via E-Mmail. Ich hab meinen kleinen Laptop ständig bei mir und werde über den Fortgang informiert. Ich skizziere wenig und spreche sehr viel mit meinen Mitarbeitern. Deshalb sind alle sehr stark involviert in den Entwurfsprozess. Das ist meine Art zu arbeiten. Architekturvermittlung über Sprache? Ja, wir machen Workshops und Entwurfskorrekturen zusammen, fast wie auf der Uni. Ich liefere Grobskizzen. Natürlich könnte ich Ihnen exakte Skizzen vorlegen, aber ich bin dagegen. Alle sollen mitentwerfen. In der Ausführungsphase werden die Arbeiten dann aufgeteilt. Wie läuft die Kommunikation mit den Bauherren ab? Es gibt Projekte, wo der Kunde direkt zu uns kommt. Da ist es sehr wichtig, wie das Verhältnis zwischen dem Bauherrn und uns Architekten ist. Der Bauherr muss an uns glauben! Wir könnten viel mehr Projekte machen, aber wir lehnen auch viele Projekte ab, einfach weil die Kommunikation oder das Verhältnis zum Bauherrn nicht passt. Wir sind in der glücklichen Lage, Nein sagen zu können. Phillip Johnson hat schon gesagt, dass man eine Prostituierte ist, wenn man alles annimmt. Man muss Grenzen setzen, um glaubwürdig zu bleiben. Nehmen Sie auch an Wettbewerben teil? Ja, kürzlich haben wir den Wettbewerb für den Flughafen in Bodrum gewonnen. Dieser wird nun auch gebaut. Für Istanbul haben wir am Wettbewerb für das Rathaus teilgenommen, das wird aber nicht gebaut. Es wurde beschlossen, das alte Rathaus zu renovieren. Gerade arbeiten wir an einem großen Projekt für die Supermarktkette Carrefour. Bis jetzt hatte der Konzern immer eigene Architekten, von denen ständig die gleichen “Kisten” entworfen wurden. Letztens wurde erstmals ein geladener Wettbewerb ausgeschrieben, da der Konzern offensichtlich offen für eine neue, innovativere Architektur war. Nach der Konzeptphase hat Carrefour dann ausschließlich auf das Budget geschaut, und solange man im Rahmen des Budgets bleibt, ist auch alles erlaubt. In einem solchen Fall ist das Projektmanagement sehr, sehr wichtig, also jemanden zu haben, der ständig mitkalkuliert. Wie äußert es sich, dass die Architekten der EU auch an den Wettbewerben in der Türkei teilnehmen dürfen? Eigentlich kommen gar nicht so viele Leute aus der EU, sondern hauptsächlich Amerikaner –große Büros, die zweitklassige Architektur erstellen. Vorwiegend Bankgebäude werden von diesen Großarchitekturbüros gebaut. Sie liefern jedoch nur das Konzept, und türkische Büros übernehmen die Generalplanung. Die Projekte verlieren dadurch natürlich an Qualität, das ist schade. Aber türkische Investoren wollen genau solche Megabüros für ihr Prestige haben und keine kleinen “Ateliers”. Ich arbeite schon seit Jahren mit internationalen Bauingenieuren zusammen, so zum Beispiel mit der türkischen Dependance von Ove Arup. Und auch mit Norman Foster arbeiten wir an einem Projekt in Kasachstan, das auch realisiert wird. Es ist also eine Möglichkeit, sich mit internationalen Büros zusammenzutun, um als türkisches Büro an einem internationalen Wettbewerb teilzunehmen?
Ja, das geht. In diesem Fall ist die Abhängigkeit beidseitig, wir brauchen es, es braucht uns. Es ist nicht ganz leicht, aber allemal eine gute Erfahrung. Gibt’s eine Bürophilosophie? Für uns ist vor allen Dingen der Ort wichtig. Seit ein paar Tagen spricht man hier am UIA-Kongress über islamische und türkische Architektur. Ich glaube nicht an diese lokale Architektur. Vielmehr muss der Ort in den Entwurf und schließlich in das Projekt einfließen. Eine Moschee in Wien muss meiner Meinung nach keineswegs notgedrungen islamisch aussehen! Ich bin dagegen, traditionelle Bauweisen zu übernehmen. Man kann nicht die Leute aus der Tradition heraus zwingen, sich immer in derselben Typologie zu bewegen. Neue Technologien, die Bewegung der Menschen, die Lebensweise und die klimatischen Bedingungen sind die wichtigen, entwurfsbestimmenden Faktoren. Natürlich sind islamische Motive sehr einfach und schön. Viele Nachahmungen wirken jedoch sehr kitschig. Oftmals werden von europäischen Architekten solche Motive übernommen. Das wirkt dann gleich postmodern. Viele übernehmen traditionelle Elemente, Maßstäbe und Formen, ohne zu überlegen, was diese bezwecken oder was sie können. Beispielsweise planen wir zur Zeit ein großes Hotel in Jordanien. Die Auftraggeber wollten keinen europäischen Architekten. Sie wollten uns, wohl auch wegen der ähnlichen Traditionen und Kultur unserer Länder. Vorige Woche präsentierten wir unser Projekt. – ein rundes Gebäude in einem riesigen Maßstab mit einer semitransparenter Fassade. Diese ist dem Lauf der Sonne folgend korrekt orientiert. Diese Faktoren erachte ich für wichtig, nicht dekorierende Elemente. Sie haben sehr viele Projekte in prominenter Lage in Istanbul, Ankara usw. errichtet. Was für städtebauliche Auflagen gibt es für die Türkei oder auch für Istanbul speziell? Gibt es Restriktionen und strikte Beschränkungen wie in Wien? Es gibt strenge Regeln wenn man am Wasser baut. In der ganzen Türkei gibt es die so genannte “100-Meter-Grenze”, erst in dieser Entfernung vom Wasser darf gebaut werden. Es gibt eine strenge Regel für 33 Grad geneigte Dächer, man versteht eigentlich nicht, woher diese Regel kommt, aber sie existiert. Wir kämpfen stets dagegen an. Oder diese Erker ab dem ersten Geschoß – da die traditionelle türkische Architektur mit ihren maximal dreigeschoßigen Bauten solche hatte, werden sie gefordert. Heute baut man 10-stöckige Häuser und soll trotzdem solche Erker bauen. Auch dagegen kämpfen wir. Aber lassen die Behörden denn auch mit sich reden?
Nun, das hängt davon ab... Bei unserem Projekt “Galata Port” am Hafen von Istanbul hätte man normalerweise nichts verändern dürfen, doch nach einer langen Besprechung mit dem Denkmalamt sind wir zu einer Lösung gekommen, die sich über die 100-Meter-Regelung hinweg setzt. Verhandeln kann man also schon in der Türkei. Manchmal muss man statt Argumenten andere Mittel einsetzen. Daniel Libeskind, der sich bei seinem Museumsbau in Berlin ja auch strengen Regeln unterwerfen musste, hat mir erzählt, dass er immer mit den Behörden Musik gehört hat, statt Pläne anzuschauen. Was wäre eine Lieblingsbauaufgabe von Ihnen? Im Augenblick interessieren mich speziell Wohnbauten. Der Wohnbau ist ein wichtiges Thema in und für Istanbul, für jede Stadt. Es hilft aber nichts, nur vereinzelte Zeichen zu setzen in der Stadt, so wie das zur Zeit bei uns geschieht. In der Türkei liegt der Wohnbau zur Gänze in den Händen der Konstruktionsfirmen und der Baumeister und nicht bei den Architekten. Es herrscht dieser Fehlglaube, dass mit einem Architekten die Kosten enorm steigen würden. Welchen Stellenwert hat ein Architekt, außer dass er durch sein Mitwirken Bauwerke verteuert, sonst noch in der Türkei? Man spricht nicht über Architektur. Architektur ist nicht so wichtig im Gegensatz zu Dekoration und Innenarchitektur. Da wissen die Leute mehr darüber, kennen auch Namen. Wenn man vom Flughafen nach Istanbul reinfährt kommt man an all diesen Hochhäusern in “Downtown” vorbei, die von Baumeistern ersonnen wurden. Die Namen dieser Baumeister sind auch bekannt. Würde man hier in die Viertel marschieren und fragen, ob sie etwas von einem Architekturkongress gehört haben, dann wissen die Menschen das maximal aus dem Fernsehen. Vielleicht bewirkt der Kongress, dass nun mehr Leute über Architektur reden. In Amerika oder Europa hat Architektur durch die Stararchitekten an Bedeutung und Stellenwert gewonnen. Nehmen wir zum Beispiel Wien und Hans Hollein, man hat über das Haas-Haus am Stephansplatz zwar zunächst geschimpft, aber auch angefangen darüber zu sprechen. Das sollte auch in der Türkei geschehen, noch spricht man nicht über Architektur! Gibt es in Istanbul Architekturveranstaltungen, und was erhoffen Sie sich von diesem Kongress? Im Sommer findet eine Architekturbiennale statt, und hin und wieder werden Ausstellungen veranstaltet. Die Konferenz wird hoffentlich etwas bewirken, auch wenn sie wiederum nur von Architekten für Architekten gemacht ist. Ich bedanke mich für dieses Gespräch!
Text: Katharina Tielsch Bilder: Archiv Architekten |
Mehr
gibt es in der Printausgabe!
Nur ein Abonnement sichert Ihnen
einen regelmäßigen und sicheren Bezug!