Eine Volksschule von, für und mit der Natur

 

   

          

 

Ökologisches Bauen in Hermagor, Kärnten

Planung: Architekturbüro Ronacher

         

Ist in Gesamtösterreich eher ein Geburtenrückgang zu verzeichnen, so bestätigen Ausnahmen die Regel, und eine solche findet sich in Kärnten, in Hermagor – Pressegger See. Dort scheint es viele Kinder zu geben, und die steigenden Schülerzahlen erforderten die Schaffung von Parallelklassen und damit von neuen Räumlichkeiten. Die ehemals in einem Schulkomplex untergebrachte Volksschule sollte aus- und an einem neuen Standort, in der Oberen Stadt, angesiedelt werden.

 

Die Bauaufgabe wurde in einem Architekturwettbewerb des Landes Kärnten ausgeschrieben, und das Büro Ronacher Architekten bestritt den ersten Platz. Herwig und Andrea Ronacher befanden die Bauaufgabe eines Schulneubaus als interessant und anspruchsvoll, und mit den von ihnen angestrebten Prämissen, einen ökologischen und baubiologischen Musterbau zu schaffen, steckten sie sich zusätzlich noch ein weiteres hohes Ziel. Harmonisch unaufdringlich fügt sich heute der neue Bau mit seinem natürlichen hölzernen Äußeren in das Stadtbild von Hermagor ein. Auf einem von Norden nach Süden steil abfallenden Gelände wurde ein flach wirkendes und dennoch dreigeschoßiges Schulgebäude mit trapezförmigen Grundriss situiert, das von allen vier Seiten begehbar ist. Die barrierefreie Erschließung im Untergeschoß und im ersten Obergeschoß stellen verstärkten Außenbezug dar. Der innere Aufbau ist dreischalig. Im Zentrum über der Halle befindet sich eine schiffsförmige Öffnung, die eine natürliche Belichtung von oben in den darunter liegenden Stockwerken ermöglicht. Die Halle selbst wird auch über die Garderobenbereiche belichtet. Der dreigeschoßige Luftraum verändert die Proportionen und verleiht dem Bau eine sakrale Atmosphäre. Rund um die Öffnung verläuft die galerieartige großzügige Erschließungszone. Die Schulklassen, Lehrerzimmer und sonstigen Räumlichkeiten reihen sich jeweils mit Außenbezug um die Halle und Galerie. In allen Geschoßen ist jeweils der mittig liegende Klassenraum von den übrigen Klassen durch dazwischen liegende Garderobe- oder WC-Bereiche getrennt. Die freie Mitte mit dem Licht von oben folgt dem Feng-Shui-Prinzip und macht die Orientierung im Gebäude einfach.

 

Der Schulbau ist in erster Linie als konstruktiver Holzbau konzipiert, d. h., dass zwei Vollgeschoße praktisch ausschließlich aus Holz hergestellt wurden. Kreuzlagenholzdecken, so genannte KLH-Deckenelemente, wurden mit aufgeleimten Holzrippen verstärkt, um größere Spannweiten zu überbrücken und statisch als Plattenbalken zu wirken. Das Erdgeschoß wurde aus Stahlbeton gefertigt.  Der Vorteil eines Holzbaus liegt aufgrund seines hohen Vorfertigungsgrades in der schnellen Errichtungszeit – so auch bei dem beschriebenen Projekt. Etwas weniger als ein Jahr ist zwischen Baubeginn und Fertigstellung verstrichen, und da Zeit nun mal auch Geld ist, konnte der Finanzierungsplan exakt eingehalten werden. Stets wurde dem Konzept der Nachhaltigkeit entsprochen, so auch im Einsatz von nachwachsenden Baustoffen. Warme Farben und natürliche Materialien dominieren den Innenraum und schaffen eine gesunde Lernatmosphäre für die Kinder. Die Lehmwände in den öffentlichen Bereichen wurden von Schülern im Werkunterricht gestaltet. Keltische Symbole stellen den Lebenszyklus dar und zeigen das enorme Gestaltungspotenzial von Lehm. Im Foyer und in den Klassenräumen findet sich geölter Eichenstabparkettboden. Neben den Fenstern aus Lärchenholz sind auch die Türstöcke aus Lärchenholz gefertigt, die Türblätter sind mit Lärche furniert. Die Klassenräume weisen neben großzügigen Fensterflächen, mit denen die Umgebung in den Raum geholt wird, aus baubiologischen Gründen an jeweils zwei Wänden 3–4 cm dicken Lehmputz zur Klimaregulierung auf. 

 

Der Turnsaal als niedrigeres Nebengebäude im rechten Winkel zum Hauptgebäude wird von einer Plattenbalkendecke aus Holz überspannt und über zwei pyramidenförmige Glaskuppeln belichtet. Die Dachfläche ist begehbar und kann für öffentliche und schulische Zwecke genutzt werden. Sie wurde auch aus Gründen der Wärmespeicherung neben der gepflasterten Oberfläche teilweise extensiv begrünt. Eine als „Öko-Stromanlage“ konzipierte Fotovoltaikanlage rundet das Energiekonzept ab. Ohne Schadstoffausstoß kann hier Energie gewonnen werden. Im Bereich des mittleren Geschoßes wurden an der Südfront und der Ostfront in den Fensterzwischenräumen die Fotovoltaikelemente mit einer Leistung von zirka 2,2 kW integriert. Der von der Fotovoltaikanlage produzierte Strom wird in das öffentliche Stromnetz eingespeist, die Erträge dienen zur Unterstützung des Kreativunterrichts an der Volksschule, und so wird vom Einen für das Andere profitiert. Derzeit verdient sich die Schule 0,7 Euro pro kWh. Obwohl das Gebäude „nur“ einem Niedrigenergiehaus entspricht, verfügt es – wie ein Passivhaus – über eine kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung. Ohne die Fenster öffnen zu müssen wird permanente Frischluftzufuhr gewährleistet. Das Niedertemperatur-Heizsystem ist als in den Lehmputz eingeputzte Wandflächenheizung ausgeführt.

 

Seit einem Jahr ist der Schulneubau nun in Betrieb und wird von allen, vor allem von seinen Hauptbenutzern – den Kindern – gut angenommen. Der neu geschaffene Raum wirkt keinesfalls beängstigend oder abweisend, vielmehr vernimmt man im Zusammenhang mit der Schule aus den Mündern der Kinder Worte wie „heimelig“ oder „behaglich“. Neben der gelungenen ökologischen Lösung ist wohl die größte Freude der Architekten, dass sich die Kinder in der Schule pudelwohl fühlen.

 

Den gesamten Artikel mit weiteren Bildern und Plänen finden Sie im Heft 7/05.

 

Volksschule Hermagor

Lindengasse 3, 9020 Hermagor

Bauherr: Stadtgemeinde Hermagor – Pressegger See
Planung:

Architekturbüro Ronacher: Herwig Ronacher, Andrea Ronacher, Kathrin Müller

Mitarbeiter: Günter Weratschnig
Statik: Welf Zimmermann, Nötsch
Glasarbeiten:  Strussnig GmbH
Bauphysik: Rudolf Pernull
Boden: Weitzer Parkett
Nutzfläche: ca. 2.053 m2
Bruttogeschoßfläche: 2.372 m2
Umbauter Raum: 9.659 m3
Planungsbeginn: Wettbewerbsgewinn 2002
Bauzeit: 1 Jahr
Fertigstellung: August 2004
Fotos: Fotograf Theny
Holzleimbau Buchacher
Archiv Architekten
Text: Katharina Tielsch

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