Über die Zukunft unserer Städte

 

   

          

 

Michael Sorkin zählt zu den meist besprochenen und kontroversesten Städteplanern unserer Zeit. International bekannt und respektiert kennt man ihn als Architekten, Autor und Lehrenden.

         

In seinem in New York situierten Büro „Michael Sorkin Studio“ arbeitet er auf theoretischem und auf experimentellem Niveau im Bereich Städtebau. In Zeichnungen, Modellen, Ausstellungen, Schriften und Installationen findet sein Schaffen Ausdruck. In mehr als 25 Jahren hat das Büro zahlreiche Projekte in den Vereinigten Staaten und rund um die Welt bearbeitet und verwirklicht. Seine städtebaulichen Entwicklungsschemen basieren auf visionären architektonischen Vorschlägen. Beim UIA-Weltkongress der Architektur in Istanbul hat Michael Sorkin einen beeindruckenden Vortrag über die Stadt der Zukunft namens EUTOPIA gehalten und in zehn Punkten festgehalten, was eine solche nachhaltige Idealstadt erfüllen sollte.

 

architektur: Aus Ihrem Lebenslauf geht hervor, dass Sie an mehreren Universitäten in unterschiedlichen Fakultäten studiert haben und auch heute in vielen unterschiedlichen Bereichen tätig sind. Was hat Sie am stärksten beeinflusst?

 

Michael Sorkin: Wahrscheinlich meine mich liebende Mutter! Nein, im Ernst, das ist schwer zu beantworten, aber spontan fallen mir zwei Gegebenheiten ein. Ich bin in einem modernen Haus aufgewachsen – genauer gesagt in einem modernen Glashaus, und das hat mich sicher stark geprägt. Unser Nachbar, der fast wie eine Großvater-Figur für mich war, arbeitete für die Olmsted Brüder(*) als Landschaftsplaner. Von meinem Zimmer aus konnte ich auf seinen Garten blicken, auf den wohl gepflegtesten und kultiviertesten Garten, den ich je gesehen habe. Diese Übersetzung von Vorstellungen in Landschaft hat viel in mir bewirkt.

 

Könnten Sie kurz die Arbeit von „Michael Sorkin Studio“ beschreiben?

 

Wir arbeiten in allen Maßstäben, aber im Besonderen beschäftigen wir uns mit städteplanerischen Projekten. – Das rührt wohl daher, dass ich Städte liebe. Ich mag es, in diesem großen Maßstab zu entwerfen, und ich bin ein sehr politischer Mensch. Lösungen für politische und soziale Belange kann man mit architektonischen Mitteln nur im städtebaulichen Maßstab finden, und diese Lösungen wirken sich letztendlich wieder auf das Individuum aus. Selbstverständlich entwerfe ich auch gerne einzelne Gebäude.

 

Was hat Ihr Interesse für den Städtebau geweckt, und haben Sie sich bereits während Ihres Studiums in diesem Bereich spezialisiert?

 

Meine Mutter schenkte mir 1961 das Buch  „The City in history: its origins and transformations, and its prospects„ von Lewis Mumford, als dieses gerade neu erschienen ist, und ich war von diesem Buch schwer beeindruckt. Aufgrund des Buches war ich der Meinung, dass Schweden der Himmel auf Erden sei, und erst Jahre später, als ich nach Schweden reiste, habe ich festgestellt, dass diese Meinung auf Basis einer Fehlinformation oder auch Fehlinterpretation in diesem Buch geformt war. In diesem Jahr erschien noch ein weiteres, großartiges Buch zum Thema Stadtplanung mit dem Titel „The classic Death and Life of Great American Cities“ von Jane Jacobs. Hätte meine Mutter mir damals dieses Buch geschenkt, dann wäre meine Karriere sicher anders verlaufen – das denke ich zumindest. Ich las Jacobs Buch erst viel später und muss sagen, dass auch dieses Buch einen großen Einfluss auf mich ausübte.

 

Sie waren lange Zeit Professor für Städtebau an der Kunstakademie in Wien und kennen daher Wien sehr gut. Wie schätzen Sie die zeitgenössische Architektur und die städtebaulichen Lösungen in Wien ein?

 

Der wohl lebendigste kulturelle Sektor in Wien ist meiner Meinung nach die Architektur. Dies gilt eigentlich für ganz Österreich – architektonisch tut sich viel, im Sinne von Verwirklichung neuer Ideen. In anderen Kulturbereichen wird vor allem konserviert, so zum Beispiel in der Musik. Oder können Sie mir einen guten Rockstar nennen? Wien ist in städtebaulicher Hinsicht wohl geplant, die Stadt ist relativ kompakt, die öffentlichen Transportsysteme funktionieren hervorragend, es gibt viele Grünflächen, und die historische Beschaffenheit wird respektiert. Wien, Prag oder Budapest weisen alle eine gute, übersichtliche Größe auf, die auch verwaltet werden kann – im Gegensatz zu Istanbul!

 

Verlassen wir die alte Welt und widmen wir uns dem Land, wo der größte Bauboom stattfindet, nämlich China. Alte Städte werden zerstört und gänzlich neue aufgebaut – alles geschieht in einer unheimlichen Geschwindigkeit, die niemals zuvor existierte. In der Architektur sind jedoch Werte und Erinnerungen manifestiert. Wie könnte man heutzutage diese Werte und die Geschichte in neuen chinesischen Städten implementieren?

 

Das erste, was in China geschehen sollte, ist die Zerstörung des Kulturerbes zu unterbinden und zu stoppen. Das Baukulturerbe, wie zum Beispiel die Hofhäuser in Beijing oder die alte Bebauung in Shanghai, sollte denkmalgeschützt werden, aber auch die Landschaft selbst muss im Sinne des Naturschutzes bewahrt werden. China wandelt sich gerade von einer Fußgänger- und Radfahrgesellschaft zu einer Automobilgesellschaft. Man stelle sich eine Billion Menschen mit Autos vor, das ist ein ungesunder Gedanke! Man kann nur hoffen, dass in China nicht dasselbe passiert wie in den 1950er-Jahren in den USA. Im 21. Jahrhundert sollte an nachhaltigen Städtebau gedacht werden, der sich gegen Umweltverschmutzung, CO2-Emissionen, die Landschaft zerstörende Dämme, Atomreaktoren und vernichtende Lebensstile ausspricht. Die explosionsartige Entwicklung in China ist zwar dynamisch und aufregend, aber sie muss in jedem Fall diszipliniert und unter der Führung von vorausschauenden Menschen und politischen Initiativen vonstatten gehen.

 

Warum aber wendet sich China so sehr von seiner Vergangenheit ab?

 

So wie auch schon zu Maos Zeiten findet auch heute wieder eine kulturelle Revolution statt. Ich behaupte nicht, dass die jetzige Zerstörung von denselben Ideologien ausgeht wie einst. Die heutige Zerstörung mag eine Reaktion auf die einstige Armut sein, das könnte man verstehen. Hunderte Jahre Armut, Unterdrückung, Frustration und Benachteiligung lösen natürlich eine bestimmte Energie aus. Aber all diese Gegebenheiten widersprechen nicht einer nachhaltigen und menschlichen Entwicklung in China.

 

Aber von nachhaltiger Entwicklung kann man in China nicht sprechen. Die „Lebenserwartung“ der Bauwerke ist aufgrund der Schnelligkeit der Umsetzung ganz im Sinne der Wegwerfgesellschaft auf maximal dreißig Jahre anzusetzen.

 

Das stimmt, es wird unheimlich viel Mist gebaut, und in dreißig Jahren wird es in China sicher zu einer Krise kommen, dann nämlich, wenn diese ärmlich gebauten Gebäude baufällig werden. Der Städtebau sollte viel besser kontrolliert, es sollte kompakter geplant und die Landschaft generell viel mehr geschützt werden.

 

Welche Möglichkeiten, im chinesischen Planungsprozess Einfluss zu nehmen, sehen Sie für die westliche Welt?

 

Unter dem Druck dieser unglaublichen Forderungen von neuen Bauten und Konstruktionen ist China unterversorgt mit Architekten. In der Blüte des kommunistischen Regimes wurde Architektur in sehr großen, von Universitäten oder dem Militär kontrollierten Büros produziert. Heute verändert sich das. Kleine, künstlerisch orientierte Büros entstehen, und eine Generation sehr guter chinesischer Architekten wächst heran. Unsere Aufgabe ist es, auf Nachhaltigkeit hinzuweisen.

 

In Ihrem Vortrag haben sie gesagt, dass politische Entscheidungen im Städtebau nicht in Bezug auf den Ort getroffen werden sollten, sondern vielmehr in Bezug auf die Bedingungen. Welche Voraussetzungen oder Bedingungen sprechen Sie hier an?

 

Vielleicht haben wir in den letzten dreißig Jahren zu viel über Gebäude als Objekte und speziell über deren Formen geredet. Ich glaube, dass Form nur einen relativen Stellenwert hat. Wenn ein Gebäude funktioniert und „gesund“, im Sinne von nicht verschmutzend, gebaut ist, dann spielt seine Form gar keine Rolle mehr. Politiker denken an soziale und ökonomische Verhältnisse, die in einem Gebäude stattfinden. In Bezug zur Stadt haben Gebäude natürlich immer die Auflage „Bewohner der Stadt“ zu sein, sich also in das Gefüge einzugliedern und mit dem Nachbar zu kommunizieren. Es gibt viele Auflagen, die Gebäude innerhalb der Stadt zu erfüllen haben. Aber es ist die soziale Dimension und der Einfluss auf die Umgebung, die letztendlich ein Gebäude auszeichnen. Die Bedingung, die ich meine, ist die Nachbarschaftlichkeit in einer Umgebung. Sie ist die konstitutionelle Zelle des Städtebaus. Ich meine das nicht im traditionellen bzw. konventionellen Sinn, sondern im Sinne von Selbstgenügsamkeit und Nachhaltigkeit. Wir sind aufgefordert, nachhaltige Umgebungen zu schaffen, wo die Arbeit, kommerzielle Tätigkeiten, Bildung, Erholung, Sport und Kultur zu Fuß erreichbar sind. Eine Stadt ist dann erfolgreich, wenn jeder Stadtteil für sich selbst funktionieren und sich selbst erhalten kann. Erst dann braucht man an übergeordnete Transportsysteme denken. Ich sehe Nachbarschaft und Umgebung als das Fundament einer politischen Verfassung des Städtebaus. Das Wissen um eine Interessensgemeinschaft innerhalb einer solchen Nachbarschaft lässt Demokratie erst aufkeimen und sprießen.

 

Sie haben einmal gesagt, dass ein Wohnhaus nicht mehr als fünf Stockwerke haben sollte, um auch wirklich für den Menschen geplant zu sein. Was sind die wichtigsten Kriterien für eine Lösung im menschlichen Maßstab?

 

Der Mensch und der menschliche Körper müssen immer ein wichtiges Maß für die Planung von Gebäuden und Städten bleiben. Da man zu Fuß nicht höher als fünf Stockwerke hinaufsteigen kann, ergibt sich eine Horizontalität von Städten. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit von Aufzügen, diese sollten aber nur ergänzend beigefügt werden. Stiegenhäuser sind soziale Räume und wichtige Orte der Interaktion. Das Wiener Wohnhaus der Jahrhundertwende stellt ein exzellentes Modell dar. Städtische Kompaktheit und Dichte erzeugt man nicht alleine durch Höhe. In Amerika zum Beispiel befindet sich die dichteste Stadt in Massachusetts nahe Camebridge und heißt Somerville. Hier ist die Bebauung eigentlich durchgehend vierstöckig. Nur flächig darf man natürlich auch nicht planen, denn dann geschieht das, was man in allen amerikanischen Vorstädten vorfindet. Zur Bewältigung von Distanzen muss stets auf das Auto zurückgegriffen werden. Der menschliche Maßstab ist wichtig, und wir sollten lernen umzudenken! Die Fläche und die Rohstoffe auf unserem Planeten sind begrenzt. Und wir sollten auch darüber nachdenken, wie man diese gerecht aufteilt.

 

Einer der zehn Punkte für die Stadt EUTOPIA war das Konzept der Komplexität. Hier haben Sie gesagt, dass die Verschmelzung, besser bekannt als der in Amerika geprägte Begriff des „Melting Pot“, der Feind der Freiheit sei. Was genau meinen Sie damit?

 

Die „Melting Pot“-Idee wurde in der rationalen Moderne des 18. Jahrhunderts als abstrakte Idee geboren und besagt, dass für jeden dieselben Rechte gelten, da wir alle universelle menschliche Subjekte sind. Es ist grundsätzlich ein schöner Gedanke. Diese Verschmelzung hat den Menschen der neugeborenen Demokratie erfunden. Aus der Universalität wurde aber eine Uniformität und diese wurde auch in die Architektur übersetzt. Gleichartige Gebäude prägen unsere Städte und stellen Uniformität dar. Das ist ein Albtraum und widerspricht der Freiheit. Wir müssen heute an universelle Rechte denken, die Freiheit zulassen.

 

Früher gab es eine klare hierarchische Ordnung in der Architektur als Konsequenz einer sozialen hierarchischen Ordnung. Glauben Sie, dass es in der Zukunft eine neue Ordnung geben wird und wenn ja, wie wird sich diese auf den Städtebau auswirken?

 

Meine Hoffnung ist, dass der Planet sich demokratisiert. Ökonomische Gleichheit wird alles verbessern. Wenn die Verteilung der Ressourcen auf unserem Planeten gleichmäßiger ist, dann können die Städte, egal auf welchem Kontinent, auch wieder florieren.

 

In welche Richtung, glauben Sie, wird sich unser Planet entwickeln?

 

Zwei Szenarien für die Entwicklung auf unserer Welt sind denkbar: Aufgrund von Mobilität und Kommunikation rückt unser Planet immer näher zusammen und ein globales Wissen entsteht. Dieses globale Wissen stellt die Nachhaltigkeit in den Vordergrund. Eine dramatisch zerstörende Möglichkeit wäre aber auch, dass dieses neoliberale Regime von George Bush mit seinen egoistischen Zügen weiter wächst und zum dominanten System wird.

 

Danke für dieses ausgiebige Gespräch.

 

(*) Frederick Law Olmsted (1822–1903) sah sich selbst als Raumplaner, obwohl ihn die meisten als den Begründer der Landschaftsarchitektur bezeichnen. Er wurde stark beeinflusst von der „natürlichen“ Landschaft Englands und ließ stets natürliche Elemente in seine urbanen Landschaften einfließen. Er gestaltete viele städtische Parks, unter anderem den Park in Boston und den Central Park in New York.

 

Das Gespräch führte Katharina Tielsch

Bilder: Archiv Architekten

 

Den gesamten Artikel mit weiteren Bildern finden Sie im Heft 7/05.

 

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