|
Schwarze Perle der Stadt Wien |
|
![]()
|
|
|
|
|
![]() |
|
|
|
|
Büro- und Werkstättengebäude der Stadt Wien in Wien 17 Planung: caramel architekten
|
|
Vor ein paar Jahren entschied die Stadt Wien, ihrer Magistratsabteilung 48, zuständig für Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark, einen Zubau der bestehenden Gebäude in der Lidlgasse in Wien 17 zu finanzieren. Im Rahmen eines Umbaues des gesamten Areals in fünf Planungsphasen wurde zuerst ein Entwurf von der magistratsinternen Planungsabteilung gemacht. Um öffentliche Gebäude rechtsgültig realisieren zu können, muss allerdings ein Wettbewerb ausgeschrieben werden. Und eben diesen konnten caramel architekten im Mai 2000 für sich entscheiden.
Obwohl die zuständigen Stellen der MA 48 noch ihre eigenen Entwurfsideen im Hinterkopf hatten, konnten die Wettbewerbsgewinner mit einer für die Stadt Wien untypischen Architektur überzeugen und wurden schließlich 2002 mit der Planung und Ausführung beauftragt. Anstelle einer unreflektierten Erweiterung des Altbestandes lag die Stärke des neuen Entwurfes in der Aufteilung der Raumprogramme in zwei selbstständige Baukörper. Einerseits wurde der Altbestand um ein neues kubusförmiges Gebäude erweitert, während die Hauptfunktionen in einem freistehenden Monolithen untergebracht sind. Die beiden Baukörper unterscheiden sich formal durch farblich unterschiedliche Fassaden: Beide wurden in vorbewittertes Titanzinkblech eingepackt, wobei das Nebengebäude grau und das Hauptgebäude anthrazitfarben ausgeführt ist. Die beiden Baukörper unterscheiden sich nicht nur in der Fassade, sondern auch in ihrer Programmierung: Der freistehende Monolith beherbergt auf Straßenniveau zwei Meisterbüros, 18 Montageplätze, eine Waschanlage und zwei Kranbahnen. Im Zwischengeschoß sitzt das Besprechungszimmer – mit Ausblick auf die umgebenden Baumkronen. Büros, Umkleidekabinen, Sanitärbereiche und ein Veranstaltungs-Speisesaalhybrid sind im Obergeschoß untergebracht.
Ein Thema wurde konsequent in allen Ebenen verfolgt: natürliche Belichtung und Sichtbezüge nach außen. In den großzügigen Büros wurden anstelle von Einzelfenstern Fensterbänder eingesetzt, welche die gesamte Raumlänge beanspruchen. Im Untergeschoß findet man neben Technikräumen, die mit klinisch schönen Heizanlagen und Elektrikanlagen ausgestattet sind, auch die Abstellplätze für die Winterdienstfahrzeuge. Die magistratsinterne Kfz-Prüfstelle ist in dem an den Altbestand gebauten Baukörper untergebracht. Auch hier konnten die Architekten ihre Auftraggeber mit einer für öffentliche Gebäude untypischen Struktur überraschen und überzeugen: Um den Mechanikern die Möglichkeit zu geben, den Platz vor der Prüfstelle als Arbeitsraum zu nützen, wurde eine Membrankonstruktion als Überdachung eingebaut.
Struktur – Material
Ursprünglich wurde von den Architekten, in Kooperation mit dem innovativen “werkraum”- Statiker Peter Bauer, im Vorentwurf eine Stahlprimärkonstruktion erarbeitet, um flexible Nutzungsmöglichkeiten in Büro- wie Werkstättenbereichen schaffen zu können. Dieses statische Prinzip wurde aber von der Planungsabteilung der Stadt Wien abgelehnt, und stattdessen mit der altbekannten Stahlbetonbauweise ausgetauscht. Um in der großen Halle die somit größere Lastabtragung durch die schwere Stahlbetonweise gewährleisten zu können, setzte man im Erdgeschoßbereich vier Stahlverbundstützen ein, die im Kellerbereich in eine Stahlbetonwanne mit zusätzlichen Stützen abgeleitet werden, während das Obergeschoß aus Stahlbetonscheiben besteht. Die Dachkonstruktion ist eine klassische Trapezblech-Flachdachkonstruktion. Die kleine Prüfstellenhalle konnte allerdings in Stahlbau mit Warmdach auf Stahlbetonunterkonstruktion ausgeführt werden. Auch bei der Materialwahl der Innenräume musste auf die sehr konkreten Vorgaben der Planungsabteilung des Magistrats eingegangen werden. Auf die in Sichtbeton ausgeführten Treppen, die neben einem Lift der Haupterschließung dienen, wurden Mosaikfliesen verlegt, die gegenüber Sichtbeton den Vorteil haben, ölverschmierten Arbeitsschuhen rutschfest standzuhalten. Weiters hatten die in Sichtbeton ausgeführten Wände verputzt zu werden, und auch auf die Lichtgestaltung und Möblierung konnten die Architekten keinen Einfluss nehmen. Aber gerade diese feine, Industrie untypische, Innenraumgestaltung gibt der schwarzen Perle einen besonderen Touch. Natürliche Belichtung im Stiegenhaus fällt durch die als Lochblech ausgeführte Brüstung und erzeugt ein außergewöhnliches Licht- und Schattenspiel auf den beige bis grauen Mosaikfliesen.
Formaler Pragmatismus und Details
Bei Betrachtung des freistehenden Monolithen könnte man sich fragen, warum zwei der Kubusecken abgerundet wurden. Die zufrieden stellende Antwort lautet: Funktional gesehen war eine “Kiste” logistisch die beste Lösung. Nachdem der Außenraum aber von Lkw genützt wird, wurden die Ecken, die metaphorisch von den Fahrzeugen abgefahren werden, rund ausgeführt. Aber nicht nur in diesem Fall wurde im Konzept geradlinig reflektiert. In der Sockelzone der Haupthalle wurde mit Transparenz – im gebauten Sinn Glas – gearbeitet: wieder ein untypisches Material für Industriegebäude. Die Tore der Werkstättenhalle sind als Rolltorboxen in die Glasfassade gestellt. Die Entscheidung, Sichtbezüge von außen zu gewähren, stammt von dem Prinzip, visuelle Kommunikation herzustellen und eine etwaige Nutzungsänderung zu einem späteren Zeitpunkt auch durch die Materialwahl zu ermöglichen. Außerdem bieten die gläsernen Öffnungen der homogenen Zinkfassade ein angemessenes Gegenüber. Anstelle einer klassischen Blechfalzlösung ermöglicht eine außergewöhnliche Detaillösung diese Homogenität: Die Unterkonstruktion, basierend auf einer Klebung und Überlappung der Blechbahnen, wurde auch bei der Formulierung der Fensteröffnungen eingesetzt. Um nur die Flügel sichtbar zu machen, werden die Fensterrahmen von der Blechfassade überdeckt. Auch die skulpturale an der Fassade sitzende Sichtbeton-Nottreppe unterstreicht die einheitliche Gesamtwirkung beider Baukörper.
Am Beispiel des Büro- und Werkstättengebäudes der MA 48 ist zu sehen, dass ein gegenseitiges Inspirieren von Bauherren und Architekten nicht nur möglich, sondern auch machbar ist. Und man muss in diesem Fall für ein Gebäude danken, das einerseits das Thema Industriebau neu interpretiert und zusätzlich der Stadt Wien ein neues, urbanes – man möchte sagen weltoffenes – Image verpasst.
Den gesamten Artikel mit Plänen usw. finden Sie im Heft 8/04.
|
|
Büro- und Werkstättengebäude der Stadt Wien Lidlgasse 5, A-1170 Wien |
|
| Bauherr: | MA 48 |
| Planung: |
caramel architekten (Katherl, Haller, Aspetsberger) |
| Mitarbeit: |
Barbara Schwab, Stephanie Kuhlmann |
| Projektleitung: | Sandra Scheffl |
| Statik: | werkraum
wien (Vorentwurf) ISP Schickl und Partner |
| Bauphysik: | Lindlbauer |
| ÖBAU: | site.at |
| Grundstücksfläche: | 2700 m2 |
| Fassade: | VM Zinc, 600 m2 QUARTZ-ZINC, 1.050 m2 ANTHRA-ZINC |
| Fassadensystem: | Sondersystem mit geklebter Aufhängung |
| Leuchten: | Zumtobel Staff |
| Umbauter Raum: |
Werkstätten- und Montagehalle + Büro 16.860 m3 Prüfhalle 2.900 m3 |
| Bebaute Fläche: |
Werkstätten- und Montagehalle + Büro 1.030 m2 Prüfhalle 436 m2 |
| Planungsbeginn: | Wettbewerb Mai 2000 |
| Baubzeit: | 17 Monate |
| Fertigstellung: | Oktober 2004 |
| Fotos: | Hertha Hurnaus |
| Text: | Sandra Knöbl |
Mehr
gibt es in der Printausgabe!
Nur ein Abonnement sichert Ihnen
einen regelmäßigen und sicheren Bezug!