“Autowaschmaschine" im bayrischen Landidyll: Boxenstopp bei Germering

 

    

   

 

Eine gläserne Waschstrasse

Planung: Lydia Haack + John Höpfner Architekten

 

Der italienische Architekt Antonio Sant’ Elia, forderte in seinem 1914 verfassten Manifest, dass die futuristische Stadt einer großen lärmenden Werft gleichen müsse, die in allen Teilen flink, beweglich und mechanisch ist und dass das futuristische Haus wie eine riesige Maschine sein soll. Es scheint, als haben sich die Architekten Lydia Haack und John Höpfner diese Forderungen nun 90 Jahre später zum Leitthema für das Projekt einer Waschstraße in Germering, Deutschland gemacht.

 

Eine gläserne “Autowaschmaschine”, durch deren Fassade tagsüber schon von weitem die Bewegung der Maschinen, Fahrzeuge und Kunden als diffuser Eindruck vermittelt und nachts eine Inszenierung von Bewegung und Licht, Technik und Konstruktion freigegeben wird. Wenn das Auto eingeschäumt und abgespritzt wird, wenn Besen bürsten und schrubben, mit Hochdruck abgestrahlt, gewachst und poliert wird, Roboter mit wirbelnden Lappen und sprühenden Armen um das Äußere des Wagens bemüht sind, dann geschieht dies neuerdings nicht mehr versteckt in einer gesichtslosen nur auf ihre Funktion ausgerichteten Halle, sondern in einer spannenden Räumlichkeit, die gerade durch ihre Existenz zur Gestaltung des Ortsrandes beiträgt. Gleichzeitig wurde das Anliegen des Bauherrn, der an der Entwicklung der Reinigungsgeräte beteiligt ist, umgesetzt, nämlich die stets auf dem neuesten Stand befindliche Technologie der Waschstraße zu zeigen. Das Gebäude wird so zu seinem eigenen Werbeträger.

 

Der erste Eindruck, den man bislang von Germering hatte, war eine Tankstelle des in München beheimateten, mittelständigen Mineralölunternehmen Allguth GmbH. Diese sollte nun um Verkaufsräume, einen Betriebshof und eine Waschstraße erweitert werden. Das Architektenduo Haack + Höpfner entschied sich mit einer langen, quer zur Einfahrtsrichtung gestellten Anlage, die Ortskante zu fassen, den Betriebshof zu verdecken und über Transparenz die Funktion des Gebäudes zu vermitteln. Neugierde wird geweckt, und die Hülle des Gebäudes nimmt die ländliche Atmosphäre regelrecht auf. Der lang gestreckte, semitransparente Bau fügt sich, indem er die Landschaft und den Himmel verschleiert widerspiegelt, in das bestehende Landidyll ein. Vom üblichen Einerlei der Gewerbeanlagen abweichend kommt die an ein Gewächshaus erinnernde Anlage ganz ohne Anhäufung von Werbung aus. Durch die lange, dreischiffig transparente Anlage werden im breitesten, mittleren Schiff die Fahrzeuge an einer Kette durch die Waschstraße geführt. Vom östlichen der beiden Seitentrakte kann der Autofahrer den Waschvorgang durch Scheiben aus Klarglas oder über Displays verfolgen. So ist er dem Auto zwar nah und kann kontrollieren, ist den Maschinen aber dennoch nicht eingesperrt im Wageninneren ausgeliefert. Technik und Nebenräume befinden sich in eingestellten Raumzellen im verbleibenden Seitenschiff. Funktional wird die Anlage bestimmt durch die beiden Seitentrakte, die umlaufend und rahmenlos mit Gussglasprofilscheiben verglast sind. Beide Seitentrakte sind bandartig umlaufend mit einer Außenwandkonstruktion aus Profilglas umschlossen. Nässe, Chemie, Lärm und Wasserdruck werden so optimal abgehalten, und aus ästhetischer Sicht wirkt das Gebäude optisch aufgelöst.

 

Konstruktiv handelt es sich um einen Stahlskelettbau auf einer Betonbodenplatte. Pumpensumpf und Kompressoren befinden sich in einer Teilunterkellerung. Ein eingespannter Rahmen mit Kragarmen wird in Längsrichtung im Achsraster von 4,4 m (2,2 m an den Endfeldern) zum Rahmenwerk verbunden. Die 2,0 m bzw. 2,4 m breiten Seitenflügel sind mit Trapezblech überdeckt. In der Mitte der Halle sind 5 akustisch entkoppelte ETFE-Luftkissen angeordnet, zwei davon zur natürlichen Belüftung, die als Oberlichter mit je 4 x 5 m die Halle natürlich belichten. Das bewegliche Pneudach sichert eine natürliche Belüftung und lässt auf ein weiteres Abluftgebläse verzichten. Die 50 m langen rahmenlosen Fassadenverglasungen und die akustisch entkoppelten Luftkissen aus ETFE sind konstruktiv innovativ. Die gute Durchlüftung, Helligkeit, Übersichtlichkeit und der Ausblick sichern eine gute Arbeitsplatzqualität. Einfahrt- und Ausfahrtsbereich sind akustisch getrennt. In einer Waschanlage geht es primär nicht um Architektur, hier geht’s ums Putzen, und im Zentrum steht das Automobil. Doch nicht nur das Auto muss gereinigt werden, auch die Anlage selbst benötigt Wartung. Deshalb ist die Wahl der transparenten Baustoffe Profilglas und ETFE funktional gut gewählt, sie sind resistent gegen die eingesetzten Reinigungsmittel und pflegeleicht. Eine eigens entwickelte, linear laufende Reinigungsanlage, die zunächst Maschinen und Geräte von Waschrückständen befreit, säubert auf ihrem Rückweg die Glaswände.

 

Ganzheitlich wurden in dem Projekt Funktion und Konstruktion gelöst, vom Städtebau bis hin zum Detail wurde nach einem Gesamtkonzept gearbeitet. Am 16.11. wurde dieses Projekt in Berlin mit einem Anerkennungspreis für Verkehrsbauten ausgezeichnet.

 

Den gesamten Artikel mit Plänen usw. finden Sie im Heft 8/04.

 

Gläserne Waschstraße

Germering/D

Bauherr:  Allguth GmbH, Michael Amberger
Planung:

Lydia Haack und John Höpfner

Mitarbeit:

Stephan Ott, Florian Poppele, Tim Wessbecher, Crystal Lau King Yi

Statik: Tim Brengelmann, München
Grundstücksfläche: 7.935 m2 (WS ca. 2.800 m2)
Umbauter Raum:

2.269 m3

Bebaute Fläche: 3.813 m2 (WS 500 m2)
Planungsbeginn: September 2001
Bauzeit: September 2003 bis Juni 2004
Fertigstellung:       Juli 2004
Fotos: Johann Hinrichs
Text: Katharina Tielsch

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