Spedition oder Roadmovie-Kulisse?

 

    

   

 

Speditionsgebäude Wiener Hafen, Wien/A

Planung Kantine und Zollabteilung: hochholdinger.knauer architekten

 

Der Wiener Hafen ist baurechtlich als “Verkehrsband” gewidmet und erscheint als Patchwork aus Infrastruktureinrichtungen. Die Donau ist hier weniger präsent als Containerumschlagplätze, Lkw-Laderampen und andere Verkehrsflächen. In diesem derben Kontext gibt es ein seit den 1970er-Jahren bestehendes klassisches Industriegebäude. Im Zeitraum 2000 bis 2003 wurde Architekt Josef Engl mit der Sanierung und den Umbauarbeiten der bestehenden Büros und Lagerhallen beauftragt, und die Architekten Gabriele Hochholdinger und Franz Knauer entwickelten die “Eyecatcher”-Kantine, neue Büros und die Zollabteilung. Das Resultat der Arbeit des Ateliers hochholdinger.knauer besteht aus zwei außergewöhnlichen Baukörpern, die durch ihren Formalismus wie materielle Erscheinung das Thema Industriebau neu beleuchten.

 

Die blaue Phase

 

Die Ausgangsbasis war eine herausfordernde, da der gesamte Hallenkomplex schon über Jahre transformiert wurde und mit dem Zubau einer Zollabteilung und einer Kantine auf Niveauunterschiede wie Zirkulation im Sinne der Erschließung und Logistik eingegangen werden musste. Begonnen wurde mit der Umgestaltung des bestehenden Empfangsbereiches, wobei parallel das Konzept für eine Umstrukturierung des Eingangbereiches entwickelt wurde. Der ehemals schlecht funktionierende Vorplatz und Windfang präsentiert sich heute in einer visuell multifunktionalen Struktur. Neben einer Neugestaltung der Außenzonen basiert der neue Eingang auf zwei Elementen: einer Mauerscheibe und einem schwebenden Flugdach. Die Scheibe hat die Funktionen einer räumlichen Trennung zum Fuhrpark, ist Werbefläche zur Straße, dient als Haupteingang für die Mitarbeiter der Spedition, und ist Büro für die Zollabteilung. Der Neubau dient auch dazu, Passanten auf den Firmensitz aufmerksam zu machen, weswegen die Gebäudehülle als intensiv blau gestrichene Vollwärmeschutzfassade ausgeführt wurde. Das Flugdach ist eine sich verjüngende Platte, deren silberbeschichtete Oberfläche, bestehend aus wärmegedämmten Metallpaneelen, als homogene Lichtreflektorenfläche eingesetzt wird. Das Beleuchtungskonzept geht auf Tag- und Nachtnutzung ein, wobei vor allem das Abendkonzept ein spezielles ist: Am Abend reflektiert der auskragende Teil des Daches das Licht der im Boden angebrachten Zumtobel-Staff-Strahler und mutiert so zu einer schwebenden Metallebene. Statisch möglich wurde dieses beeindruckende Dach durch eine Stahlkonstruktion und Stahlstützen, die so konzipiert wurden, dass die Gebäudehöhe der Auskragungsweite entspricht. Im konkreten Fall bedeutet das 5,5 Architekten-beeindruckende-Meter. Auch im Innenbereich der neuen Zollabteilung und Eingangshalle wird mit eleganten Materialien aufgewartet: Metalldecken schauen auf Parkettböden, die Wände werden von Aluverkleidungen bedeckt, und in den repräsentativen Räumen findet man hinterleuchtete Glasdecken. 

 

Die rote Phase

 

Um nicht nur den Eingangsbereich neu zu formulieren, sondern auch der firmeninternen Kantine eine neue Gebäudestruktur im verbauten Altbestand zu geben, wurde 2002 mit der Errichtung des roten Kubus begonnen. Hier hatten die Architekten vor allem mit den unterschiedlichen Anschlussniveaus der umgebenden Hallen zu kämpfen. Es musste auf vorhandene Sanitärbereiche sowie Verbindungsgänge eingegangen werden. Die Lösung war ein Kubus, der mit einer Galerie und einem Guckkasten ähnlichen Panoramafenster zur Straßenseite – trotz seiner formalen Klarheit – spannend ist. Strukturell und visuell unterscheidet sich dieser Baukörper vollständig vom Eingangsbereich-Zubau: Anstelle von Stahl wurde hier mit Stahlbeton gearbeitet und die Fassade luxuriös als emaillierte Glasfassade ausgeführt. Von skandinavischen Soziologiemodellen im Industriebereich inspiriert, versuchten die Planer für die Speditionsmitarbeiter beruhigende und entspannende Momente in ihrer architektonischen Struktur zu schaffen. Deswegen wurde vor der neuen Kantine eine kleine Oase im rauen Wiener-Hafen-Kontext eingebaut, nämlich ein als Puffer fungierendes Wasserbecken, das eine Pflanzen- und Leuchtinsel beherbergt und vor dem Glasfenster eine Atrium-Situation schafft. Außerdem ist in der unmittelbar neben der Kantine sitzenden alten Bausubstanz ein Fitnessbereich eingebaut. Dass Außenraum und Innenraum im Gleichgewicht stehen sollen, zeigt sich nicht nur an diesen Interventionen, sondern auch an der Materialwahl des Innenraumes: Der in den Wintermonaten durch eine Fußbodenheizung geheizte Boden wurde mit schwarzem, matten Granit ausgelegt. Grundsätzlich wird das Raumklima über eine klimatisierte Lüftungsanlage reguliert. Neben all den architektonischen Neuerungen kann die Spedition allerdings auch auf dem Kunstsektor aufwarten: Um den Bereich zwischen Altbestand Halle und neuer Kantine neu zu gestalten, wird die nächsten Monate in Kooperation mit Studenten der Hochschule für angewandte Kunst an einem neuen “Kunst am Bau” Projekt gearbeitet. Und bis dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt wird, kann man in den repräsentativen Bereichen der Industrieanlage Leihgaben des MUMOK bewundern. 

 

Kunst am Bau, Sport für alle Mitarbeiter und sozial motivierte Architektur – es scheint, als wäre der Wiener Hafen die längste Zeit trist gewesen.

 

Den gesamten Artikel mit Plänen usw. finden Sie im Heft 8/04.

 

Speditionsgebäude Wiener Hafen, DHL Danzas

Freudenauer Hafenstraße 20–22, 1020 Wien

Bauherr:    Cargoline Speditions Ges.m.b.H
Planung:

Atelier hochholdinger.knauer architekten

(Kantine und Zollabteilung)

Mitarbeit: Ivana Mirek, Xiaoguang Song
Umbau und Sanierung: 

Josef Engl  (Büros und Lagerhallen)

Statik:  gmeiner haferl zivilingenieure zt GmbH.
Bauphysik: Walter Prause
ÖBAU: Bernhard Lemersleitner
Kunst am Bau:  Lothar A. Heinzle
Grundstücksfläche: 2,5 ha
Nettonutzfläche: 139 m2 (Zollabteilung), 860 m2 (Kantine, Büros) 
Planungsbeginn: Anfang 2001 (Zollabt.), Anfang 2002 (Kantine)
Bauzeit: Nov. 2001 bis Juni 2002 (Zollabt.), Aug. 2002 bis April 2003 (Kantine)
Fertigstellung:       April 2003
Fotos: Gerald Zugmann, Archiv Architekten
Text: Sandra Knöbl

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