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Architektur als Definition ist nicht permanent |
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In Innsbruck – am Weg von Oslo nach New York – konnte architektur sich mit dem norwegischen Architekten Kjetil Trædal THORSEN unterhalten, der seine Studienzeit in Graz verbrachte, jetzt an der TU in Innsbruck unterrichtet, mit seinem Büro Snøhetta die Bibliothek in Alexandria baute. Neuester Coup: Mit seinem Kreativteam Snøhetta konnte er nun einen Teil des Prestigeprojektes World Trade Center in New York, nämlich zwei Bereiche des Museum-Komplexes, gewinnen. Das neue Kulturzentrum umfasst mehrere Gebäude, die Kunst und Kultur gewidmet sind. Der Gewinnvorschlag basiert allerdings nicht auf Plänen, sondern mehr auf Visionen der Leere, so Kjetil T. Thorsen. Dass Visionen und Werte Hauptaspekte für den Arbeitsbereich der in Oslo werkenden Snøhettas sind, wird auch im folgenden Gespräch deutlich.
Text: Michaela Haller, Sandra Knöbl; Bilder: Snøhetta
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architektur: Kjetil Kjædal Thorsen, Sie haben in Graz studiert. Wieso geht man als Norweger nicht an die dänische Kunstakademie, die Uni in Oslo oder an die Akademie nach Wien, sondern nach Graz? Kjetil T. Thorsen: Mein Vater war auch schon in Graz, allerdings nicht an der Architektur-Universität. Graz hat mir auch als Stadt schon immer sehr gut gefallen. Die Sprache war auch nie ein Problem für mich, da ich meine ersten drei Schuljahre in Essen verbracht habe. Außerdem hatte ich zu schlechte Noten, um in Norwegen studieren zu können, und die Aufnahmeprüfung in England habe ich nicht bestanden – obwohl ich mein “Art-O-level” in England gemacht habe. Jeder kann ein oder zwei oder drei schlechte Tage haben. Nach Kopenhagen zu gehen war auch nie ein Thema für mich, obwohl die Dänen sich seit damals auch weiterbewegt haben. Österreich scheint sie ja nie wirklich los gelassen zu haben – warum haben Sie sich entschieden, an der TU Innsbruck zu lehren?
Grundsätzlich war mein Plan, erst in 10 Jahren einen Lehrauftrag anzunehmen. Allerdings hat mich dann Volker Giencke angerufen und mir gesagt, dass eine Professorenstelle in Innsbruck am Institut für Hochbau frei wird. Zuerst habe ich gemeint, dass das für mich überhaupt nicht in Frage käme. Aber dann, nachdem ich den zweiten Vortrag gehalten habe, ist mir die Stimmung hier ganz gut vorgekommen. Ich hatte das Gefühl, dass hier etwas passieren würde beziehungsweise bereits etwas passiert. Ich teile die Leitung des Institutes mit Patrik Schumacher, und diese Aufteilung läuft sehr gut. Da wir beide nebenbei noch Büros haben, ist das gleichzeitig eine ganz gute Annäherung der Universität an die wirkliche Welt. Hat Snøhetta jemals daran gedacht, mit anderen skandinavischen Architekturbüros – wie beispielsweise Henning Larsen Tegnestue (Kopenhagen) – zu fusionieren, um international auf skandinavische Architektur aufmerksam zu machen?
Das Büro Snøhetta besteht als Partnerschaft zwischen Craig Dykers, er ist Amerikaner, und mir. Er ist im Moment meist in Amerika. Wir arbeiten auch immer wieder mit anderen Büros zusammen, zum Beispiel in Dänemark, aber bis jetzt haben wir auf diese Weise noch nichts gewonnen. Zusammenarbeit bedeutet für mich sehr viel. Wir haben derzeit 52 ständige Mitarbeiter im Büro, die Disziplinen wie Landschaftsplaner, Künstler usw. vertreten. Dieses vielseitige Konglomerat ermöglicht ein breites Spektrum zur gemeinsamen Aufgabenbewältigung. Dabei ist es ein relativ “flaches” Büro – damit meine ich, dass alle Mitarbeiter etwas zu sagen haben und bei Entscheidungen mitbestimmen können. Warum baute Snøhetta noch nie in Österreich? Wir haben uns nie beworben und nie an einem Wettbewerb teilgenommen, aber vielleicht kommt das noch. Auf ihrer Homepage haben sie einen Nachruf auf ihren Bürohund, der vor kurzem verstorben ist. Hatten Sie nie die Befürchtung, neben toughen Architekturkollegen als überdurchschnittlich weichherzig zu gelten? Emotionen zeigen ist ja kein Problem, normalerweise – in der Architektur muss man das die ganze Zeit tun. Ich finde nicht, dass das Zeigen von Emotionen eine Schwäche ist. Es ist noch nicht einmal ein Gegensatz zum Hartsein. Wie nahe steht Ihnen die Theorie und Architektur von OMA? Nicht sehr nahe. Sagen wir so, ich mag diese Art ganz gerne, aber es hat keinen stärkeren Einfluss als andere zeitgeistliche Theorien oder Projekte. Aber OMA ist in diese Richtung eher indirekt als direkt. Es gibt natürlich schon Theorien, die ganz wunderbar sind. Ich finde zum Beispiel die Übersetzung von Größenordnungen, die an sich nicht begrenzend sind, sehr spannend. Aber natürlich, wenn es um Form, Formgebung oder Übersetzung einer Form geht, nimmt das bei uns einen anderen Weg. Unser WTC-Projekt unterscheidet sich insofern, als es ein prozessorientiertes Projekt ist. Wir werden versuchen, alle Beteiligten mitzuziehen, um das Gefühl zu vermitteln, dass jeder etwas dazu beitragen kann. Wir nennen das “negotiated architecture”. Müssten Sie sich mit einem Schlagwort einer Architekturgruppe zuordnen, wer wären Sie dann? Pragmatiker, Formalist, Analytiker…? Das kann ich nicht machen, Architektur ist nicht schlagwortartig. Wie sehen Sie die Zukunft der Architektenzunft? Ich sehe das so, dass die zukünftige Änderung der Architektur darin besteht, dass Architektur eine pluralistische Entwicklung erfährt. Das wichtigste, um Architektur mit Inhalt entwickeln zu können, ist Frieden – und jetzt haben wir schon lange Frieden. Dadurch steigert sich die Verbesserung der Architekturkondition – oder die Voraussetzung Architektur weiter zu entwickeln, eben solange uns der Frieden erhalten bleibt. Nach dem Krieg aufbauen bedeutet hauptsächlich pragmatische Lösungen zu finden – aber Architektur ist nicht pragmatisch. Wenn man an die diesjährige Biennale denkt, dann wurde man mit einer geballten Ladung Qualität aus allen Ländern konfrontiert. Wie lange können Architekten diesen Standard der teilweise unbezahlten Ausarbeitung und Detaillierung noch halten? Und warum tun Architekten das? Aus Eitelkeit? Architekten sollen das tun, solange wie es nur geht. Solange das physische Milieu eine Bedeutung hat – und es hat eine Bedeutung für die Zukunft – ist es Teil einer Nationenentwicklung. Es gibt diesen Ansatz, Architektur zu werten. Man könnte klischeeartig sagen, dass Architekten so gut sind, wie die Gesellschaft, innerhalb der sie bauen. Was eigentlich nicht ganz stimmt, denn die Architekten müssen vorantreiben, müssen Situationen verbessern, verändern, auch im sozialen Raum operieren und immer wieder voraus denken. Man merkt auch weltweit, dass die Architektur in den letzten fünfzehn Jahren eine andere Bedeutung angenommen hat. Man muss sagen, dass es in den 1960er-Jahren viele Architekten gab, die gut kämpften. Aber ich finde zum Teil, dass dieser ganze Effekt, der mit Architektur zu tun hat, jetzt natürlich in einer schwierigen Lage ist. Jetzt wird sich entscheiden, was gut oder was schlecht ist. Wir sind in einer Art Aufbruchsposition. Wir haben jetzt die Möglichkeit, neue wertvolle Dinge für die Zukunft zu entwickeln. Es geht in sehr viele Richtungen, man muss diese Komplexität erkennen. Komplexität ist im Grunde genommen keine schlechte Sache; Kompliziertheit ist vielleicht schlecht, Komplexität hat an sich etwas Gutes, weil es die Vielfalt der Menschen beinhaltet, und das müssen wir anerkennen, ansonsten werden wir wieder ins Mittelalter zurückgeschleudert. Gibt es einen Architekten, mit dem Sie gerne ein gemeinsames Projekt planen würden? Mit meinem Partner, Craig Dykers. Es gibt aber immer wieder Architekten, mit denen wir zusammenarbeiten. So wie wir Architektur jetzt entwickeln, auf Brainstorming-Basis, sind sehr viele Menschen involviert, denn ein Architekt alleine ist für mich keine Voraussetzung. Sie arbeiten hauptsächlich im kulturellen Architekturkontext. Haben Sie auch vor, vermehrt im Bereich Wohnbau zu arbeiten, oder ist das ein Bereich der Architektur, der sie weniger interessiert? Einfamilienhäuser machen wir kaum. Das ist einfach ein Bereich der Architektur, wo es viele Möglichkeiten und viele gute Architekten gibt, die das weiterbetreiben. Wir haben uns einfach nicht darauf eingelassen. Aber größere Bauvorhaben mit Wohnungen, das machen wir natürlich schon. Wie ist Snøhettas Entstehungsgeschichte? Die ist lange, aber schön. Snøhetta ist ein Berg in Norwegen, der ziemlich in der Mitte des Landes sitzt. Er ist Teil einer Gebirgskette mit dem Namen “Dovre”, deren höchster Gipfel Snøhetta ist. Wir haben unser Büro 1987 aufgemacht, oberhalb einer Bierstube in Oslo, und diese Bierstube heißt “Dovre Hallen”, die Halle von Dovre. Nachdem wir unser Büro im Loft direkt über der Bierstube aufgemacht haben, mit direkter Verbindung am höchsten Punkt, haben wir uns Snøhetta genannt. Wie denken Sie über Büros, die auf dem Image und den Theorien einer Person aufgebaut sind? Und glauben Sie, dass ein Architekturbüro besser als Team funktioniert, oder als hierarchisch nach einer Führungsperson orientiertes? Es gibt jetzt langsam eine Bewegung in Richtung Komplexität, dadurch werden Büros entstehen, die nicht mehr nur durch so genannte “Meister” vertreten sind, sondern vielmehr durch breitere Partnerschaften. Das heißt aber nicht, dass die Büros nicht geleitet werden. Es wird immer Personen geben, die in der Hierarchie eine leitende Funktion einnehmen. Das Eigentum eines Entwurfes ist an und für sich nicht mehr so präsent, weil es einfach zu komplex ist und viele Informationen von vielen Menschen hineinkommen. Man kann nicht mehr sagen, das ist mein Gebäude, das habe ich gezeichnet. Wir sprechen von Prozessrelativierung und Entstehungsgeschichten. Daher haben wir auch keinen Büronamen, sondern einfach den Namen Snøhetta, der allen Mitarbeitern gehört. All unsere Mitarbeiter können uns jederzeit überall repräsentieren, ohne mich repräsentieren zu müssen. Für mich ist das wichtig, es ist ein Teil davon wie man gemeinsam arbeitet. Was ist Architektur für Sie? Ich bin das natürlich schon ein paar Mal gefragt worden. Es ändert sich. Architektur als Definition ist für mich nicht permanent. Normalerweise würde man sagen, es ist eine Übersetzung einer Idee in Richtung Raum, Licht, Material. Aber letztendlich kann man es anhand vieler Bauten sagen, die kaum Architektur sind, die gleichgültig gebaut oder gezeichnet sind. Die Architektur beinhaltet schon ein gewisses Niveau an Qualität, dieses bewusste Agieren gegenüber einem Entwurfsprozess sowie dessen Umsetzung. Alles was gebaut ist, ist nicht Architektur. In diesem Sinne ist es für mich in der Weiterentwicklung hauptsächlich wichtig, verschiedene Niveaus eines Bewusstseins zu entwickeln. Das ist auch Teil, warum es an der TU Innsbruck so schön ist zu unterrichten, denn ich lerne hier auch. Dadurch entsteht eine neue Auffassung und Öffnung für Architekturmöglichkeiten. Eine gewisse Konsequenz, lebenslang so eine Professorenstelle durchzuziehen, gehört sicherlich dazu. Aber das heißt nicht, dass man erstarrt in einer Formensprache oder in einem eigenen Ausdruck. Es bedeutet vielmehr, dass man immer wieder untersucht und neu entwickelt. Man kann das, was wir als Studenten in Graz gemacht haben, nicht mehr mit den Anforderungen vergleichen, die heute an Studenten gestellt werden. Der Computer hat als Werkzeug die Architektur mitentwickelt, er ist mitbestimmend für das Entwerfen, die Formgebung und natürlich in dem Bereich der Produktion. Es ergeben sich neue Möglichkeiten. Modelle und Skizzen bleiben aber nach wie vor unerlässlich. Vielen Dank für das Gespräch! |
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