Im Westen und Osten viel Neues

 

Roland Rainer hatte großen Einfluss auf die Bauschule des Ländle in den 1960er-Jahren. Nun sind die Vorarlberger Architekten Dietrich | Untertrifaller gerade dabei, die Erweiterung der Rainerschen Stadthalle Wien mit Ende 2005 fertig zu stellen. Trotz ihrer baulichen Umtriebigkeit und ihren Erfolgen geben sich die Architekten in der Öffentlichkeit sympathisch bescheiden. Die seit 1994 bestehende Büropartnerschaft zwischen Helmut Dietrich und Much Untertrifaller geht aus einer seit 1986 bestehenden Zusammenarbeit der beiden Architekten hervor. architektur traf Much Untertrifaller zum Gespräch in deren Wiener Büro.

   

          

         

architektur: Die Vorarlberger wurden in der architektonischen Vergangenheit oft konstruktive Provokateure genannt. Wie sehen Sie die Stellung Ihres Büros und anderer Vorarlberger (VB) Architekten in der österreichischen Gegenwart?

 

Much Untertrifaller: Die gegenwärtige Position hat sich sicher verschoben, die Vorarlberger Szene ist nicht mehr so einheitlich kompakt wie sie vor 10–15 Jahren war. Unsere Position ist sicher die, dass Büros wie unseres oder Baumschlager-Eberle nun auch in anderen österreichischen Gebieten bauen. Insofern verschieben sich die Dimensionen und die Bauaufgaben, durch die die VB-Schule bekannt wurde. Die damaligen Aufgaben sind landschaftlich sehr spezifisch, das grundsätzliche Niveau der Vorarlberger Handwerker ist ein hohes, das von uns eingefordert wird und auch gegeben wird. Unsere Stellung in der VB-Szene ist schwierig zu erklären da man nicht mehr von einer VB-Positionierung/Szene sprechen kann. Man muss anmerken, dass die unterschiedlichen Positionen sehr weit auseinander gegangen sind.

 

Hat das mit dem architektonischen Blick gen Osten zu tun?

 

Sicherlich, aber es sind nur 4–5 Büros, die auch außerhalb VB aktiv sind, dazu zählen Marte Marte, Baumschlager-Eberle und die Kaufmänner. Sicherlich ist in VB die Dichte der Wettbewerbe gebrochen, und das macht es vor allem für die Jungen immer schwieriger.

 

Helmut Dietrich aber auch Sie studierten an der TU Wien. Spielten Sie nie mit dem Gedanken, in Wien zu bleiben?

 

Wir haben nicht gleichzeitig das Studium beendet, Dietrich ist 1985 für zwei Jahre nach Italien, bei mir hat es sich ergeben, dass ich schon während des Studiums ein paar Wettbewerbe in VB gewonnen habe, und es war dann praktisch klar, dass ich nach dem Studium nach VB muss, weil ich zum Zeitpunkt des Diploms schon 6 Mitarbeiter hatte. Wobei ich sagen muss, dass wir beide schweren Herzens Wien verlassen haben. VB hat zwar Qualitäten, aber es ist kein urbaner Ort.

 

Welchen kulturellen wie architektonischen Einflüssen setzten Sie sich während ihrer Studienzeit bewusst aus?

 

Naja, beeinflusst…sagen wir so, die TU ist ja nicht unbedingt ein Ort, wo viel Kommunikation herrscht. Am ehesten sind Helmut Dietrich und ich von Prof. Hiesmayr geprägt worden, persönlich als auch professionell, da wir auch privat zu ihm Kontakt hatten. Zum anderen gab es zu Anton Schweighofer ein Naheverhältnis. Sonst war der Einfluss eher auf die Kollegenschaft beschränkt.

 

Als Sie geboren wurden war Hans Purin gerade dabei, die Vorarlberger Baukultur massiv zu beeinflussen und zu verändern. Beeinflusste sein Schaffen auch die Anfänge Ihres Architekten-Daseins?

 

Sagen wir so, bis ich angefangen habe zu studieren hat mich Architektur nicht besonders interessiert. Ich bin zwar vorbelastet, da schon mein Vater Architekt war, bis zu meinem 18. Lebensjahr interessierte mich die Architektur allerdings wenig. Hans Purin war ein Freund meines Vaters, und seine Werke waren für mich selbstverständlich. Ich wohnte als Kind in einem Reihenhaus, das Jakob Albrecht und mein Vater gebaut haben. Erst an der TU hab ich gemerkt, welchen Stellenwert die VB-Schule in Österreich hatte.

 

Warum haben Sie sich für ein Architekturstudium entschieden?

 

Das war eine geschwinde Entscheidung – ich hatte wahrscheinlich sonst keine Idee, allerdings bin ich am Beginn gleich daraufgekommen, dass mich das stark interessiert.

 

Während wir hier sitzen und uns unterhalten, tobt an der TU Wien das jährliche Inferno der erstsemestrigen Architekturstudenten. Welche motivierenden Worte könnten Sie diesen Menschen mit auf Ihren Ausbildungsweg geben?

 

Schwierige Frage – ich befinde mich gerade in derselben Situation, da meine jüngere Tochter mit dem Architekturstudium an der TU begonnen hat. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie sich jemals wirklich für meine Arbeit interessiert hätte. Aber im Moment ist sie Feuer und Flamme. Die Aussichten bei dem Beruf, dass man selbst mal aktiv gestalten kann, sind relativ gering, aber wenn du was drauf hast ist es egal ob es 100 oder 1.000 sind. Aber der Prozentsatz derer, die mal realisieren können, was sie im Studium so planen, befindet sich im einstelligen Bereich. Insofern ist die Ausbildung in weiten Strecken am Thema vorbei.

 

An der ETH Zürich erarbeiten die Studierenden alle Phasen eines Projektes, vom Entwurf bis zur Ausschreibung. Wäre das ein erstrebenswerteres Ausbildungsmodell?

 

Der Lehraufbau an der ETH ist um einiges intelligenter als der in Österreich, allerdings ist die ETH eine sehr elitäre Schule, und der Lehraufwand könnte an einer Massenuni wie der TU Wien nicht aufgebracht werden. Die ETH hat ein x-faches an Lehrbudget zur Verfügung. Für mein Dafürhalten ist das Problem an der ETH, dass der intellektuelle Anspruch des Lehrkörpers natürlich viele hervorragende Leute hervorbringt. Durch den akademischen Anspruch wird die Architekturpraxis in der Schweiz kaum weiterentwickelt. In VB ist das anders, da das durchschnittliche Bauniveau höher ist. Wobei ich behaupte, dass die Vorarlberger Schule ein virtueller Begriff ist, den man in VB nicht in den Mund nimmt. Aber die Beteiligten der „VB Schule“ verbindet, dass sie sich gegenseitig ausgebildet und ausgetauscht haben, vor allem mit den Handwerkern.

 

Wie sehen Sie die zukünftige Kooperation zwischen Handwerkern und Architekten, da es ja mittlerweile ein massives Desinteresse an handwerklicher Lehrberufsausbildung in Österreich gibt?

 

Generell liefern Handwerker sicher immer weniger Qualität, aber Schuld daran trägt auch das unsägliche Ausschreibungsprinzip. Immer nur die Billigsten kommen zum Zug, das schließt oft gute Qualität aus. Kurzfristig angelerntes Personal wird verwendet, der Stellenwert von Handwerk ist regional unterschiedlich. Ein Holzbauunternehmen in VB hat gesellschaftlich einen hohen Status, und für einen jungen Menschen bedeutet eine Ausbildung in dieser Branche keine minderwertige gesellschaftliche Position. Hier in der Stadt habe ich schon das Gefühl, dass alle Eltern ihre Kinder unbedingt ins Gymnasium schicken wollen. Aber ein Hauptproblem ist sicher, dass die guten Handwerker ausgehungert werden. Das Bestbieterprinzip sollte auch qualitative Regelungen beinhalten.

 

Sie beteiligten sich in letzter Zeit an zwei großen Wettbewerben, das neue Sport Center am Hönggerberg (ETH Zürich) und der Stadthalle in Wien. Beide Projekte gingen als Siegerprojekte hervor. Gab es bei diesen beiden Wettbewerben verfahrenstechnische Unterschiede?

 

Beide Verfahren waren zweistufige Verfahren, wobei die Stadthalle anonym war, in Zürich gab es ein Bewerbungsverfahren, sonst waren beide vom Ablauf des Verfahrens vergleichbar. Der Stadthallen-Wettbewerb wurde sehr korrekt durchgeführt. Mich persönlich erstaunte, dass viele österreichische Kollegen beim Stadthallen-Wettbewerb wegen Roland Rainer, aus Respekt vor seiner Stadthalle, nicht mitmachen wollten – das bewirkt meiner Meinung nach den gegenteiligen Effekt, dass nämlich weniger gute Architektur realisiert wird, wenn sich gute Leute der Teilnahme verweigern.

 

Wie erklären Sie sich beim Projekt Stadthalle die Bauklasse 2 an einem urbanen Punkt wie diesem?

 

Roland Rainer entwickelte einige Projekte an diesem Standort, es waren aber nie Hallen,

sondern immer kleinere Gebäude wie meines Wissens Sportgebäude und kleine Ausstellungsgebäude, und die hatten alle Bauklasse 2. Man hat das ja nur nicht geändert, weil keine Zeit da war, und rückblickend muss ich sagen, dass ich es bei unseren Projekten immer sehr gerne mag, wenn die Rahmenbedingungen so einschränkend sind, dass man wirklich seinen Verstand verwenden muss, um Lösungen zu finden. Und durch die Lage liegt die neue Halle ja viel prominenter als die alte Stadthalle, insofern finde ich Bauklasse 2 auch gerechtfertigt.

 

Warum entschieden Sie sich, in der neuen Stadthalle das Foyer im Zuschauerbereich ungewöhnlicherweise mit Akazie auszukleiden?

 

Akazie ist ein Holz, mit dem wir seit einigen Jahren gerne arbeiten, weil es das einzige dunkle, heimische Holz ist, das an den Effekt von Tropenhölzern herankommt, mit dem Nebeneffekt, sehr hartes Holz zu sein. Außerdem wollten wir farblichen Kontrast zu dem sonst vertretenen Orange-Rot. Außerdem hat die Halle einen sehr hohen Glasanteil, und wir waren der Meinung, dass im Innenraum mit gedämpften Oberflächen entgegengesteuert werden soll.

 

Wie schaffen Sie es bürointern, immer wieder auf diese Vielzahl an unterschiedlichen Maßstäben in der von Ihnen gewohnten Qualität zu reagieren? (Deli am Naschmarkt, Schauspielhaus Bar, Zubau Festspielhaus Bregenz, Wohnanlagen …)

 

Sehr bewusst wollen wir uns unterschiedlichen Strukturen widmen, weil uns sonst auch langweilig werden würde. Ich hab auch das Gefühl, dass wir dadurch wach gehalten werden und die Freude am Beruf erhalten können. Wir wollen auch keine vordergründige Büro-Formensprache entwickeln. Wir haben eher den Ehrgeiz, von Projekt zu Projekt neue Details zu entwickeln und nicht Tag für Tag Gewohntes zu reproduzieren. Das hat sicher auch mit unserer Herangehensweise und dem Entwurf zu tun. Wir planen sehr kontextuell, sei es der Ort, die Rahmenbedingungen oder spezielle Programmvorgaben. Wir versuchen immer, uns vom Ansatz weg frei zu spielen. Wir handeln auch nicht in einer Form, dass wir uns sagen, die großen Projekte sind die besseren Geschäfte. De facto verdient man am Wohnbau am meisten, entwickelt man Wohnbau allerdings neu, dann verdient man kaum daran.

 

Wie kann man sich Partnerschaft zwischen Ihnen und Helmut Dietrich vorstellen? Gibt es eingespielte Verhaltensmuster im Bauprozess?

 

Das entwickelt sich aus der Situation und von Projekt zu Projekt. Sei es durch persönliche Kontakte zu den Bauherren oder durch mehr Affinität zur Bauaufgabe. Es ist aber so, dass wir versuchen, jedes Projekt, und sei es noch so klein, gegenseitig abzustimmen. Also auch den fremden Blick auf ein Projekt im eigenen Büro zu haben. Wobei wir sicher von den Schwerpunkten her unterschiedliche Ansätze haben. Mein Thema ist eher der größere Maßstab, komplexere Dinge. Während Helmut im Kleinen sehr stark ist, da er vom Möbeldesign kommt. Ich glaube, dass wir uns daher auch sehr gut ergänzen. 

 

Hätten Sie die Möglichkeit, ein Projekt am Standort Ihrer Wahl mit einem Co-Büro Ihrer Wahl zu verwirklichen, wie würde diese Vision aussehen?

 

Wir arbeiten relativ viel mit Kollegen zusammen, und das funktioniert immer ganz gut. Schwierig zu sagen, grundsätzlich kriegen wir eher eine Aufgabe gestellt, als dass wir uns eine suchen. Aber ein Wunsch wäre sicher, mal etwas wirklich Urbanes in einer großen Stadt zu planen, etwa wie ein Hochhaus oder etwas der Stadthalle Ähnliches. Mit einem Kollegen zusammen, ich stelle mir das schwierig vor, weil wir zwei Entwerfer sind, und die, wie soll ich sagen, wir lassen uns nicht sehr willig von anderen dreinreden. 

 

Eine Vorarlberger Eigenschaft?

 

(lacht)…ja da sind wir sicher ein bisschen stur, aber uns wird auch bürointern immer wieder gesagt, dass wir beim Entwurf relativ wenig Input zulassen.

 

Legen Sie im Entwicklungsprozess eines Projektes mehr Wert auf Arbeitsmodelle oder auf 3D-Visualisierungen?

 

Also wir verwenden beides, aber verlässlicher ist sicher das Arbeitsmodell. Das virtuelle Medium, und damit die 3D-Geschichten, können schon sehr täuschen. Wir haben gerade einen Wettbewerb abgegeben, wo wir aus zeitlichen Gründen nur mit 3D gearbeitet haben und erst im Nachhinein das Modell bauten. Und da hat man gesehen, dass völlig andere Aspekte zu Tage gebracht wurden. Bei der virtuellen Bearbeitung kann man sich ziemlich leicht selbst beschummeln (lacht).

 

Wie viel Platz wird im Büro Wettbewerben eingeräumt?

 

Also wir investieren sehr viel Zeit in Wettbewerbe. Im Moment suchen wir uns Wettbewerbe nicht selbst aus, sondern reagieren auf Einladungen mit meist prominenter Konkurrenz. Um den Vorteil einer Studentenstadt zu nutzen, werden zur Zeit die meisten Bewerbe im Wiener Büro entwickelt, zudem ist das Bregenzer Büro derzeit mit Projekten in der Ausführungsphase ausgelastet. Die Eröffnung des Büros in Wien dient vor allem der Betreuung der Projekte im Osten, das Büro in Vorarlberg dagegen profitiert von der Nähe der Schweiz. Nichtsdestotrotz ist die Kommunikation zwischen den Büros nach wie vor sehr stark und wichtig.

 

Herzlichen Dank für dieses ausführliche Gespräch! 

 

 

Den gesamten Artikel mit weiteren Bildern finden Sie im Heft 8/05.

 

Text: Sandra Knöbl

Bilder: Archiv Architekten

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