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Architektur Fachmagazin April, Mai 2014

start Kommunikation und Intuition zu tun. Wenn man das Soziale weiterdenkt, hat es auch etwas 8 Politisches. Der soziale Gedanke kann ja vom Kleinen ins Große weitergehen. Partizipation, Gemeinschaft und soziales Agieren - das sind immer mehr gefragte Qualitäten. Wohnbau: Wir versuchen als Architektinnen nicht uns selbst zu verwirklichen, sondern mehr auf die Impulse, die von außen kommen zu hören und diese wahrzunehmen. Die Dinge entwickeln sich von selbst. Ganz wichtig ist die Kommunikation mit den BauherrInnen. Manchmal haben die AuftraggeberInnen schon sehr fixe Ideen, manchmal brauchen sie Inspirationen. Gesprächskultur: Wir haben auch auf der Baustelle mit den HandwerkerInnen und diversen ProfessionistInnen immer eine Gesprächsbasis ‚von Auge zu Auge‘. Die HandwerkerInnen empfinden uns nicht als Gefahrenpotenzial und deshalb erreichen wir in den meisten Fällen das, was wir architektonisch auch wollten. Architektur als Männerdomäne: Wir haben aus dem Gedanken heraus, dass Männer sehr wohl untereinander netzwerken, beschlossen, uns selbst zu helfen, und eben als Frauen verstärkt zusammenzuarbeiten. Wir streben einen Weg der Architektur weg von Machtdemonstration und Ego-Verwirklichung an. Wir haben eine andere Herangehensweise, auch im Arbeiten miteinander. Man könnte es einen hierarchiefreien, demokratischen Raum nennen. Erfolg: Bei uns steht eher das Gemeinschaftliche, als das Materialistische und Erfolgssteigernde im Vordergrund. Das hört natürlich bei der Selbstausbeutung auf! Es ist schön, wenn das Büro wächst, aber wenn man an einem Entwurf und dem Prozess nicht mehr teilhaben kann, weil alles schon zu groß ist - dann ist das schade. Architektur dient nicht dazu, um Geld herumzuschieben. ArchitektInnen als WeltverbessererInnen? Architektur kann schon etwas ändern und verbessern. Wir schaffen Lebensräume. Es kommt aber immer darauf an, wer mit welchem Hintergedanken Architektur macht. Geht es nur um die Lukrierung von Flächen, von Quadratmetern? Architektur nimmt Einfluss auf die Welt, positiv sowie negativ. Nachhaltigkeit: Sie hat einen sehr großen Bereich in unserer Arbeit. Es ist nur bereits ein Unwort geworden, jeder verwendet es und oft wird es nur vermarktet. Wir vermeiden den Begriff, weil man oft nicht mehr weiß, ob es tatsächlich um Nachhaltigkeit geht. Eine indianische Lebensweisheit lautet: Wir sollen so leben, dass die sieben Generationen nach uns unsere Erde besser vorfinden, als wir sie vorgefunden haben! Nachhaltig ist das Weiterdenken von Ressourcen. Bei unserem Projekt eines Wohnbaus, den wir in Vorarlberg fertiggestellt haben, gibt es natürlich die Palette der Energieeffizienz, Passivhausstandard, Wohnraumlüftung etc. Aber wir haben auch auf die Nachnutzung großen Wert gelegt. Wie kann man das Haus teilen, umfunktionieren, wenn sich die Bedürfnisse der NutzerInnen ändern. Einfamilienhaus: Man kann schon auch andere Wohnformen anbieten, statt ein Einfamilienhaus zu bauen. Der verdichtete Flachbau von Roland Rainer zum Beispiel. Wir würden einem Bauherrn schon andere Angebote unterbreiten und ihn dahin gehend beraten. Die Gesellschaft der Zukunft wandelt sich. Gerade generationenübergreifendes Wohnen ist heute wichtiger denn je. Auch kleinere, dezentralisierte, überschaubarere Strukturen sind im Kommen. Dafür muss die Architektur Rahmenbedingungen schaffen. Architektur und Schule: Um nachhaltig etwas in der Einstellung der Menschen zur Architektur zu ändern, sollte dieser Begriff in der Schule Eingang finden. Nur so kann man erreichen, dass ein Bewusstsein für Lebensräume geschaffen wird. Diese definieren sich aber nicht nur über das Material oder die Oberfläche, es geht viel mehr darum, wie man sein Umfeld wahrnimmt und nutzt. Schönheit liegt im Auge des Betrachters, wie schon der kleine Prinz (Antoine de Saint-Exupéry) zu sagen pflegte. © Severin Wurnig © Severin Wurnig


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