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38 architektur FACHMAGAZIN Bauen (wie) in Entwicklungsländern Bauen (wie) in Entwicklungsländern Die Bezeichnung „Entwicklungsland“ ist bereits von einem kolonialistischen (Selbst) Verständnis geprägt. Sie trägt den Gedanken eines Positionsdenkens in sich: Wir und die anderen, die nicht so gut sind und entwickelt werden müssen. Warum nicht den Prozess des Bauens in diesen Gegenden der Welt einmal andersherum betrachten und als ein Lernen von Entwicklungsländern sehen? Deshalb soll in diesem Artikel auf keinen Fall die westliche Exportarchitektur (als Bauen in Entwicklungsländern) behandelt werden. Vielmehr ist das Hauptaugenmerk auf ein Bauen im Kontext des jeweiligen soziokulturellen Umfeldes gerichtet. Text: Peter Reischer Fotos: Studio Anna Heringer, Jenny Ji Das Einfügen und Entwickeln von architektonischen Projekten in Ländern, die nicht mit einem westlichen Maßstab zu messen sind, hängt von einigen maßgeblichen Faktoren ab. Es ist, wie bereits erwähnt, immer eine Frage des Kontextes als auch der möglicherweise noch lebendigen Traditionen eines Bauhandwerkes. Außerdem spielt die Verfügbarkeit von Baumaterialien eine Rolle, sowie die klimatischen Bedingungen. Jene sind überhaupt maßgeblich, ist die Architektur doch von ihrem Ursprung her eine Kulturtechnik zur Bewältigung des Klimas. Sie ist eine „schutzgebende“ Kunst. Dieses Wissen ist in vielen Ländern bereits verloren gegangen. Zum Beispiel in Südafrika, wo die sogenannten „Shacks“, Wellblechhütten in denen die Bewohner der Townships leben, neben aus Lehm errichteten Hühnerställen stehen: Slumarchitektur neben traditioneller ökologischer Bauweise. Natürlichkeit statt Beton Die Stichworte Baumaterialien und Lehm sind bereits gefallen. Eine Architektin, die durch hervorragende aber bescheidene Projekte in Bangladesh, Marokko, Zimbawe und auch Österreich auffällt, ist Anna Heringer. Ihre bevorzugten Materialien sind Lehm, Stein und Holz oder Bambus. Mit einem kongenialen Partner, dem Vorarlberger Lehmbauspezialisten Martin Rauch, hat sie in Baoxi in China eine Jugendherberge aus Bambus, Steinen und Lehm errichtet. (In Anbetracht der Tatsache, dass China von 2011 - 2014 mehr Zement verbraucht hat als die USA im ganzen Jahrhundert, ist eine Ökologisierung des Bauens zur CO2 Vermeidung in diesem Land eine Notwendigkeit.) Die drei Baukörper in Baoxi zeigen, dass traditionelle, natürliche Materialien durchaus in einer zeitgemäßen Architektur verwendet werden können. Im Gegensatz zu vielen Bauten, bei denen der Lehm hinter einer Scheinfassade verborgen wird, zelebriert man hier die Natürlichkeit und Schönheit des Materials. Die architektonischen Formen sind von den traditionellen Keramikgefäßen aus Baoxi inspiriert.


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