Page 46

architektur_417_eMag

architektur FACHMAGAZIN 48 Bildung für alle Die modernen Zubauten an den Mittelteil des Gartentraktes nehmen genau jene Kubatur ein wie im Originalensemble 1823. Durch massive Kriegsschäden war hier keine schützenswerte Altsubstanz mehr vorhanden. Architekt Gallister setzte an diese Stellen jene Funktionen, die in der nicht unterkellerten Gewölbestruktur des historischen Bestandes nur schwer zu realisieren wären: moderne Vortragssäle, Studios, Erschließungskerne, Haustechnikzentralen und dergleichen. Vorallem aber auch die beiden mehrgeschossigen Foyers in Stahl-Glas-Konstruktion, die sich zum eigentlichen Schatz des Campus hin öffnen – dem baumumrahmten zentralen Grünraum. Die dreigeschossige Ansicht des historischen Mitteltraktes hat eine einfache „Lochfassade“, allerdings wird diese, durch in den Fensteröffnungen an der Südseite angebrachte, vorstehende Sonnenblenden, zu einer aufregenden Licht- und Schattenspielfläche bei Tag. Hier zeigt sich, wie der als spröde bezeichnete Klassizismus des Johann Aman durch minimale Veränderungen zu einem fast metaphysischen Bild eines Giorgio de Chirico wird. Das Gesamtprojekt zeichnet sich auch dadurch aus, als Architekt Gallister eine enorme Liebe und Detaillierung in die architektonische Gestaltung investierte. Sowohl die restaurierten Bauteile – der Haupttrakt am Anton-von-Webern-Platz an der Bahnlinie – wie auch die neu errichteten Zubauten der Mensa, Bibliothek oder Filmakademie, sind einerseits gestalterisch schlüssig in das Ensemble eingebunden, andererseits haargenau auf die Bedürfnisse der Nutzer abgestimmt. Mit einfachsten Mitteln, zum Teil nur durch einfachen Rückbau der Substanz, schuf er Räume, welche dem Geist der ursprünglichen Architektur als auch der heutigen Zeit entsprechen. Finanzielle Mittel, die durch diese Vereinfachungen erspart werden konnten, investierte man in die Akustik der Säle und Klassenräume. So entstanden Räume, die sogar Stardirigenten wie Zubin Mehta zu einem ausdrücklichen Lob an den Architekten veranlassten. Das stetige „Wachsen“ der Uni und ihres Campus dauert nun schon fast 20 Jahre. In mehreren Realisierungsschritten wurde das 1823 errichtete Ensemble für seine neue Widmung konsequent umgestaltet. Das Ziel der bisherigen Baustufen war, die einstige großzügige Ordnung der Anlage wiederherzustellen und durch das Einfügen moderner Architektur funktionell, technisch und gestalterisch in die Gegenwart zu holen. Dieser spannungsvolle Gegensatz zwischen massiv gemauerten historischen Bauten und filigranen, vom Boden abgehobenen Stahlkonstruktionen erfährt bei der neuen Bibliothek nun einen gewissen Höhepunkt. Ein aus Glas und Stahl entworfener Zubau anstelle eines desolaten Ziegelanbaus vor dem ehemaligen Anatomiegebäude an der Nordseite des Campus ermöglicht eine funktionelle räumliche Organisation des erforderlichen Raumprogrammes einer zeitgemäßen Bibliothek Mit verschiebbaren Wand- und Deckenpaneelen hat man die Akustik in den Vortrags- und Konzertsälen in den Griff bekommen. Rechts unten: Der neue Lesesaal mit den alten Eisensäulen.


architektur_417_eMag
To see the actual publication please follow the link above