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8 architektur FACHMAGAZIN Start Architekturprovokateure Bei der letzten „Milan Design Week“ äußerte sich Architekt Rem Koolhaas zur gegenwärtigen Situation der Architektur und meinte, dass die Architektur die Kontrolle über die Gestaltung der Städte verloren habe. Nirgendwo sei diese Kluft größer als in Italien. Dieser Aussage kann man nur bedingt zustimmen: Sie (die Kluft) ist in fast allen westlichen Ländern und auch in den Ballungsgebieten Eine Gruppe von Architekten, die sich ganz real mit der Wirklichkeit und auch Unwirtlichkeit unserer Städte heutzutage auseinandersetzt, ist das britische Architektenkollektiv Assemble. Und es ist ein gutes Zeichen, dass das Architekturzentrum Wien unter der neuen Leitung von Angelika Fitz eine der ersten Veranstaltungen dieser Gruppe widmet. Die Ausstellung „Assemble. Wie wir bauen“ wird im AZW vom 01.06.2017 bis 11.09.2017 zu sehen sein. Als das Architektenkollektiv Assemble 2015 für den Turner Preis vorgeschlagen wurde, ging ein Aufschrei durch die Fachwelt. Warum ein Architekturbüro, wenn das doch einer der wichtigsten Kunstpreise sei? Das hat es noch nie gegeben! Wird Architektur auf einmal Kunst? Auch das Kollektiv reagierte auf die Nachricht der Preisverleihung eher zurückhaltend, nicht gerade erfreut, „not amused“ - typisch britisch. Denn die Auszeichnung sollte es für sein Projekt „Granby Four Streets“ erhalten, und dieses war ein Bürgerbeteiligungsprojekt in einem No-Go-Quartier in Liverpool. Hier findet eine seit 2012 andauernde Zusammenarbeit der Architekten mit einer Gruppe von Bewohnern statt. Diese Menschen hatten, nach jahrelangem Nichtstun der Stadt und einem (gezielten) Verfallenlassen der Häuser, selbst die Kontrolle über ihre Nachbarschaft in die Hand genommen. Sie „besetzten“ den Raum wieder durch eine kollektive Aktion und zahlreiche kreative Interventionen, die sich von ihren Häusern aus in den öffentlichen Raum hinein ausdehnten. Es ist bei vielen dieser Gestaltungen schwierig zu sagen, wo eine Urheberschaft beginnt oder endet – das ist in diesem Fall auch nicht wichtig – es ist eben ein fortlaufender Prozess. Hier werden die Kultur und die Krea- des Ostens gleich groß spür- und sichtbar. Text: Peter Reischer Fotos: Sam Nixon, Assemble + Will Shannon tivität in das Alltagsleben eingebettet. Und begonnen hat dieser Veränderungsprozess damit, dass Assemble die Ersten waren, die mit den betroffenen Bürgern wirklich gesprochen hatten und sich auch Zeit zum Zuhören nahmen.


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