Das 101 Hotel - nur ein weiteres Designhotel in der
immer anspruchsvoller gestalteten Hotelwelt? Außergewöhnlich ist auf jeden Fall der
Kontext: Das 101 sitzt im Herzen von Reykjavík, der nur 180.000 Einwohner zählenden
Hauptstadt Islands. Neben Mystik begegnet man hier impressiver Kunst und Architektur.
Island, das Land der Elfen und Trolle, der dunklen
Winter und der nicht enden wollenden Sonnensommertage. Die letzten 30 Jahre wurde Island
als Urlaubsziel immer populärer - zu Beginn als Destination für naturverbundene Wanderer
und Liebhaber der fünfgängigen Islandpferde. Aber spätestens seit Gründung der
Billigfluglinie „Icelandexpress“ avanciert Reykjavík zu einem beliebten
Städtekurzurlaubsziel. Und die isländische Hauptstadt ist viel internationaler als vermutet
werden kann: Die meisten Isländer studieren in den USA oder in Zentral-Europa, kehren nach
ihrer Ausbildung in die Heimat zurück, und bringen so internationales Flair an den einsamen
Standort im arktischen Meer.
Eine dieser Heimkehrerinnen, die Designerin Ingibjörg Pálmadóttir - Abgängerin der Parsons
School of Design in New York - vermisste in ihrer Stadt ein Hotel mit den Schwerpunkten
Design und Kunst. Deswegen beschloss sie 2001, ihr eigenes Kunsthotel zu gründen, mit dem
Namen 101 als Referenz zum Standort in 101 Reykjavík.
Um über einen zentralen Standort in dem dicht bebauten Stadtkern verfügen zu können, wurde
die Entscheidung getroffen, ein bestehendes modernistisches Gebäude des isländischen
Architekten Thorir Baldvinsson aus den 1930er-Jahren zu transformieren. Als das Gebäude vor
mehr als 70 Jahren erbaut wurde, galt es als erstes „Hochhaus“ der damals noch flach
bebauten Hauptstadt.
Das Konzept des 101 beruht neben dem Design der Einrichtung auch auf einer permanenten
Kunstausstellung, die dem internationalen Gast regionale Kunst näher bringen soll. Die
isländische Landschaft hat schon viele Künstler inspiriert, und genauso erging es der
Designerin bei der Planung des 101. Das Farbkonzept basiert grundsätzlich auf schwarzen,
weißen und grauen Farbtönen, was als Zitat der Lava-Landschaften zu verstehen ist.
Materiell wurde die Farbwahl in schwarzem Granit, dunklem Glas und gebleichten Eichendielen
umgesetzt. Die meisten Möbelstücke sind von der Bauherrin/Designerin speziell für das
Hotel entwickelt, wobei die Ausstattung von skandinavischen Designklassikern ergänzt wird.
So findet man im Restaurant den „tulip chair“ von Eero Saarinen, die Lobby wird von dem
fantastischen „cone chair“ von Verner Panton geschmückt, und die Appartements sind mit dem
Armsessel „Karuselli“ von Yrjjö Kukkapuro ausgestattet.
Das 38 Zimmer umfassende Hotel ist sehr logisch in der
Raumabfolge komponiert: Die auf Straßenniveau liegenden Räumlichkeiten sind nicht nur
Hausgästen zugänglich und werden an Wochenenden gerne von der isländischen Partyszene
bevölkert. Im Erdgeschoß befindet sich die Lobby und ein ausgesprochen einladender
Lounge-Bereich mit großzügigen Fauteuils und originellen „Baumstumpf“ Stühlen.
Internationale Kunst-, Architektur- und Modezeitschriften liegen akribisch geordnet auf
und laden zum Lesen vor dem offenen Kamin ein. Vom Loung-Bereich gelangt man weiter zum
Restaurant mit Bar-Bereich. Hier fällt der Blick zuerst auf eine Wand, die durch ihre
Ausbuchtungen ein Kunstwerk in sich ist und deren „Bäuchlein“ im Außenbereich fortgesetzt
werden. Beim hochkarätig kulinarischen Genuss kann man zudem die auf Island ständig
wechselnden Wetterspiele durch das Glasdach beobachten.
Auch die großzügige Bar entspricht nicht herkömmlichen Anordnungen, wo man Getränke,
Gläser und Bar-Personal als Gegenüber hat: Hier können beide Seiten der Bar benutzt werden -
so wird ein entspanntes Sitzen und der direkte Blick in die Augen des Gesprächspartners
ermöglicht. Hat man genug von isländischem wie internationalem Kulinarischen, bietet das
101 Hotel einen Fitnessbereich mit Whirlpool und Dampfsauna im Untergeschoß und auf Wunsch
auch Massagen auf den Zimmern.
Die den Hotelgästen vorbehaltenen Räume wurden einer streng anmutenden Designlinie
unterworfen. Dominante schwarze Wandverkleidungen werden lediglich von Biedermeier-artigen
Badewannen aufgelockert - alle anderen Zusatzmöbel wie Servierwagen, Lampen und Schatullen
basieren auf minimalistischen Formen.
Dass ein spezielles Hotel auch immer einen ebensolchen Kontext braucht bestätigt die
Statistik der Superlative: Island ist der am dünnsten besiedelte Staat Europas; die Insel
hatte das erste vom Volk demokratisch gewählte, weibliche Staatsoberhaupt; Isländer haben
die höchste Wochenarbeitszeit Europas; hier wurde die weltweit erste Wasserstoff-Tankstelle
eröffnet; und es gibt auf der nordischen Insel die meisten Opern- und Theaterbesuche pro
Kopf weltweit.
Zwischenzeitlich hat die Kunstliebhaberin und Sammlerin Ingibjörg Pálmadóttir ihre Stadt um
einen weiteren kulturellen Hotspot bereichert: 2004 wurde nur fünf Gehminuten vom 101 Hotel
entfernt die Galerie 101 eröffnet, in der außergewöhnliche wie eigenwillige skandinavische
Künstler vorgestellt werden. Bislang geben der agilen Dame nicht nur die Besucher des
Hotels und der Galerie Recht, sondern auch die „Condé Nast Traveller hot list for the 50
coolest new hotels“. Das 101 steht auf der Liste - so ist die spröde schöne Insel wieder
ein Stückchen nachgerückt in der Rangfolge der besuchenswerten Urlaubsziele - nicht nur für
Naturverbundene.