Wasser + 40 Grad Minus + Kreativität + Rentierfelle = Icehotel
Im schwedischen Teil Lapplands, 200 km nördlich des
Polarkreises, befindet sich das Dorf Jukkasjärvi. Mehr als ein halbes Jahrtausend hatte
dieser Ort die Funktion eines samischen Sammelplatzes und ist seit nunmehr 14 Jahren durch
das „Icehotel“ bekannt.
Die Geschichte des außergewöhnlichen Hotels nahm 1989
seinen Anfang, als eine Gruppe japanischer Eiskünstler eine aufsehenerregende
Eiskunstausstellung initiierte. Kurz darauf veranstaltete der französische Künstler Jannot
Derid eine Vernissage an dem bis dahin nur als unwirtlich bekannten Ort am Ende der Welt.
Hunderte Besucher bestaunten die über 60 m2 große Kunstgalerie, die den Namen Arctic Hall
erhielt. Im Rahmen dieser Ausstellung übernachteten einige Gäste in Schlafsäcken auf
Rentierfellen im Ausstellungs-Iglu und erzählten am nächsten Morgen begeistert von der
ungewöhnlichen Nacht im Eis. Somit war die Idee Icehotel geboren!
Anfangs präsentierte sich das exotische Hotel mit nur einem Zimmer sehr bescheiden,
mittlerweile hat es sich zu einem 500 m2 großen Gebäude entwickelt, das aus 30.000 Tonnen
Schnee und 4.000 Tonnen Eis erbaut wird. Die Form und Konzeption des Hotels ändert sich von
Jahr zu Jahr und ist somit mehr mit der Einzigartigkeit einer Schneeflocke als mit einem
Hotel zu vergleichen. Ende Oktober jeden Jahres machen sich dreißig bis fünfzig Künstler
und Bauarbeiter an die Arbeit. Anfang Dezember ist das Hauptgebäude fast fertig und es kann
mit den Einrichtungsarbeiten begonnen werden, die nochmals 4 Wochen in Anspruch nehmen. Die
Arbeitsbedingungen in den Innenbereichen sind für die Eiskünstler sehr angenehm: Im
Vergleich zu den bis zu Minus 40 Grad Celsius ist die Raumtemperatur mit 5 Grad Minus
äußerst behaglich.
Jedes Jahr werden schwedische und internationale Gastkünstler eingeladen, denen die
individuelle Gestaltung bestimmter Räume übertragen wird.
So wird meist bis spät abends an Eisskulpturen, Fenstern, Türen, Säulen, Möbeln, Lampen und
ausgefallenem Raumdekor gearbeitet. Die unterschiedlichen Stile der Künstler ergeben in der
kühl abstrakten Umgebung des in vielen Farbnuancen präsenten Eises eine Raumatmosphäre, die
von Mystik und Magie erfüllt ist. Man möchte glauben, dass dieses Ambiente nur von wenigen
Besuchern genützt wird, doch dem widerspricht die Statistik: In der Wintersaison 2003/2004
übernachteten ca. 14.000 Gäste im Icehotel, und 45.000 neugierige Tagesbesucher flanierten
durch das Wintermärchenland.
Haben sie nun beim Lesen mit dem Gedanken zu spielen begonnen, das kühle Hotel im Norden zu
besuchen, aber sie fürchten, dass ihnen die Kälte tagelang nicht aus den Knochen weichen
wird? Keine Sorge: Begleitend zum Icehotel gibt es auch ein „warmes“ Chalet und Restaurant,
ganzjährig geöffnet, sowie ein beheiztes Waschhaus mit Umkleidemöglichkeiten - alles in
herkömmlichen Materialien gebaut.
Die Hotelräumlichkeiten selbst setzen sich aus 60
Zimmern, Rezeption, Säulenhalle, Eiskunstausstellung und der „Absolut Icebar“ zusammen. In
dieser Bar kann man einen Drink „on the rocks“ genießen, der nicht in herkömmlichen Gläsern
serviert wird, sondern in Gefäßen, die aus Eis gedrechselt wurden. Um nicht nur profanen
Gelüsten zu entsprechen ist auch eine Eiskirche Bestandteil des Komplexes.
In diesem kühlen heiligen Refugium werden neben Gottesdiensten auch Hochzeiten und Taufen
veranstaltet. Und man möchte es kaum glauben, aber auch dem theaterinteressierten
Kulturtouristen ist Eisarchitektur gewidmet worden. Im Winter 2003 wurde eine Kopie des
legendären an der Themse in London gelegenen „The Globe“ gebaut. Somit erhielt das
Shakespeare Theater sein Pendant im Norden, namentlich das „Ice Globe Theatre“, in dem
selbstredend MacBeth auf dem Spielplan steht. Doch all diese Herrlichkeiten finden jedes
Jahr ein natürliches Ende. Je nach Laune des Wettergottes beginnt sich das Eishotel
zwischen April und Mai in ein Wasserhotel zu verwandeln. Um den Start in die nächste Saison
zu erleichtern und vor allem zu beschleunigen, werden außerdem Tonnen von Eis im Icehotel
Art Center eingelagert, einem Gefrierhaus das eine Fläche von 1.500 m2 umfasst. Hier werden
auch einige Skulpturen vor dem Schmelztod gerettet. Der Rest der kühlen Hotelschönheit
fließt in den Torneälv zurück, und die Eiskünstler dürfen im nächsten Winter mit neuen
Inspirationen ihrem gestalterischen Schaffen freien Lauf lassen.