Greulich Hotel, Restaurant, Bar - der Name für reformerische Kraft
Nobles Design verbindet man selten mit Grauen und
Gräulichkeiten. Will man in Zürich in der ersten Adresse der Stadt wohnen oder speisen,
kommt man am „Greulich“ nicht vorbei!
Warum, fragt man sich, wählte der Anwalt Thomas B.
Brunner diesen Namen, als er seine Idee, erst ein Restaurant und dann ein Hotel zu eröffnen,
verwirklichte? Wohl nicht, weil er einfallslos den Namen der Straße übernahm, wohl eher weil
er wie der Schweizer Sozialreformer Hermann Greulich (*) an die reformerische Kraft seines
Projektes glaubte.
Mit dem Zürcher Architektenduo Romero & Schaefle und dem Landschaftsarchitekten Günther Vogt
wählte Brunner kreative Partner, die seine Ideen ausformulierten.
Städte verändern im Laufe der Zeit ihr Erscheinungsbild, sie wachsen oder schrumpfen,
erstrahlen in neuem Glanz oder verfallen, Stadtteile kommen hinzu oder verändern ihre
Funktionen und Nutzungen. Im Fall Zürich und speziell im Kreis 4 von Zürich, dem Stadtteil
Aussersihk, trifft Letzteres zu.
Das ehemalige Arbeiterquartier, das bis vor wenigen Jahren noch als „Glasscherbenmilieu“
galt und von weniger wohlhabenden Leuten bewohnt wurde, entpuppt sich heute beinahe schon
als „Showroom der Kreativen“. Hier lebt und arbeitet nun die avantgardistische Kulturszene
und verändert nicht nur durch die eigene Präsenz das Stadtbild der gewachsenen Struktur.
Mitten in diesem Arbeiterwohnviertel stößt man auf „das Greulich“ - auf zwei Eckflügel
eines Mietshausblocks mit begrüntem Innenhof und ehemaliger Werkhalle, die sowohl in ihrer
Erscheinung als auch vom Inhalt her als Ort der Sinnlichkeit angesehen werden können. Ein
Gourmet-Restaurant mit exquisiter katalanischer Küche, vier kleine Designshops,
Künstlerateliers, Appartements und ein edles Designer-Hotel bilden zusammen eine Einheit
von Eleganz und Luxus.
Straßenseitig fügt sich der Neubau mit seiner doppelt
geschwungenen, blauen Fassade und dem kupfer-bronzefarbenem Schriftzug in schmalen Lettern
wie selbstverständlich in die Umgebung der 1930er-Jahre ein. Der Aufbau ist klar: Ein
leichtes, mit einer Glasfront aufgelöstes Erdgeschoß beherbergt die Bar, das Restaurant und
die vier Boutiquen, die drei darüber liegenden Stockwerke weisen große, regelmäßige
Fensterflächen auf, und im fünften Geschoß thront ein Penthaus.
Im Inneren breitet sich das öffentliche Greulich jedoch nur über das Erdgeschoß aus.
Restaurant, Bar, Cigar Lounge, Terrasse und Hotel streben auf den mit einem Birkenhain
begrünten Innenhof zu.
Über ein seperates Stiegenhaus erschließt man die Business-Appartements, die mit
Designer-Möbeln bestückt sind, und Ateliers in den Obergeschoßen.
Alle öffentlichen Räume prägt der warme Ton des Zedernholzes, der bei flächigen
Wandelementen ebenso wie bei filigranen Holzlamellen zum Einsatz kommt. In der Bar wird der
gemütliche Eindruck durch den dunkelgrauen Terrazzoboden, die dunkelroten Wände und die
spannende Lichtführung verstärkt.
Edle Materialien finden sich auch im Restaurant. Der Gast ist eingeladen, auf einem der 50
Plätze, entweder auf den dunklen, schlichten Stühlen oder den dunkelbraunen Lederbänken in
den Nischen, Platz zu nehmen.
Die weißen Tischtücher heben sich blitzblank vom rötlichen Zedernholzparkett, den
Rückwänden der Sitzgruppen und den Jalousien ab. Die Deckenleuchten aus Kristall und
Kupfer sind verspielt, jedoch dennoch zurückhaltend mit vergoldeten Birkenblättern verziert.
Minimalistische Strenge eröffnet sich in der zum Restaurant gehörigen, mit Zedernholz
vertäfelten „Saletta“. Große Fenster geben hier den Blick frei auf den Innenhof.
Einen Rückzugsort bilden die Bar und Cigar Lounge mit schwarzen Lederbänken und Lacktischen,
die zeitlos schön gestaltet wurden. Nicht durch die rosarote Brille, aber durch eine
rosarote Glaswand kann man von hier die Außenwelt beobachten.
Das Hotel unterscheidet sich in seiner Materialität stark von den öffentlichen Bereichen
Bar und Restaurant. Hier überwiegen helle Einrichtungsgegenstände, klare Formen und sanfte
Farbgebungen.
Die 10 Gartenzimmer und 8 Junior-Suiten liegen einander gegenüber und sind durch ein
Glasdach überdeckt.
Dieser Aufbau ist eine Reminiszenz auf die ehemalige Werkhalle, die hier platziert war.
Das Bad schließt, mit doppelt mit Flies hinterlegten Milchglasscheiben, die Zimmer oder
Suiten vom Innenhof ab. Dennoch bleibt stets der Bezug zum japanisch anmutenden Innenhof
erhalten, das sanfte Rauschen der Blätter der 160 Bäumchen im Wind ist immer präsent. Die
weißen Baumstämme korrespondieren mit dem weißen Kies am Boden und heben sich ab von der
anthrazitfarbenen Mauer im Hintergrund. Ein lang gestrecktes Brunnenbecken bringt das
Element Wasser in die Stadt.
Die Architektur und Ausstattung des Greulich
beinhaltet die Idee, Neues und Innovatives auszudrücken ohne die Tradition zu negieren. Nun,
wo die Architektur bereits gebaut ist und das Konzept wunderbar aufgegangen ist, führt der
„Erfinder und Schöpfer“ des Greulich, Thomas B. Brunner, diese Idee mit anderen Aktivitäten
weiter fort.
Neben Kulturgesprächen und literarischen Abenden wird 2005 zum ersten Mal ein hoch
dotierter Preis an Kulturjournalisten vergeben.
Ein Ereignis der besonderen Art soll spezielle
Erwähnung finden: Das Projekt „Fremde Zimmer“.
Im vergangenen Semester wurde das Zürcher Designhotel
Schauplatz für die Entwicklung neuer Produkte für Hotels, die nicht mehr als 99 Franken
kosten sollten. 18 Design-Studenten des Abschlussjahrgangs der Fachhochschule für
Gestaltung und Kunst (HGKZ) in Zürich hatten die Gelegenheit, eine Nacht im Greulich zu
verbringen, um sich vom Hotel für ihr Projekt inspirieren zu lassen. In fünf Wochen
Projektarbeit sollten innovative Objekte entwickelt werden, die sich entweder in den Stil
des Hotels einfügen oder absichtlich in aller Deutlichkeit davon abheben. Dabei sollte vor
allem mit Ironie und Humor als gestalterische Mittel gearbeitet werden. Im Februar wurden
schließlich die Arbeiten, die als Prototypen bereits in zehnfacher Ausführung gebaut werden
mussten, in der Lobby Lounge des Hotels ausgestellt. Sowohl die Präsentationsform als auch
die Ausstellungskonzeption sollten ebenfalls von den Studenten gelöst werden. Betreut wurde
das Projekt von den beiden erfahrenen Designern Susanne Marti und Robert Wettstein.
Die Ergebnisse sind vielfältig - eine Schlafbrille,
ein Kerzenhalter, eine Multifunktionsschachtel, die alles aus dem Sichtfeld verschwinden
lässt, ein Birkenbad, eine Fitnessrolle zum Trainieren der Bauchmuskulatur, eine
Zufallsserviette... den Ideen waren keine Grenzen gesetzt, die Ausführungen sind witzig und
engagiert.
So hat das Greulich wieder einmal dazu beigetragen,
dass Blicke geöffnet und Horizonte geweitet werden.