Authentischer Minimalismus, oder: Was bedeutet
Tradition im Tourismus, und fühlen sich nur an einem Überschuss an Kultur leidende
Urbanisten in minimalistischen Hotelräumen wohl? Möglicherweise kann ein Pensionsbetreiber
aus Sillian diese Fragen beantworten, denn er hat eine architektonische Perle realisiert.
Sillian ist eine 2.082 Einwohner zählende Gemeinde,
die durch ihre geografische Lage anziehend und attraktiv ist. Einerseits passieren viele
Motorradbegeisterte auf ihrem Weg in die nahe gelegenen Südtiroler Dolomiten den Ort.
Andererseits pilgern jährlich unzählige Städter, Sommer wie Winter, nach Sillian, um
unterschiedlichsten sportlichen Aktivitäten nachzugehen. Trotz seiner idyllischen
Ausstrahlung ist Sillian jedoch keineswegs ein verschlafenes Dorf - zeitgemäß präsentiert
man sich im Internet, und selbst die Gemeindenachrichten namens „Einblick“ sind neben der
Papierausgabe auch als Internetzeitung erhältlich.
Die vormals Privatzimmer vermietende Pension Perfler ist ein Mosaikstein im virtuell
fortschrittlich erscheinenden Sillian und zeigt sich seit Herbst 2004 in neuen Kleidern.
Durch motivierende Worte von Gästeseite sahen sich die Betreiber erstmals 2002 angespornt,
ihr Haus zu verändern. Vorerst beschränkten sich mögliche Bauvorhaben allerdings auf die
Errichtung eines Wintergartens und Renovierungsarbeiten im kleinen Maßstab. Doch wie schon
so oft brachte die Bereitschaft kleiner Veränderungen an der Bausubstanz plötzlich einen
architektonischen Stein ins Rollen: Die Betreiber der Pension kamen zu der Einsicht, dass
sie unbedingt einen Architekten brauchen. Nach einigem Umhören und vor allem Umschauen war
der zukünftige Planer in Peter Jungmann auch gefunden. Zwei Jahre lang tüftelte der
Architekt mit seinen Auftraggebern an einem Projekt, das eine moderne und außergewöhnliche
Formensprache rezitieren sollte. Und im März 2004 war es dann so weit: in 2 kurzen
Bauphasen wurde die ursprüngliche Pension Perfler um ein sonnendurchflutetes, freundliches
und vor allem holzdominiertes Haus ergänzt. Das alte Haus erhielt eine Erweiterung, die mit
Schlichtheit und für dieses Bauvorhaben perfekter Materialwahl besticht. Das „Basishaus“,
eine klassische Einfamilienhausbebauung aus den Nachkriegsjahren, unterzog man einer
zeitgenössischen Überarbeitung, und die nur 235 cm hohen Räume sind nun neu strukturiert
und teilweise aufgebrochen.
Obwohl die beiden Häuser sich äußerlich unterschiedlich präsentieren,
steht doch ein zarter Vermittler zwischen ihnen: Eine dem kulinarischen Genuss gewidmete
Terrasse lädt ein, dem „dolce vita“ zu frönen, während feine weiße Stoffbahnen allzu
aggressive Sonnenstrahlen fernhalten. Direkt unter dieser Terrasse befindet sich übrigens
eine großzügige Erholungszone, die sich aus Sauna (finnische, Kräuter- und Dampfsauna) und
Ruheraum zusammensetzt. Architektonisch ist das Kellergeschoß nicht nur eine
Stahlbetonwanne sondern auch eine Wonne: der Natursteinboden lädt zum barfüßigen
Herumlaufen ein, und die Sichtbetonwände geben dem Raum die zum Ausruhen notwendige ruhige
und schwere Atmosphäre. Von gruseliger Düsterheit kann allerdings nicht die Rede sein, denn
harmonische künstliche Belichtung und inszenierter natürlicher Lichteinfall durch die
Glasfassade zaubern seidigen silbrigen Glanz und lassen keinesfalls dunkle
Keller-Assoziationen aufkommen.
Lichtdurchflutet präsentieren sich auch die im
Erdgeschoß sitzenden 8 neuen Zimmer: die Möblierung ist eine reduzierte und gewitzte.
Anstatt Möbel „nur“ in den Raum zu stellen, fungieren sie neben ihrer Funktion als Stauraum
auch als Raumteiler und machen die Zimmer dadurch vielseitiger in ihrer Nutzung. Auch hier
ist Licht ein wichtiges Thema: Einerseits bringen die Lärchenholzmöbel Wärme in die
Räumlichkeiten, und gleichzeitig erscheinen die Räume höher als sie in der Realität sind,
da Glasoberlichten dem Raum mehr Tiefe geben und Licht in den Raum fließen lassen.
Es scheint, als ob japanisch anmutende Baukörper den
Einzug in alpine Gefilde halten, und man kann sich darüber nur freuen. Der Gast kann in
Räumen wie diesen atmen, die großzügige Verglasung lässt die überwältigende Berglandschaft
beinahe bis ins Badezimmer.
Obwohl die Gäste das neue Haus höchstwahrscheinlich
begeistert aufnehmen werden, sind die Ortsansässigen doch noch skeptisch. Vielleicht kann
man diese Vorbehalte mit dem Standpunkt des Architekten Jungmann zerstreuen. Er sieht das
Verwenden lokaler Materialien als Ausdruck von Regionalität und nicht unbedingt die Form
eines Gebäudes. Neues muss gerne gesehen sein, ansonsten kommt es zum Stillstand.