Der Begriff „Mole“ erweckt bei uns Binnenländern
Assoziationen an Urlaub am Meer und lässt an Schiffe und Häfen denken. Laut Definition ist
eine Mole eine als Wellenbrecher und/oder auf der Leeseite als Anlegestelle für Boote und
Schiffe dienende, meistens mit dem Meeresgrund verbundene Stein- oder Holzkonstruktion.
Denkt man jedoch an die Mole in Neusiedl am See, so verbindet man mit diesem Ausdruck eine
Freibar, ein Restaurant, einen Yachthafen und Gefühle von Entspannung, gutem Essen, einem
harmonischen Ambiente, und Geselligkeit werden wach.
Der als Weltkulturerbe deklarierte Neusiedlersee, der
mit 250 bis 300 km2 (davon ca. 170 km2 schilffreier Wasserfläche) größte See Österreichs,
lockt die Wassersportler in Scharen an. Neben Windsurfern, Bootfahrern, Eisläufern und
Eisseglern finden sich Segelbegeisterte und Badenixen ein, um sich sportlich zu betätigen.
Infrastrukturelle Einrichtungen für und rund um diese Betätigungen dürfen sowohl für die
Bewohner der Gemeinde als auch für die „Zugereisten“ natürlich nicht fehlen. Neben dem
Strandbad von Podersdorf zählte die 1926 eröffnete Seebadeanlage in Neusiedl am See zu der
ersten Fremdenverkehrseinrichtung am burgenländischen Neusiedler See. Letztgenanntes Bad
galt als stark frequentiertes Ausflugsziel vor allem von der Wiener Bevölkerung, führte
doch eine an das öffentliche Eisenbahnnetz angeschlossene Kleinbahn auf direktem Wege zum
Wasser, das sich auch das Meer der Wiener nennt. Die damalige Anlage hatte von ihrer
architektonischen Gestaltung große Ähnlichkeiten zu den zeitgleich errichteten
Badeanstalten in Wien, wie zum Beispiel dem Wiener Kongressbad. Als Holzpfahlbau errichtet
erstreckte sich die Badeanlage auf mehreren Plattformen. Zwei unabhängige
Restaurationsbetriebe waren der Anlage zugeordnet. Der aufkommende Massentourismus führte
1951 zum Abbruch der Anlage und zur Aufschüttung des Areals. In fragwürdiger Formensprache
wurde ein neues Seebad errichtet, dem nur ein als Provisorium errichtetes, schilfgedecktes
Restaurant zugeordnet war.
Endlich, seit 2004, findet man in der „Mole West“ am betonierten Ende der Seepromenade
einen Yachthafen, eine Außenterrasse mit Bar und eine geschlossene Restauration in einem
Ensemble, das alle „Stückerl“ spielt,
vereint. Auch das Seebad wird dadurch mit neuem Leben erfüllt. Die Architekturbüros
Halbritter u. Halbritter ZT GmbH, Neusiedl am See und Halbritter & Hillerbrand ZT GmbH aus
Wien zeichnen für dieses Projekt verantwortlich.
Der Architekt Herbert Halbritter setzte sich bereits 1985 intensiv mit der Aufgabe
„Restaurant im Strandbad Neusiedl am See“ auseinander, verfasste er doch seine Diplomarbeit
an der TU-Wien über eben dieses Thema. Als mittlerweile erfahrener Architekt konnte er nun,
beinahe 20 Jahre später, seine Gedanken und Ideen wieder aufgreifen und in zeitgemäßer
Formensprache in Zusammenarbeit mit seinem Bruder Hans Peter Halbritter, seiner Kollegin
Heidemarie Hillerbrand und seinen Mitarbeitern realisieren.
Innerhalb eines Jahres wurde die räumliche Lösung eines Baukörpers mit zwei Zonen, dem
transparenten für Besucher offenen Bereich und dem geschlossenen Versorgungsbereich (Küche,
Büro, Wirtschaftshof, Lager), umgesetzt.
Der Yachthafen ist mit allen Infrastruktureinrichtungen (Stromanschlüsse, SAT/TV-Anschlüsse
sowie Duschmöglichkeiten), die ein langfristiges Vorankerliegen ermöglichen, ausgestattet.
Die „Mole West“ ist über den Landweg, aber auch über großzügig angelegte Bootsanlegeplätze
zu erreichen. Die gesamte Anlage wurde gegen Süden ausgerichtet, sodass von dem großzügig
verglasten Innenraum und der anschließenden Terrasse ein optimaler Ausblick unter
Berücksichtigung der Himmelsrichtungen gewährleistet wird.
Die dunkelgraue Blechfassade aus vorbewittertem Zinkblech gleicht sich an die Farbe des
Sees an und harmoniert mit den im Hafen liegenden Booten ebenso wie mit den verwendeten
Holz- und Membrankonstruktionen.
Die Terrasse ist über breite Stufen mit der dreiseitig umlaufenden Steganlage des
vorgelagerten Yachthafens verbunden. Seeseitig ist die Steganlage geschlossen, um die
Wellen vom Yachthafen abzuhalten und im Winter einen Schutz gegen einen möglichen Eisstoß
zu gewährleisten. Die auf Holzpfählen errichteten Freiflächen aus druckimprägniertem
Lärchenholz sind großzügig angelegt und bieten die Möglichkeit, weit in den See hinaus zu
gehen. Als Beschattungselement für die Terrasse wurde eine Membrankonstruktion gewählt, die
der Form des Gebäudes folgt. Die Deckenuntersicht der Terrasse bildet eine bedruckte
Folienspanndecke.
Durch eine enge Zusammenarbeit mit Firmen aus dem Schiffbau, so zum Beispiel mit einer
Segelmacherei, konnten innovative Lösungen für die Umsetzung gefunden werden. Im Inneren
wird die bedruckte Foliendecke als verbindendes Element fortgesetzt.
Teakholz, dunkelgraues Eternit und Leder sind die bestimmenden Materialien des Innenraums,
für den die Architektin Heidemarie Hillerbrand verantwortlich zeichnet.
Als raumgliederndes Element gibt es einen leichten Vorhang. Der Boden ist aus geölten
Teakholzstäben, die Wände sind teilweise mit furnierten Teakholzpaneelen verkleidet.
Teakholz ist aufgrund seiner guten Eigenschaften im Zusammenhang mit Wasser ein im
Schiffsbau gebräuchliches, wenn auch teures, Holzmaterial. Die Möblierung im Barbereich,
also die Bar selbst, die Barhocker und Stehpulte sind nach Entwürfen der Architekten
gefertigt worden.
Auch auf das Beleuchtungskonzept wurde viel Wert gelegt. So wird die orangene Plane von
unten angestrahlt und reflektiert ein sehr warmes Licht. Der Wandel der Tages- und
Jahreszeiten kann im Innen- wie im Außenbereich als Schauspiel erlebt werden - die Mole
West liefert dafür die geeignete Bühne, auf der die Handlung des Essens und Trinkens von
den Gästen als Hauptdarstellern gespielt wird. Diese zur Gänze vom Wasser des Sees umspülte
Oase besticht nicht nur durch die Ruhe des Sees und die herrliche Aussicht, sondern vor
allem durch die sich unaufdringlich in die Landschaft einfügende Form des Bauwerkes und
durch die Wahl der Materialien. Die Erwartungshaltung der Betreiber wurde mehr als erfüllt,
und sowohl dem Naturschutz, dem Wasserschutz und dem Landschaftsschutz konnte Genüge getan
werden. Damit war die Unterstützung des Neusiedler Gemeinderates, trotz so mancher
städtebaulicher Bedenken, gesichert, und heute - nach einjährigem Bestand - offenbart sich
das Bauwerk als absoluter Gewinn - nicht nur aus architektonischer Sicht.