Das unter Denkmalschutz stehende Haus in der
Schöneberger Straße im Herzen Berlins ist ein Fixpunkt der deutschen Industriegeschichte:
Hier gründete Werner von Siemens, ein Pionier der damals noch jungen Elektrotechnik, 1847
den künftigen Weltkonzern Siemens. Das Siemens-Gebäude zeichnet sich durch seinen für
Berlin typischen und in verschiedenen Bauetappen entstandenen Grundriss mit aufeinander
folgenden und miteinander verbundenen Höfen aus. Als das Gebäude den Anforderungen an den
Firmensitz des internationalen Konzerns nicht mehr genügte, zog das Finanzamt der Stadt
Berlin dort ein. Heute beherbergt das Gebäude, nach aufwändiger Restaurierung und
Modernisierung, ein exklusives 4-Sterne Hotel der Mövenpick-Gruppe mit 243 Zimmern, das im
März 2004 eröffnet wurde.
Mit dem Hotel-Projekt wurden nach einem geladenen
Wettbewerb die beiden Schweizer Architekten und Designer Pia M. Schmid und Karsten
Schmidt-Hoensdorf beauftragt. Dazu die Architekten: “Bei unserer ersten Begehung in Berlin
war uns das Gebäude auf Anhieb sympathisch. Obwohl es in der letzten Nutzung als Finanzamt
recht heruntergekommen war, strahlte es Charisma und Poesie aus. Die hohen Qualitäten des
Baus zu erhalten und durch ein kräftiges aber subtiles Design zu ergänzen, war eines
unserer Ziele. Unser Entwurf baute immer darauf auf, die Industriegeschichte des Baus zu
zeigen: Durch Materialien wie Glasbausteine, Gussasphalt, weiß gestrichene statt tapezierte
Wände, Finnforestplatten als Zimmermöbelmaterial (Zimmerschrankanlagen), Glasisolatoren in
der Bar etc. Dies aber zu kontrastieren durch Üppigkeit in Farb- und Materialwahl bei
Textilien, Olivenholz als Möbelmaterial (Betthäupter, Nachttische, Schreibtische etc). Auf
diese Weise erzeugen wir Spannung und lassen den Gast aber auch ein warmes und
optimistisches Willkommen spüren.”
Und mit diesen Vorsätzen schafften die Architekten die
Verknüpfung der historischen Hülle mit einem modernen Innenleben und erzielen dabei die
gewünschten einzigartigen Kontraste und Spannungen. Die außergewöhnliche Innenarchitektur
wird durch ein Feuerwerk an Farben, Formen und Materialien unterstützt. Durch den gezielten
Einsatz von Materialien, wie etwa Glasbausteine oder Gussasphalt, wird der
Industrie-Charakter des Gebäudes erhalten und mit edlen Stoffen und Hölzern kombiniert.
Der ankommende Gast kann bereits am Vordach, der weitläufigen Vorfahrt sowie an den drei
großen Torbögen der historischen Fassade die Großzügigkeit erkennen, die sich durch das
ganze Gebäude zieht. Ein in unterschiedlichen Rottönen erstrahlendes Gewölbe führt zur
großvolumigen Rezeption, wo frische Farben mit der Eleganz von Gussasphalt kontrastieren.
Hinterleuchtetes, satiniertes Plexiglas trennt das Backoffice von der Rezeption und dient
genau so wie die so genannten Feuerstellen in der Wand als Ersatz für herkömmliche
Leuchtkörper.
Eine architektonische Besonderheit sind die Innenhöfe,
die durch einen Steg verbunden und allesamt kleine Oasen inmitten der Großstadt sind. Der
“Gastronomiehof” mit seinem Bodenmosaik aus Keramik, einer Wasserwand und der einsehbaren
Küche erzeugt mediterrane Stimmung. Nach oben ist dieser Innenhof mit einem gläsernen Dach
versehen, das sich in der warmen Jahreszeit zur Hälfte öffnen lässt. Durch verschiebbare
Stoffbahnen, die von der Decke hängen, ist zudem eine textile Raumtrennung in kleinere
Segmente möglich.
Der “Hof der Stille” ist auf Steinplatten zwischen
schwarzem Kies begehbar. In den Boden eingelassen sind Oberlichter, die so genannten
“Wasserlinsen”, die den Bezug zu der darunter liegenden Ebene herstellten, wo der Wellness-
und einer der Veranstaltungsbereiche liegen. Der Steg führt weiter zum Counter der
Banketträumlichkeiten, deren organischer Spannteppich einen fließenden Übergang vom
schwarzen Kies im “Hof der Stille” bildet. Im angrenzenden “Hof der Wildnis”, versehen mit
einer indigoblauen Wand, Kletterpflanzen, Lichtskulpturen und Sitzgelegenheiten zum
Entspannen, endet der Steg.
Neben den markanten Innenhöfen spielt im Erdgeschoß
die Bar gleich neben dem Hoteleingang, die so genannte “Anhaltebar”, eine zentrale Rolle.
Für die Gestaltung der großzügig angelegten Szene-Bar mit Live-Musik und Videoprojektionen,
wurden beim gegenüberliegenden Anhalter Bahnhof, dem ehemals wichtigsten Kopfbahnhof Berlins,
Anleihen genommen. Gläserne, beleuchtete Isolatoren von Hochspannungsmasten aus Frankreich
stützen die Thekenblätter der Bar, die einem Mobile einer Libelle oder eines Schmetterlings
gleicht und durch die farbige Glasmischung Durchblicke gewährt.
Von ganz spezieller Wirkung ist auch die “Swiss Factory”, deren historischen Eingang ein
altes Siemens-Emblem schmückt. Dieser Bereich fungiert als Snack Bar, Shop und Take Away
und bietet eine große Auswahl an frisch zubreiteten Produkten. Für den Fabrikcharakter sorgt
hier die alte Ziegelwand mit großen Tafeln zum Beschriften.
Für die angrenzende “Wine Factory” wurden Möbel aus der alten Siemens-Bibliothek mit
Neuzeit-Elementen auf die Räumlichkeiten angepasst. Fließende Stoffe in warmen Farben,
ähnlich wie Fallschirmseide in Kupfertönen, kontrastieren den Industriecharme von
Gussasphalt und Nussbaum. Vorbei am gläsernen Panoramalift gelangt der Gast über eine
Treppe in das Untergeschoß zu einem weiteren Konferenzbereich. Durch die “Wasserlinsen” in
der Decke sieht man dort aber den Himmel über Berlin, wodurch ein eventuelles
“Keller-Gefühl” raffiniert überspielt wird. Drei große Konferenzräume, zwei davon
miteinander verbindbar, geben den Blick in eine kleine Gartenanlage mit ockerfarbenen
Natursteinplatten frei. Im ebenfalls im Untergeschoß liegenden Wellness- und Fitnessbereich,
mit Sauna sowie modernsten Kardio- und Krafttrainingsgeräten, findet sich die identische
Glassituation wie in der Rezeption wieder. Farbkonzepte mit Glasmosaiken an Wänden und
Böden machen hier auf sich aufmerksam.
Vom Erdgeschoß aus führen die Erschließungslifte zu den Zimmern. Ebenso steht ein Lift beim
Eingang zum historischen Siemens-Saal zur Verfügung. Dieser rund 100 m2 große Raum mit
Holzvertäfelung und üppigem Stuck, der früher von Carl Friedrich von Siemens als
Sitzungszimmer genutzt wurde, ist nach altem Vorbild, jedoch unter Verwendung satterer
Farbtöne, restauriert worden. Nicht nur mit Farbe sondern auch mit Licht- und Schattenspiel
werden hier Tiefen aber auch Zwischentöne produziert, die ergänzt durch Vorhangstoffe ein
repräsentatives Ambiente ergeben. Mit blauen Stühlen und Eichentischen mit Chromnickelstahl
ist die Möblierung elegant und modern gewählt worden. Anders als in den anderen
öffentlichen Räumen des Hotels herrscht hier eine intime Atmosphäre, und mit den kleinen
danebenliegenden Räumen eignet sich dieser Bereich besonders für Seminare oder Empfänge.
Die Flure zu den Zimmern sind mit Teppichböden mit großformatigen Blumenintarsien belegt.
Besonders interessant ist in den Gängen die Ausstellung von einfachen skulpturalen
Gegenständen auf Podesten, die das Deutsche Technische Museum zur Verfügung stellt. Bei der
Konzeption der Zimmer wurde sehr behutsam vorgegangen: Die Vielzahl unterschiedlicher
Grundrisse wurde durch das Gestaltungskonzept zu einer individualisierten Vielfalt
verbunden, die einmalig ist. 243 Zimmer, davon 43 Einzelzimmer und 200 Doppelzimmer
(inklusive 21 Junior-Suiten und 17 Atelierzimmern), stehen zur Verfügung. Alle Zimmer sind
klimatisiert, verfügen über Fernseher mit Video-on-Demand-System, Minibar, mobilen
Direktwahl-Telefonen, DSL-Anschluss und Wireless-LAN. Zwei Etagen sind zudem ausschließlich
für Nichtraucher reserviert.
Durch großzügige Türportale gelangt man in die Zimmer, in denen sich erneut der
Industriecharakter - durch Glasbausteine abgetrennte Bäder und
Industrie-Außenfassadenplatten im Eingang - wiederfindet. Eine großzügige Wahrnehmung
erfährt der Betrachter in den sehr hohen und luftigen Zimmern. Die Möbel aus Olivenholz
wurden von den Architekten selbst entworfen und nur durch zugekaufte Klassik-Stühle ergänzt.
Fünf sehr differenzierte Farbkonzepte mit “Polstern wie Chanelkostüme” und bis auf den Boden
fallenden Vorhängen prägen die Zimmer und erzeugen eine starke Individualität. Im
Dachgeschoß befinden sich die Atelierzimmer mit teilweise freistehenden Designbadewannen,
Atelierfenstern, Schrägen, transparenten Glasduschen sowie Glasmosaikböden.
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Hotel Mövenpick
Schöneberger Straße, Berlin
|
| Planung: |
Pia M. Schmid, Karsten Schmidt-Hoensdorf |
| Zimmer: |
243 |
| Konferenzräume: |
10 Zimmer für bis zu 300 Personen |
| Grundstücksfläche: |
4.300m² |
| Nutzfläche: |
20.000m² (inkl. Keller) |
| Planungsbeginn: |
2001 |
| Baubeginn: |
Oktober 2002 |
| Fertigstellung: |
März 2004 |
| Fotos: |
© Mövenpick |
| Text: |
Walter Laser |