Sieht man den Gasthof Grünen Baum zum ersten Mal, denkt man wohl,
dass man es mit einer geschmackvoll und sensibel restaurierten Bausubstanz zu tun hat. Am zweiten Blick
erkennt der Betrachter allerdings, dass es den Architekten und dem Bauherrn gelungen ist, die Geschichte
und den Charakter der Stadt im Maßstab des Gasthofes widerzuspiegeln.
Glurns zeichnet sich als kleinstes mittelalterliches Städtchen
Südtirols aus. Mit seiner vollständig erhaltenen Stadtmauer und zahlreichen karolingischen und
romanischen Kulturdenkmälern des Obervinschgaus ist Glurns, trotz seiner Winzigkeit, ein beliebtes
Ausflugsziel für Individual- und Kulturtouristen. Als die Betreiber des Gasthofs Grüner Baum sich für
einen Umbau entschieden, war klar, dass auf diese städtischen Besonderheiten auch im Kleinen eingegangen
werden muss. Ziel der Umbauarbeiten war es, den Gasthofbetrieb um einen Hotelbetrieb zu erweitern. Dieses
Tourismuskonzept war keine Neuerfindung, sondern vielmehr eine Wiederbelebung einer jahrhundertealten
Tradition des Gäste-Beherbergens, die im Grünen Baum allerdings vor 30 Jahren eingestellt wurde. Nachdem
die mittelalterliche Atmosphäre Glurns in letzter Zeit immer mehr Besucher angezogen hat, entschloss
man sich nun, dem Gasthof wieder die Zusatzfunktionen eines Hotels zukommen zu lassen. Um
wirtschaftlich rentabel zu arbeiten, wurde eine Erweiterung des Bestandes vorgenommen.
Grundsätzlich
zielt der architektonische Eingriff auf eine Neuschichtung der Nutzungen im Gebäude ab: Das Erdgeschoß
wird mittels einer Bar und Eisdiele als Kontaktraum zur Stadt öffentlich genutzt, während, je weiter
man in die oberen Etagen des Gebäudes gelangt, die privateren Räume der Hotelgäste angesiedelt sind. Im
ersten Obergeschoß gelangt der Hotelgast über die Rezeption in das schlichte aber exquisite Restaurant,
in dem allabendlich ein viergängiges Menü angeboten wird. In den drei voneinander getrennt begehbaren
Speisezimmern herrscht ein Ambiente, in dem sich gediegene Bautradition mit klassischem Möbeldesign der
Moderne verbindet. Hat man, nach einem kulinarisch genussvollen Abend, das Bedürfnis, auch den Geist zu
verwöhnen, kann man das in der angrenzenden Bibliothek tun. Ihre Nächte verbringen die Gäste in den
sanierten Zimmern im zweiten Obergeschoß, das über eine minimalistische Holztreppe zu erreichen ist. Um
die Wiederaufnahme des Hotels wirtschaftlich vertreten zu können, wurde das Dachgeschoß mit fünf
zusätzlichen Zimmern ausgebaut. Ein zentraler Aspekt des Sanierungsentwurfes war ein “sampling” von Alt
und Neu. Historische Räume wurden mit modernem Mobiliar bespielt, während die neuen Räume im Dachgeschoß
mit antiken Möbeln ausgestattet wurden. Durch dieses Prinzip entstand im Haus, trotzdem die beiden obersten
Geschoße vollkommen neu errichtet wurden, eine atmosphärische Kontinuität. Um nicht mit der Anmutigkeit
der Materialen des Altbestandes in Konflikt zu geraten, wurden alle neuen Elemente des Umbaues in
qualitativ hochwertigen aber zurückhaltenden Materialen ausgeführt. Ein elegantes Nur-Glasgeländer
erlaubt beispielsweise spannende Durchblicke in der zweigeschoßigen Hotellounge. Dieses scheinbar
unsichtbare Geländer sitzt in einer im Boden versteckten Metallkonstruktion und ist durch seine
Ausführung als Vollsicherheitsglas bruchsicher.
Mit äußerster Sensibilität wurde auch auf die
Ausstattung der Gästezimmer eingegangen: Der Logistik der ehemaligen Gästezimmer folgend findet die
Körperhygiene auch in den neuen Räumlichkeiten zum Teil im Schlafraum statt. Somit wird der Akt des
Waschens zum inszenierten Ritual, das sich den Mitteln herausragender Baddesignelemente bedient. So wird
beispielsweise eine Duschtasse, mit ihrem auf einem eleganten Metallring geführten weißen Vorhang, zur
Raumskulptur. Auch die mobilen Schränke in den Gästezimmern zitieren alte Reisekoffer – sie sind als
Eichenholzkisten mit verchromten Kofferecken ausgeführt, während sich die dahinter liegenden Wände in
allen Gästeräumen als Kalkputz ausgeführt äußerst dezent im Hintergrund halten. Diese Sensibilität wurde,
um die Räume völlig heterogen zu gestalten, im Lichtkonzept weitergeführt. In intensiver Zusammenarbeit
zwischen den Architekten und dem Lichtspezialist Halotech entstand ein durchgängiges Beleuchtungskonzept.
Es wurde eine Notwendigkeit gesehen, den edlen mit Patina besetzten Antiquitäten, Wänden und Vertäfelungen
im Haus mit der Oberflächengestaltung der Leuchten Gleichwertiges gegenüberzustellen. Aus dieser Motivation
heraus wurden Leuchten entwickelt, die mit ihrer brünierten Messingoberfläche eine Hommage an die
Exklusivität des Tourismus im 19. Jahrhundert sind. Die Positionierung der Lichtpunkte zielte nicht auf
eine einheitliche Ausleuchtung, als viel mehr auf Zonierungen und Akzentuierung ab. Das von den
unterschiedlichen Materialien reflektierte Licht schafft die Atmosphäre.
Die Dramaturgie der Raumabfolge
war Hauptaugenmerk sowie das Markieren diverser Objekte und Antiquitäten. Um flexible Tischarrangements
zu ermöglichen, entwickelte die Firma Halotech eine höhenverstellbare Pendelleuchte. Auch für die
Dachterrasse wurden, zugunsten einer “Salonatmosphäre” im Freien, spezielle Stehleuchten entwickelt.
Das Spiel mit Geschichte und Symbolik setzt sich auch im Restaurantbereich fort. Hier wird eine beinahe
raumhohe, an einen überdimensionalen Bilderrahmen erinnernde, Vitrine von Hochrädern und anderen
Kuriositäten des 19. Jahrhunderts bespielt.
Ins Rampenlicht gebracht werden im Grünen Baum aber nicht
nur hauseigene Ausstellungsstücke, sondern auch regelmäßig stattfindende Kunstausstellungen, die in den
mittelalterlichen Gängen stattfinden. Da das, von den Hoteliers, anvisierte Publikum der
kulturinteressierte, ruhe- und erholungssuchende Gast ist, scheint der Grüne Baum der ideale
Ausgangspunkt für verschiedene Aktivitäten zu sein. Möchte man einfach Ruhe haben und trotzdem nicht das
Weltgeschehen aus den Augen verlieren, bietet die hauseigene Bibliothek eine Vielfalt von Tageszeitungen
an. Ist man ein aktiver Bergmensch, lädt der nahe liegende Ortler, der höchste Berg der Ostalpen, zu
Touren ein. Und falls einfach nur ein Sonnenbad über den Dächern Glurns ein Teil des Urlaubtraumes ist,
so kann man das ganz einfach auf der Dachterrasse des Grünen Baumes tun.