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Aus Alt mach Neu


Gasthof zum Grünen Baum / Bilder: © Günther Richard Wett Gasthof zum Grünen Baum / Bilder: © Günther Richard Wett
Gasthof zum Grünen Baum / Bilder: © Günther Richard Wett Gasthof zum Grünen Baum / Bilder: © Günther Richard Wett
Gasthof zum Grünen Baum / Bilder: © Günther Richard Wett Gasthof zum Grünen Baum / Bilder: © Günther Richard Wett

Sieht man den Gasthof Grünen Baum zum ersten Mal, denkt man wohl, dass man es mit einer geschmackvoll und sensibel restaurierten Bausubstanz zu tun hat. Am zweiten Blick erkennt der Betrachter allerdings, dass es den Architekten und dem Bauherrn gelungen ist, die Geschichte und den Charakter der Stadt im Maßstab des Gasthofes widerzuspiegeln.

Glurns zeichnet sich als kleinstes mittelalterliches Städtchen Südtirols aus. Mit seiner vollständig erhaltenen Stadtmauer und zahlreichen karolingischen und romanischen Kulturdenkmälern des Obervinschgaus ist Glurns, trotz seiner Winzigkeit, ein beliebtes Ausflugsziel für Individual- und Kulturtouristen. Als die Betreiber des Gasthofs Grüner Baum sich für einen Umbau entschieden, war klar, dass auf diese städtischen Besonderheiten auch im Kleinen eingegangen werden muss. Ziel der Umbauarbeiten war es, den Gasthofbetrieb um einen Hotelbetrieb zu erweitern. Dieses Tourismuskonzept war keine Neuerfindung, sondern vielmehr eine Wiederbelebung einer jahrhundertealten Tradition des Gäste-Beherbergens, die im Grünen Baum allerdings vor 30 Jahren eingestellt wurde. Nachdem die mittelalterliche Atmosphäre Glurns in letzter Zeit immer mehr Besucher angezogen hat, entschloss man sich nun, dem Gasthof wieder die Zusatzfunktionen eines Hotels zukommen zu lassen. Um wirtschaftlich rentabel zu arbeiten, wurde eine Erweiterung des Bestandes vorgenommen.
Grundsätzlich zielt der architektonische Eingriff auf eine Neuschichtung der Nutzungen im Gebäude ab: Das Erdgeschoß wird mittels einer Bar und Eisdiele als Kontaktraum zur Stadt öffentlich genutzt, während, je weiter man in die oberen Etagen des Gebäudes gelangt, die privateren Räume der Hotelgäste angesiedelt sind. Im ersten Obergeschoß gelangt der Hotelgast über die Rezeption in das schlichte aber exquisite Restaurant, in dem allabendlich ein viergängiges Menü angeboten wird. In den drei voneinander getrennt begehbaren Speisezimmern herrscht ein Ambiente, in dem sich gediegene Bautradition mit klassischem Möbeldesign der Moderne verbindet. Hat man, nach einem kulinarisch genussvollen Abend, das Bedürfnis, auch den Geist zu verwöhnen, kann man das in der angrenzenden Bibliothek tun. Ihre Nächte verbringen die Gäste in den sanierten Zimmern im zweiten Obergeschoß, das über eine minimalistische Holztreppe zu erreichen ist. Um die Wiederaufnahme des Hotels wirtschaftlich vertreten zu können, wurde das Dachgeschoß mit fünf zusätzlichen Zimmern ausgebaut. Ein zentraler Aspekt des Sanierungsentwurfes war ein “sampling” von Alt und Neu. Historische Räume wurden mit modernem Mobiliar bespielt, während die neuen Räume im Dachgeschoß mit antiken Möbeln ausgestattet wurden. Durch dieses Prinzip entstand im Haus, trotzdem die beiden obersten Geschoße vollkommen neu errichtet wurden, eine atmosphärische Kontinuität. Um nicht mit der Anmutigkeit der Materialen des Altbestandes in Konflikt zu geraten, wurden alle neuen Elemente des Umbaues in qualitativ hochwertigen aber zurückhaltenden Materialen ausgeführt. Ein elegantes Nur-Glasgeländer erlaubt beispielsweise spannende Durchblicke in der zweigeschoßigen Hotellounge. Dieses scheinbar unsichtbare Geländer sitzt in einer im Boden versteckten Metallkonstruktion und ist durch seine Ausführung als Vollsicherheitsglas bruchsicher.

Mit äußerster Sensibilität wurde auch auf die Ausstattung der Gästezimmer eingegangen: Der Logistik der ehemaligen Gästezimmer folgend findet die Körperhygiene auch in den neuen Räumlichkeiten zum Teil im Schlafraum statt. Somit wird der Akt des Waschens zum inszenierten Ritual, das sich den Mitteln herausragender Baddesignelemente bedient. So wird beispielsweise eine Duschtasse, mit ihrem auf einem eleganten Metallring geführten weißen Vorhang, zur Raumskulptur. Auch die mobilen Schränke in den Gästezimmern zitieren alte Reisekoffer – sie sind als Eichenholzkisten mit verchromten Kofferecken ausgeführt, während sich die dahinter liegenden Wände in allen Gästeräumen als Kalkputz ausgeführt äußerst dezent im Hintergrund halten. Diese Sensibilität wurde, um die Räume völlig heterogen zu gestalten, im Lichtkonzept weitergeführt. In intensiver Zusammenarbeit zwischen den Architekten und dem Lichtspezialist Halotech entstand ein durchgängiges Beleuchtungskonzept. Es wurde eine Notwendigkeit gesehen, den edlen mit Patina besetzten Antiquitäten, Wänden und Vertäfelungen im Haus mit der Oberflächengestaltung der Leuchten Gleichwertiges gegenüberzustellen. Aus dieser Motivation heraus wurden Leuchten entwickelt, die mit ihrer brünierten Messingoberfläche eine Hommage an die Exklusivität des Tourismus im 19. Jahrhundert sind. Die Positionierung der Lichtpunkte zielte nicht auf eine einheitliche Ausleuchtung, als viel mehr auf Zonierungen und Akzentuierung ab. Das von den unterschiedlichen Materialien reflektierte Licht schafft die Atmosphäre.
Die Dramaturgie der Raumabfolge war Hauptaugenmerk sowie das Markieren diverser Objekte und Antiquitäten. Um flexible Tischarrangements zu ermöglichen, entwickelte die Firma Halotech eine höhenverstellbare Pendelleuchte. Auch für die Dachterrasse wurden, zugunsten einer “Salonatmosphäre” im Freien, spezielle Stehleuchten entwickelt. Das Spiel mit Geschichte und Symbolik setzt sich auch im Restaurantbereich fort. Hier wird eine beinahe raumhohe, an einen überdimensionalen Bilderrahmen erinnernde, Vitrine von Hochrädern und anderen Kuriositäten des 19. Jahrhunderts bespielt.

Ins Rampenlicht gebracht werden im Grünen Baum aber nicht nur hauseigene Ausstellungsstücke, sondern auch regelmäßig stattfindende Kunstausstellungen, die in den mittelalterlichen Gängen stattfinden. Da das, von den Hoteliers, anvisierte Publikum der kulturinteressierte, ruhe- und erholungssuchende Gast ist, scheint der Grüne Baum der ideale Ausgangspunkt für verschiedene Aktivitäten zu sein. Möchte man einfach Ruhe haben und trotzdem nicht das Weltgeschehen aus den Augen verlieren, bietet die hauseigene Bibliothek eine Vielfalt von Tageszeitungen an. Ist man ein aktiver Bergmensch, lädt der nahe liegende Ortler, der höchste Berg der Ostalpen, zu Touren ein. Und falls einfach nur ein Sonnenbad über den Dächern Glurns ein Teil des Urlaubtraumes ist, so kann man das ganz einfach auf der Dachterrasse des Grünen Baumes tun.


Gasthof zum Grünen Baum

Stadtplatz 7, I – 39020 Glurns

Bauherr: Manfred Bachmayer, Glurns/I
Projektpartnerschaft Flora/ Kapeller, Innsbruck/Schlanders (A/I);
Andreas Flora/Christian Kapeller
Lichtkonzept, Planung: Lichtfabrik Halotech
Grundstücksfläche: 346m²
Bebaute Fläche: 346m²
Umbauter Raum: 4.560m³
Planungsbeginn: Juni 2002
Baubeginn: 2001
Bauzeit: 8 Monate
Fertigstellung: Mai 2004
Fotos: © Günther Richard Wett
Text: Sandra Knöbl

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