Eine Renaissance des Brutalismus – Beton

16. April 2018 Mehr

In den letzten Jahrzehnten galten sie als verpönt – doch nun feiern die massiven Nachkriegsbauten aus Beton in der Architekturszene scheinbar ein Comeback. Durch ihre Fotogenität erleben die zum Teil sehr eindrucksvollen Bauten vor allem auf sozialen Netzwerken eine regelrechte Wiedergeburt. Aber nicht überall stößt dieser neue Trend auf Anklang. Kritiker befürchten, dass die steigende Beliebtheit brutalistischer Architektur einen negativen Einfluss auf den Baustil der Zukunft haben könnte.

Obwohl die klotzig anmutenden Bauten etwas anderes vermuten lassen, entsprang der Name für die Strömung etwa nicht dem Wort „Brutalität“, sondern der französischen Bezeichnung für rohen Beton, dem so genannten „beton brut“. Charakteristisch für den Baustil sind nämlich unbearbeitete Betonfassaden mit klaren geometrischen Formen, die den Gebäuden ihr raues und sogar kompromissloses Erscheinungsbild verleihen. Mit der bisweilen als brutal bezeichneten Ästhetik sollte „eine geistige Befreiung erlebt und zum Sehen gebracht“ werden. Berühmte Beispiele jenes Baustils sind unter anderem „Die Kirche zur Heilig­sten Dreifaltigkeit“ in Wien-Mauer von Fritz Wotruba, die Versöhnungskirche in Dachau von Helmut Striffler sowie der Belgrader Genex-Turm aus der Hand des Architekten Mihajlo Mitrović. Unter dem Einfluss dieser Stilrichtung entstanden aber nicht nur einzelne Bauwerke, sondern auch ganze Bildungskomplexe und Wohnsiedlungen. Zu erwähnen ist hier insbesondere die Siedlung Thalmatt, die im Nordwesten der Schweizer Hauptstadt Bern liegt.

 

Belgrad

©Blazej Pindor

 

Hat der Beton seinen Reiz verloren?
Bereits seit einigen Jahrzehnten sind die sogenannte Nachkriegsmoderne und der daraus entsprungene Brutalismus ein Schwerpunkt der baugeschichtlichen Forschung. Während heute immer öfter die positiven Seiten des Baustils beleuchtet werden, genießen viele der Betonbauten noch immer einen schlechten Ruf. Nicht selten wird der Brutalismus der 1960er- und 1970er-Jahre von Architekturkritikern als Dystopie bezeichnet. Immerhin sehen sowohl einige Experten als auch Laien in den daraus entstandenen Bauten nur brutale Betonmonster; einen Störfaktor im Ortsbild. Farblos, baufällig und menschenfeindlich – mit diesen Adjektiven werden also etliche Gebäude aus der Epoche des Brutalismus beschrieben. Hinzu kommt, dass der auf den ersten Blick farblose Stil auch heute noch mit Plattenbausiedlungen und verschlafenen Satellitenstädten am Rande von Metropolen in Verbindung gebracht wird. Unter diesem Gesichtspunkt wundert es wenig, dass vielen Bauwerken der Nachkriegszeit auch heute noch der Abriss droht.

Brutalismus als Gesellschaftskritik
Einen integrativen Faktor spielte der Brutalismus in den 1960er- und 1970er-Jahren. Durch die damals wachsende internationale Tendenz in Richtung einer Urbanität durch Dichte und der gleichzeitigen Abkehr von der funktionellen Stadt, hatten die massiven Bauten einen hohen Stellenwert. Da im Rahmen dieses Stils langfristige Tendenzen der heutigen Architektur erstmals erprobt wurden, spielt der Brutalismus auch heute eine wichtige historische Rolle.
Interessant ist, dass der nüchterne Stil der modernen Architektur eigentlich als Reaktion auf eine gesellschaftskritische Strömung entstand, die sich dem Dienst des Allgemeinwohls verpflichtet fühlte. Die auf den ersten Blick scheinbar nüchterne Idee entspringt einer Generation, die im rohen Beton eine Ästhetik der „Wahrhaftigkeit“ sieht und sich in dem Baustil auch ethisch wiederfindet. Die Ethik selbst bezieht sich dabei auf die Rolle des gebauten Raumes im Leben der Stadtbewohner – ein pompöser Baustil sollte der Funktionalität und dem Minimalismus weichen. Eine offenere Form des Bauens sollte zudem einen Gegenzug zur hierarchischen Architektur des Faschismus darstellen. Verbreitung fand diese Strömung innerhalb Europas ab den 1950er-Jahren, wobei sie bis in die 1980er-Jahre präsent blieb – so finden sich heute auf der ganzen Welt die massiven Bauwerke mit ihren charakteristischen Fassaden aus Beton.

Einen Namen machten sich in puncto Brutalismus und dem verwandten Strukturalismus vor allem Architekten aus dem ehemaligen Zusammenschluss Team10 – zu erwähnen sind hier unter anderem Peter und Alison Smithson, die mit Bauten zwischen 1953 und 1981 neue Raumstrukturen entwickeln wollten. Eine geschichts- und schnörkellose Bauweise, die sich von der Bourgeoisie distanzierte und gleichzeitig eine Repräsentation des ideologiefreien Wohlfahrtsstaats darstellte, sollte das Ziel sein. So wurden während der Nachkriegszeit zahlreiche öffentliche Gebäude und auch einige Stadtteile in jenem Stil errichtet.

Ernsthaft in Kritik gerieten die Betonkonstrukte erstmals in den 1990er-Jahren. Während dem Brutalismus zwar ein gut gemeinter Grundgedanke zugrunde lag, widersprachen viele der Bauwerke aber menschlichen und ästhetischen Bedürfnissen. Als problematisch erwiesen sich die Gebäude mit ihren charakteristischen Betonfassaden vor allem dort, wo sie in hoher Zahl und verdichteter Bauweise zum Einsatz kamen. Hinzu kam, dass die Bauten des Brutalismus durch die verstärkte Schmutzanfälligkeit von Beton ungepflegt und verfallen wirkten. Der Zahn der Zeit nagte also vergleichsweise stark an den Gebäuden, was den Konstruktionen recht bald ihren heutigen Ruf als Bausünde einbrachte.

 

Thalmatt

©Ginkgo2g

 

Ästhetik der Funktionalität
„Es gibt nichts, was diesen Baustil höflich oder niedlich macht. Er ist, was er ist.“ Dieses Zitat der Architektin Zaha Hadid beschreibt das Kernelement des Brutalismus. Die Architekturkritikerin verteidigte die Gebäude unter dem Gesichtspunkt, dass diese in erster Linie durch ihre Funktionalität im Alltag und nicht durch die ansehnliche Gestaltung ihrer Fassade überzeugen sollten. Umso ironischer ist es, dass viele Bauwerke der Nachkriegsmoderne gerade wegen ihrer Ästhetik wieder vermehrt in den Fokus der Bevölkerung rücken. Grund hierfür ist deren Fotogenität. Diesem Trend entsprang letzten Endes die Aktion #SOSBrutalismus, eine Rettungskampagne, welche viele der derzeit noch existierenden Betongebäude der Nachkriegszeit vor dem Abriss bewahren will. Ein Vorhaben, das durch eine Neubewertung des Baustils Früchte tragen könnte. Jedoch müssten viele Bauten hierfür renoviert, an die Bedürfnisse des heutigen Urbanismus angepasst und gegebenenfalls einer neuen Nutzung zugeführt werden – ein Unterfangen, das sowohl Städten als auch ihren Bewohnern Zeit und Geduld abverlangen würde.

Natürlich darf auch Kritik an den Bauwerken nicht zur Gänze ignoriert werden. Die aktuell steigende Beliebtheit der vermeintlichen Betonklötze wäre dann problematisch, wenn diese stadtpolitische Folgen nach sich ziehen würde. Beim Brutalismus mangelt es oft an Grünraum und einer dem Menschen zugewandten Bauweise. Vereinzelt können die Bauwerke dem Ortsbild durchaus Charakter und Individualität verleihen sowie ein Fundament für Stadterneuerungsprojekte darstellen – als Baustil für die Massen ist die nüchterne Architektur mit dem Rohbeton nicht geeignet.

Dem Thema Brutalismus und einer architektonischen Neubewertung der Bauten widmet sich seit 09. November 2017 die Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums „SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster“. Im Zuge der Exhibition können Besucher einen neuen Eindruck von den berühmtesten Bauwerken der Nachkriegsmoderne, die in Betongüssen und großen Modellen nachgebaut wurden, gewinnen. Die Ausstellung ist noch bis 02. April 2018 in Frankfurt zu besuchen. Das Architekturzentrum Wien widmet dem Brutalismus ab 02. Mai 2018 eine Ausstellung.

 

Wotrubakirche

©Holger Ellgaard

 

Text:©Dolores Stuttner

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Kategorie: Architekturszene