Eine städtebauliche Zeitreise

6. Juni 2018 Mehr

Raumstrukturen und ihre Gebäude erzählen immer eine Geschichte. Vor allem gesellschaftliche Entwicklungen und kulturelle Strömungen können das Bild einer Stadt darstellen. Diesem Phänomen widmet sich die Ausstellung „Metropolen: Wien – Buda­pest. Parallele Stadträume aus dem 20. Jahrhundert“ im Ringturm des ersten Wiener Gemeindebezirks. Dabei werden die markantesten baulichen Entwicklungen zwischen 1918 und 1970 mithilfe bildlicher Darstellungen und textlicher Erläuterungen unter die Lupe genommen. Sowohl Parallelen als auch Differenzen, welche die Architektur und Kultur der Hauptstädte im vergangenen Jahrhundert prägten, werden so veranschaulicht und bilden eine interessante Perspektive. Die Ausstellung im Wiener Ringturm kann noch bis 8. Juni 2018 besucht werden.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Angesicht der Politik
Kaum zwei Städte verfügen über so viele ähnliche Details wie Wien und Budapest. Zahlreiche Ringstraßen und wichtige Verkehrsknotenpunkte wirken auf den ersten Blick fast gleich. Zugleich stellen barocke Bauten und Burganlagen im Zentrum beider Metropolen ein wichtiges Erbe aus der Zeit der Doppelmonarchie unter Kaiser Franz Josef dar. Eine bedeutende und auch verbindende Rolle spielte in beiden Metropolen außerdem stets die Donau. Zwischen den Städten war diese ein wichtiges verbindendes Element und resultierte in ähnlichen Raumstrukturen. Daneben zeigt der Verlauf der Geschichte, dass das Gewässer nicht nur wirtschaftlich, sondern auch aus städtebaulicher Sicht von Bedeutung ist.

Einen großen Einfluss hatten während des 20. Jahrhunderts in beiden Städten – neben Trends in der Architektur – schließlich auch kulturelle und politische Strömungen. Nicht zuletzt ist das Ortsbild des letzten Jahrhunderts in den Siedlungsgebieten Zeuge einiger, bisweilen verheerender politischer Umbrüche. Die damit verbundenen gesellschaftlichen Strömungen äußerten sich in einem, zum Teil sehr pragmatischen Baustil. Als Ergebnis sind in beiden Städten sowohl nüchterne, in erster Linie funktionale Bauwerke sowie auch historische Prunkbauten als Zeugen einer längst vergangenen Epoche zu finden.

Sichtbar werden im Rahmen der Ausstellung aber nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch Differenzen des städtebaulichen Wachstums. Um die Entwicklung des Ortsbilds in beiden Städten zu verstehen, gilt es, einen Blick auf die Vergangenheit zu werfen. So stand Budapest im Vergleich zu Wien vor allem nach Ende des Zweiten Weltkriegs unter dem Einfluss des Kommunismus und stellte eine der wichtigsten Hauptstädte des Ostblocks dar. Daher wundert es nicht, dass viele Bauten der Metropole Ungarns auch heute noch pragmatisch erscheinen. Auch an einigen Straßennamen lässt sich der sowjetische Einfluss der Nachkriegszeit erkennen.

Wien war im 20. Jahrhundert stets als „Hochburg des Sozialismus“ bekannt. Zeugnis hiervon legen die massiven Wohnsiedlungen der 1920er Jahre ab. Stadtteile um den Raben- oder den Karl-Marx-Hof erinnern mit ihren Torbögen, sowie kleinen verwinkelten Gassen an Burghöfe aus dem Mittelalter. Viele der Bauten sind bis heute gut erhalten und stehen der Bevölkerung als Gemeindewohnungen zur Verfügung.

 

Per-Albin-Hansson-Siedlung

 

Die Kompromisslosigkeit des 20. Jahrhunderts
Ein neues Kapitel des Städtebaus begann entlang der Donau mit der Auflösung der Monarchie. Schon kurz nach dem ersten Weltkrieg wuchsen mit der Wirtschaft auch die Städte. Eine Konstante stellte in beiden Metropolen ironischerweise stets die Veränderung dar und die Stadtentwicklung des 20. Jahrhunderts unterscheidet sich von den vorhergehenden Epochen stark. Denn in früheren historischen Perioden vollzog sich die Veränderung der urbanen Räume in kleinen Schritten – das Aussehen der Stadt galt damit als berechenbare Konstante mit reguliertem Wachstum. Doch mit dem 20. Jahrhundert wurde die schnelle Veränderung als Spiegelbild des gesellschaftlichen Umbruchs zur Selbstverständlichkeit. Die städtebauliche Transformation stand dabei nicht immer unter positiven Vorzeichen. Denn während des 20. Jahrhunderts zerstörte Europa in kurzer Zeit während der Weltkriege mindestens genauso viel, wie es wieder aufbaute. Und für die Eliminierung ihrer gebauten Umgebung brauchten die Städte dieselbe Energie auf, wie sie später in ihre Zukunftsplanung steckten. Vor allem nach dem Krieg musste es schnell gehen. Nach dem Wiederaufbau war beispielsweise im immer stärker wachsenden urbanen Raum das Bedürfnis nach Wohnraum vorhanden. Die städtebauliche Qualität hatte im Angesicht der Wohnungsnot einen untergeordneten Stellenwert. Somit öffnete der Wiederaufbau einem neuen, nüchternen Baustil die Tore. Der daraus entstandene Modernismus mit seiner pragmatischen Bauweise schlug in Wien und Budapest jedoch verschiedene Wege ein. Während die Häuser in der Hauptstadt Österreichs mit Elementen wie dem Satteldach ihre traditionelle Form behielten, fand in Budapest eine bisweilen kompromisslose Moderne ihren Einzug. Viele Arbeitersiedlungen wurden beispielsweise mit einem Flachdach – einem Sinnbild der oberen Mittelschicht – versehen. Unterschiede dieser Art resultierten nach dem Krieg hauptsächlich aus der Ost-West-Trennung.

Die rasante Entwicklung des Städtebaus in den Donaumetropolen
Ein Potpourri aus zahlreichen Baustilen – so lässt sich das Ergebnis der Stadtplanung des 20. Jahrhunderts in Budapest und Wien beschreiben. Nicht nur das Flussufer der Donau, sondern auch Grünräume innerhalb des Orts dienten als städtebauliche Erweiterungsflächen. Nicht ästhetisch, aber vor allem praktisch waren die Wohnungen, die damals für mehr als 100.000 Menschen gebaut wurden.

Ein essenzielles Thema war in der Architektur des 20. Jahrhunderts auch die Geschwindigkeit. Überführungen, Tunnel und Straßen wurden gebaut, um die Reisezeiten innerhalb der Siedlungsgebiete zu verkürzen. Mit technologischem Fortschritt wurde jedoch nicht in erster Linie die Fahrzeit verkürzt, sondern die Stadt in der Fläche ausgeweitet. Eine Folge dieser Zerstreuung war unweigerlich ein noch größeres Verkehrsaufkommen, das sich zur Problemquelle entwickelte, jedoch zum Anstieg der Geschwindigkeit in puncto Fortbewegung, aber auch in Anbetracht des neuen Lebensstils in den Metropolen an der Donau passte.

Zur Ruhe kam der bisweilen als rücksichtslos anmutende Städtebau erst im Verlauf der 1970er Jahre. Mit den radikalen Maßnahmen der Planung stieg in der Bevölkerung nämlich gleichzeitig das Bedürfnis, die historische Bausubstanz zu schützen. Während in der Nachkriegszeit der Wiederaufbau sowie die Errichtung von Wohnungen Vorrang hatten, gewann mit Fortschreiten des Jahrhunderts der Historismus in beiden Städten an Bedeutung. Sowohl in Wien als auch in Budapest zeigte sich dieser Trend durch eine erhöhte Bereitschaft zur Restaurierung älterer Bauwerke. Als die Städte anfingen, immer größer zu werden, nahmen auch die Grünflächen im urbanen Raum einen immer höheren Stellenwert ein – dieser Prozess wurde auch als innere Suburbanisierung bezeichnet und spiegelte den Wunsch nach Eigenheim und dörflicher Ruhe wider. Sowohl in Budapest als auch in Wien stillten Planer dieses Bedürfnis mit dem Bau von Mehrfamilienwohnungen am Stadtrand. So hielt mit der Zeit die ländliche Idylle am Stadtrand Einzug – ein Wohntrend, der sich nicht nur in den beiden Großstädten, sondern auch in ganz Europa heute noch großer Beliebtheit erfreut.

 

Zeitreise - Friedrich-Engels-Platz

 

Text:©Dolores Stuttner

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Kategorie: Architekturszene