Nachhaltige Architektur – Planen für die Zukunft

16. November 2017 Mehr

Der globale Klimawandel, die Ausbeutung natürlicher Ressourcen sowie steigende soziale Konflikte prägen die heutige Zeit. Einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilität kann mitunter die Architektur leisten. Gemäß dem Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt- und Wasserwirtschaft (BMLFUW) sind nachhaltige Planungsmaßnahmen deshalb zu fördern. Mit dem diesjährigen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit prämierte das Ministerium zum fünften Mal zukunftsweisende Projekte mit Fokus auf Gesellschaftsentwicklung und Klimaschutz.

Die Preisträger haben dabei verschiedene Bauaufgaben in den Bereichen Neubau sowie Sanierung für die Sparten Wohnen, Arbeiten, Freizeit besonders kreativ und im Einklang mit dem Umweltschutz gelöst. Ausgeschrieben wird der Staatspreis Architektur im Zuge von „klimaaktiv“ – einer Initiative zum Klimaschutz des BMLFUW. Im Rahmen der Auszeichnung wurde vor allem darauf geachtet, dass alle Projekte einen wichtigen Beitrag zum Erreichen der Klimaziele bis zum Jahr 2050 leisten und dabei helfen, die Baukultur Österreichs weiterzuentwickeln. Aus insgesamt 76 Einreichungen nominierte die Jury unter Roland Gnaiger elf Projekte – fünf davon wurden am 3. Oktober 2017 schließlich mit dem Staatspreis für Architektur ausgezeichnet.

 

Nachhaltigkeit spielt in der Architektur eine große Rolle.

Kulturkraftwerk oh456 in Thalgau, Salzburg

 

Beispiele für nachhaltige Bauweisen
Bei der Auseinandersetzung mit klimaverträglicher Architektur stellt sich natürlich die Frage, wodurch sich Nachhaltigkeit überhaupt auszeichnet. Die Entstehung des Begriffs geht auf die Forstwirtschaft im 18. Jahrhundert zurück. Damals erkannte der Bergbauhauptmann Hans Carl von Carlowitz einen Zusammenhang zwischen der massiven Rodung von Wäldern und einer daraus resultierenden Holzknappheit sowie negativen gesellschaftlichen Entwicklungen. Daraus entwickelte sich die Forderung nach einer Generationengerechtigkeit – propagiert wird demnach eine Wirtschaftsweise, die neben ökonomischem Gewinn Umweltverträglichkeit sowie eine soziale Verantwortung einschließt. In der Architektur bedeutet Nachhaltigkeit – oder auch Resilienz – eine langfristige, bedarfsgerechte und dauerhafte Planung unter der Verringerung ökologischer Lasten und der Berücksichtigung des Wohlergehens zukünftiger Generationen. Hierfür braucht es einen integralen Planungsansatz, der ökologisch-ökonomische Elemente in der Gestaltung verbindet und auch das Mitgestaltungsrecht der Benutzer einbezieht.

Einige Projekte in Österreich, die diese Anforderungen erfüllten, wurden mit dem Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit in Innsbruck gewürdigt. Zu den ausgezeichneten Projekten gehört unter anderem das neunerhaus Hagenmüllergasse im 3. Wiener Gemeindebezirk. Die Jury überzeugte dieses Konzept der pool Architekten ZT GmbH in erster Linie durch seinen gesellschaftlichen Nutzen. In der Einrichtung finden obdachlose Menschen nämlich Hilfe zur Selbsthilfe, wobei diesen zusätzlich 79 Kleinstwohnungen in Passivhausqualität zur Verfügung stehen.

Eine weitere Idee, die aufgrund ihrer Zukunfts­trächtigkeit prämiert wurde, ist die Volksschule Edlach in Dornbirn, Vorarlberg. Dietrich|Untertrifallner Architekten ZT GmbH brach hierfür die baufällige Volksschule aus den 1960er Jahren ab und baute diese am selben Standort wieder neu auf. Aufgrund der sensiblen Raumkomposition finden moderne Lernformen beste Bedingungen. Zusätzlich setzt das Gebäude mit einer Fotovoltaikanlage, Chemikalienmanagement und einer Komfortlüftung einen innovativen Ansatz in Richtung Umweltschutz.

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Volksschule Edlach in Dornbirn, Vorarlberg

 

Prämiert wurde auch die Sanierung des Gemeindeamts Zwischenwasser in Muntlix, Vorarlberg. Im Zuge dieses Projekts wurde eine behutsame Modernisierung des Gebäudes aus den 1930er Jahren vorgenommen, wobei eine Absenkung und eine barrierefreie Öffnung des Baus zum Vorplatz hin erfolgten. Zudem integrierte das zuständige Architekturbüro HEIN Architekten Elemente aus Holz und Glas. Auch dieses Gebäude bedient sich beim Betrieb erneuerbarer Energien – diese liefert das Bundesheizkraftwerk der Gemeinde sowie eine Fotovoltaikanlage.

Eine Verbindung aus kreativer und erneuerbarer Energie liefert das Plusenergie-Bürogebäude und Kulturkraftwerk oh456 in Thalgau, Salzburg. Bei der Umsetzung des Projekts verknüpften die Planer Altbewährtes mit innovativen Ansätzen – so wird der Bedarf an Wärme und Strom des Komplexes von sps-architekten zt gmbh über das eigene Wasserkraftwerk und eine Fotovoltaikanlage gedeckt. Zusätzlich verfügt das Bauwerk über variable und offene Grundrisse sowie über eine fast rahmenlose, hochgedämmte Fassade.

Zu guter Letzt ist noch das Vorarlberger Montafonhaus in Feldkirch zu erwähnen. Dieses Veranstaltungsgebäude wurde von der Stadt errichtet und zeichnet sich durch vielfältige Nutzungsmöglichkeiten aus. Daneben überzeugt der Bau durch seine gute Integration in das städtebauliche Umfeld. Mit seiner organisch geschwungenen Gestaltung schafft das Gebäude Stadträume mit hoher Aufenthaltsqualität.

Bei den prämierten Bauobjekten handelt es sich jedoch nicht nur um nachhaltige, sondern vor allem auch um besonders innovative Projekte. Diese bringen qualitätvolle Bauweise mit nachhaltiger Architektur in Einklang. Dadurch nehmen sie eine wichtige Stellung als Leuchtturmprojekte für zukunftsträchtiges Bauen ein. Die ausgezeichneten Projekte zeigen auf, wie sich klimaverträgliche Bauweise in Architektur und Stadtplanung integrieren lässt. Bemerkenswert an der Auswahl der Siegerobjekte ist auch, dass diese in ihrer Gestaltung sowie in Bezug auf ihren Standort zum Teil sehr unterschiedlich ausfallen. Demnach gibt es mehrere Wege, Nachhaltigkeit – sei es mit gesellschaftlichem oder ökologischem Schwerpunkt – zu realisieren.

Architektur als Disziplin mit einer wichtigen Aufgabe für die Gesellschaft
Längst hat die Architektur nicht nur einen funktionalen Nutzen – Planer haben heute umso mehr die Aufgabe, den immer differenzierteren Ansprüchen heutiger und nachkommender Generationen gerecht zu werden. Dabei kann die Architektur auch einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung der Gesellschaft leisten. Dies gilt nicht nur für einzelne Bauwerke, sondern auch für den Straßenraum. In erster Linie besinnen sich nachhaltige Architektur und Stadtplanung darauf, dass Ressourcen und Flächen nicht endlos zur Verfügung stehen. Darum werden der schonende Umgang mit Baumaterialien und Raum sowie die Nutzung erneuerbarer Energien immer wichtiger. Gemäß Architekt Wolfgang Frey setzt sich Nachhaltigkeit in der Planung aus fünf Prinzipien zusammen. So muss eine auf den Umweltschutz optimierte Bauweise ökologisch, leistbar, innovativ, gesellschaftlich integrativ und lohnend sein. Diese fünf Prinzipien verdeutlichen, dass ein integraler Planungsansatz notwendig ist, um ökologisch und sozial nachhaltige Projekte zu realisieren. Nicht immer sind hierfür technische Installationen notwendig – so lässt sich bereits mit einem begrünten Dach ein hoher Grad an Nachhaltigkeit erreichen. Ein Flaggschiff stellt diesbezüglich die 2008 eröffnete Academy of Sciences in San Francisco von Renzo Piano dar. Auf einer begrünten Dachfläche von 41.000 Quadratmetern sollen in Zukunft 1,7 Millionen Pflanzenarten wachsen und für eine Kühlung der darunter liegenden Räume sorgen. Viele Maßnahmen zur Erhöhung der Klimaverträglichkeit erfordern also keine komplexen oder kostspieligen Vorgänge – Dach und Fassadenbegrünungen lassen sich bereits mit einfachen technischen Mitteln und ohne hohe Ausgaben verwirklichen.

 

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neunerhaus Hagenmüllergasse in 1030 Wien

 

 

Text: ©Dolores Stuttner

Fotos: ©BMLFUW/Kurt Hoerbst

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Kategorie: Architekturszene, Newsletter